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„Ich fühle mit allen, die so etwas über sich ergehen lassen müssen“

Kiel „Ich fühle mit allen, die so etwas über sich ergehen lassen müssen“

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) spricht über die Torten-Attacke auf Sahra Wagenknecht (Linke) und über den Abend, bei dem er selbst Opfer eines solchen Vorfalls wurde.

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„Auf einmal merkst du, wie furchtbar angreifbar und verletzlich du bist.“ „Torsten Albig

Kiel. Herr Ministerpräsident, Sie wurden im Herbst 2011, noch als Kieler Oberbürgermeister, auf einer SPD-Veranstaltung Opfer eines Tortenwurfs. Ein Obdachloser hatte Streit mit dem Sozialamt und rächte sich an Ihnen als Oberbürgermeister. Was fühlt man da?

Torsten Albig: Da gibt es zwei Etappen. Zunächst realisierst du, dass du plötzlich aussiehst wie ein Clown. Du denkst: Und so muss ich hier jetzt noch eine Stunde lang eine ernsthafte Diskussion durchstehen. Cool bleiben, habe ich dann gedacht und so etwas Ähnliches gesagt wie „Schmeckt gut, hätte ich aber lieber auf ’nem Tablett gehabt.“ Die zweite Phase kommt später, zu Hause, wenn du alleine bist – und auf einmal merkst, wie furchtbar angreifbar und verletzlich du bist.

Trotz Personenschutz?

Albig: Ja. So was geht viel zu schnell. Zu Hause realisierst du dann plötzlich: Ich könnte jetzt tot oder verletzt sein, wenn er mit etwas anderem auf mich zugekommen wäre. Ich hatte das noch gar nicht ausgesprochen, da fragte meine Frau mich schon, warum ich plötzlich so blass wäre.

Was hat Ihre Frau, was haben die Kinder zu der Attacke gesagt?

Albig: Die haben allesamt viel schneller als ich begriffen, was das für ein Angriff auf meine, auf unsere Privatsphäre war. Sie waren sehr erschrocken. Meine Tochter hat mich gefragt: Papa, was hast du denn da für einen blöden Job, so als Politiker? Sie fand es besonders furchtbar, wie diese Attacke plötzlich in unsere Familie hineingriff.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Albig: Ich war danach bei öffentlichen Auftritten zunächst viel gehemmter, habe Menschen misstrauischer beäugt. Du bist dann erst einmal nicht mehr ganz du selbst. Wirst verschlossener. Man fasst irgendwann wieder Vertrauen, aber manchmal kommt das Gefühl doch wieder hoch. Bei einer Beamten-Demonstration zum Beispiel, als ein Teilnehmer seinen Schuh auszog und so tat, als wolle er ihn nach mir werfen. Ich habe schnell geguckt, ob meine Sicherheitsleute das gesehen haben. Hatten sie.

Wie gehen Sie mit den Bildern von dem Vorfall in den Medien um?

Albig: Natürlich muss über solche Vorfälle berichtet werden. Was davon im Internet gezeigt wird, ist ja sowieso kaum zu kontrollieren. Aber es wäre schön, wenn die Zeitungen zum Beispiel nicht das Sofort-Foto von so einer Attacke veröffentlichen würden. Lieber das einen Moment später, wenn die Torte vielleicht noch am Anzug klebt, aber nicht mehr im Gesicht. In einem solchen Moment sieht ja jeder Mensch aus wie ein Idiot. Da gibt es keine Würde. Und wir sollten auch auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als seien Politiker irgendwie andersartige Menschen, die so was locker nehmen können und zu deren Berufsbild es irgendwie dazu gehört, so was über sich ergehen zu lassen wie bei einer schlechten Show.

Fühlen Sie mit Sahra Wagenknecht mit, die am Wochenende auf dem Linken-Parteitag attackiert wurde?

Albig: Ja, sehr. Ich fühle mit allen, die so etwas oder sogar Schlimmeres über sich ergehen lassen müssen. Wir können uns mit Worten streiten. Aber so eine Attacke ist absolut inakzeptabel. Sie ist nicht nur ein physischer Angriff, sondern immer auch einer auf die Psyche.

Müssen Politiker besser geschützt werden?

Albig: Ich glaube: nein. Das wäre eher wieder so ein Vorgaukeln von Schein-Sicherheit. Meine Sicherheitsleute saßen direkt hinter dem Angreifer. Der war aber vorher ganz unscheinbar.

Sollen wir bei jeder Veranstaltung Taschenkontrollen einführen?

Albig: Nein. So etwas müssen wir aushalten. Und wo wir es können, müssen wir darauf hinwirken, dass die Menschen einsehen, dass man so etwas nicht tut, dass man diese Grenze nicht überschreitet. Das ist das Einzige, was wirklich schützt. nterview: W. Hammer

Das ist geschehen

2011 ist der damalige Kieler Oberbürgermeister und SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig Opfer einer Torten-Attacke geworden. Im Kieler Wissenschaftspark hatte ihm am 21. November ein 45-jähriger Obdachloser eine Schwarzwälder-Kirschtorte entgegengeworfen. Der Mann wurde überwältigt. Der Politiker verzichtete auf eine Anzeige.

Beim Linken-Parteitag am vergangenen Sonnabend in Magdeburg bekam Fraktionschefin Sahra Wagenknecht eine Torte ab – aus politischem Protest.

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