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„Ich habe meinen Platz gefunden“

Lübeck „Ich habe meinen Platz gefunden“

Schwester Anna ist Nonne. Vor sechs Jahren zog die Lübeckerin in ein bayerisches Kloster — und will bleiben.

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Zu diesem Ort fühlte sich Schwester Anna hingezogen: Das Kloster St. Scholastika Neustift liegt im niederbayerischen Ortenburg.

Lübeck. Sie erinnert sich noch genau an den Moment, als sie zum ersten Mal gefühlt hat, dass sie ins Kloster gehen will. Es war ein Ostersonntag. Schwester Anna hieß damals noch Franziska Schütz und war 40 Jahre alt. Sie war wie schon öfter zu Besuch gekommen ins Kloster St. Scholastika Neustift und nahm an dem Gottesdienst teil. Alles war sehr feierlich.

Der Tabernakel wurde geöffnet, in dem die Hostie liegt. „Wir glauben, dass die Hostie der verwandelte Leib Christi ist, und deshalb verehren wir sie“, erklärt sie. Als sie gemeinsam mit den anderen Nonnen betete, habe sie sich gerufen gefühlt. „Ich habe mich verliebt.“

Das ist jetzt sechs Jahre her, und Schwester Anna lebt seitdem in dem römisch-katholischen Kloster in Niederbayern. Sie hat mit ihrem Geburtsnamen auch ihr altes Leben abgelegt. Innerhalb der Klostermauern leben die Nonnen in ihrer eigenen Welt. Der Tagesablauf ist auf die Minute genau durchgetaktet. Bei Entscheidungen muss die Mutter Oberin um Erlaubnis gefragt werden. Für viele Menschen wäre dieses Leben nicht vorstellbar. Schwester Anna sagt: „Ich habe meinen Platz gefunden.“

So sicher war sie sich am Anfang noch nicht. Der Wunsch, ins Kloster zu gehen, habe sie zuerst erschreckt. Sie habe lange nachgedacht. „Ich musste meine Freunde und Familie verlassen“, sagt sie. Das sei schwer gewesen, ebenso wie vom Meer wegzuziehen. „Aber ich habe mich hergezogen gefühlt.“ Als Franziska Schütz lebte sie damals in einer Wohnung in der Lübecker Innenstadt. Sie hatte Deutsch und Englisch studiert und bis kurz vor ihrem Eintritt an ihrer Doktorarbeit geschrieben. Ihre erste Arbeitsstelle hatte sie im Kloster. Dort arbeitet sie jetzt als Lehrerin in der dazugehörigen Realschule für Mädchen. Als sie noch studierte, habe sie viel Freizeit gehabt. Doch die Umstellung auf den vorgegebenen Klosteralltag sei ihr nicht schwer gefallen. Im Gegenteil: Die Struktur gefalle ihr.

Die Tage im Kloster beginnen sehr früh. Um zwanzig nach fünf Uhr wird zum ersten Mal gebetet. Die Nonnen versammeln sich gemeinsam in der Kapelle. Dort sitzen sie auf großen Holzstühlen und singen mit hohen Stimmen auf Latein. Sie tragen den schwarzen Habit. Nur das Gesicht ist zu sehen. Die zierliche Schwester Anna scheint in ihrem fast zu versinken. Fünfmal am Tag kommen die Nonnen zusammen.

Die Gottesdienste bestimmen ihren Alltag. Das Beten im Kloster gefalle ihr besonders, sagt sie. Mit 30 habe sie angefangen, sich intensiv mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen. Sie habe alleine gebetet. „Aber in der Gemeinschaft ist es viel besser.“ Die Beziehung zwischen den Nonnen sei ähnlich wie eine Familie. Einige seien Freundinnen. „Aber es ist wie überall. Mit einigen hat man mehr Kontakt als mit anderen.“

Nur das Schweigen sei ihr am Anfang schwergefallen. „Mir war nicht bewusst, dass es so oft ist“, sagt sie. Während des Essens wird nicht gesprochen. Wenn etwas Dringendes ist, darf auf den Fluren geflüstert werden. Schwester Anna berührt mit den Fingerspitzen ihre Kreuzkette und sagt: „Wir machen Konflikte mit uns alleine aus. Aber es ist anders, alleine zu sein, wenn Gott dabei ist.“

Sieben Jahre dauert die Ausbildung einer Nonne. Danach kann sie für immer im Kloster bleiben. Schwester Anna hat sich entschieden. Zwischen den Feiertagen will sie sich Zeit nehmen, um sich für die sogenannte ewige Profess zu bewerben. „Ich kann mir nicht vorstellen, in mein altes Leben zurückzukehren“, sagt sie.

Die Aufgaben der Nonnen im Kloster

41 Schwestern wohnen im Haus, dazu kommen in zwei anderen Standorten elf und dreizehn Schwestern. Sie kümmern sich im Kloster St. Scholastika Neustift um den Haushalt, den Garten, die Verwaltung und die Gäste im Kloster. Einige arbeiten in Kindergarten, Schulen oder in der Altenpflege. Das Chorgebet, geistliche Lesungen und die Zurückgezogenheit in die Klausur prägen den Alltag.
1924 wurde das Kloster in Ortenburg eingeweiht. Es gehört zum Frauenorden Benediktinerinnen der Anbetung. 1925 wurde in dem Kloster eine Schule errichtet, 1929 ein Kindergarten. Die Schwestern leben nach der Regel des heiligen Benedikt und widmen sich der Eucharistischen Anbetung, der Verehrung des gegenwärtigen Leibs Christi in Form einer gewandelten Hostie.

Alessandra Röder

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