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Incirlik Im Einsatz gegen den Terror

Luftwaffensoldaten aus Schleswig-Holstein tun seit sechs Monaten Dienst auf der Airbase im türkischen Incirlik.

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Hauptfeldwebel Sören B. und Oberfeldwebel Sven W. (l.) vor einem Tornado aus Jagel in Incirlik.

Quelle: Fotos: Felix König (5), Bundeswehr (1)

Incirlik. Sven W. (28) aus Kiel lebt und arbeitet derzeit in Incirlik. Das wahre Gesicht dieses Vororts der türkischen Millionenstadt Adana, 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, hat er jedoch nie gesehen. Aus Sicherheitsgründen. Sven W. ist Triebwerksmechaniker auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt und wartet die Tornados des Luftwaffengeschwaders aus Jagel (Kreis Schleswig-Flensburg), die von Incirlik seit sechs Monaten täglich zu Aufklärungsflügen nach Syrien starten. Die Kaserne darf er nicht verlassen.

LN-Bild

Luftwaffensoldaten aus Schleswig-Holstein tun seit sechs Monaten Dienst auf der Airbase im türkischen Incirlik.

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Für den Oberfeldwebel kein Problem. Andere Dinge sind wichtiger: „Wir fühlen uns hier sicher“, sagt er. Kein Wunder – die „Airbase“, wie der auch von Türken und Amerikanern genutzte Stützpunkt meist genannt wird, ist von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Die mit Betonbarrikaden bewehrten Tore bewachen Soldaten mit durchgeladenen Sturmgewehren. Nur wer die umfangreichen Sicherheitskontrollen am Eingang passiert und entweder einen Befehl oder eine türkische Besuchsgenehmigung vorweisen kann, darf eintreten.

In ordentlichen Wohnblocks westeuropäischen Standards wohnen die in Incirlik stationierten Soldaten, überwiegend Amerikaner, die bis vor einiger Zeit oft mit der ganzen Familie da waren. Seit März ist das anders. „Die Amerikaner haben im März die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen und Familienangehörige nach Hause geschickt“, informierte Oberst Michael Krah (49), der Kommodore des Geschwaders, bereits Anfang Mai. Auch die deutschen Soldaten, die seit Dezember in Incirlik sind, dürfen die Kaserne daher nicht verlassen, nicht einmal bis zum Tor gehen. „Die Amerikaner sehen eine erhebliche Anschlagsgefahr außerhalb des Geländes“, so Krah.

Für die Anwohner von Incirlik, die zuvor überwiegend von den Soldaten lebten, hat das verheerende Folgen. Die lange Ladenzeile mit Teppichgeschäften, Restaurants, Autovermietungen und Tattoo-Shops gleich gegenüber vom Stacheldrahtzaun der Airbase ist fast vollständig verwaist, die meisten Schaufenster sind leer.

„Hunderte Geschäfte im Ort haben geschlossen“, beklagt Teppichhändler Nuri Kaya (46), dessen Laden als einer der letzten noch existiert. „Unsere Teppiche sind für die Amerikaner gemacht“, sagt er. Es sind folkloristische Produkte mit traditionellen Mustern. „Türken kaufen so etwas nicht.“ Unterschriften seien gesammelt und den Kasernenkommandanten übergeben worden – ohne Erfolg. „Wir sind alle wütend über die Situation.“

Gefährlich sei es dennoch nicht in Incirlik, behauptet Anwohner Tam Sadat (54). „Niemand tut hier den Soldaten etwas. Im Gegenteil: Wir würden uns vor sie stellen und sie beschützen.“

Die politische Lage indes ist angespannt. Die Türken, die die Oberhoheit in der Airbase haben, untersagten Anfang des Monats kurzerhand einen Pressetermin mit den deutschen Piloten. Und erst diese Woche wurde einem Verteidigungsstaatssekretär der Zutritt verboten: Deutsche Politiker seien dort derzeit nicht erwünscht. Es herrscht kaum ein Zweifel, dass der Streit mit Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan um die kürzlich beschlossene Armenienresolution des Bundestages der Grund ist.

„Das ist Politik“, bemerkt Frisör Halid Yildirim (44) achselzuckend . „Die Deutschen sind unsere Freunde, das waren sie schon immer.“ Dennoch findet Erdogan breite Zustimmung – als politischer Vordenker wird er kaum infrage gestellt. Nur ein Politiker genießt wohl bis heute höheres Ansehen: Yildirim deutet auf ein Bild des Reformers Atatürk (1881–1938) in seinem Laden. „Ein großer Mann.“

Dabei hätten gerade in Incirlik die Menschen allen Grund, sauer auf die Regierung zu sein. Auch Bauruinen und leer stehende Wohnungen zeugen von der Krise, die das Fernbleiben der ausländischen Soldaten verursacht – und staatliche Hilfe scheint nicht in Sicht. „Früher wohnten viele Amerikaner hier im Ort, manche haben türkische Frauen geheiratet“, erzählt Yildirim. „Das ist nun vorbei.“

Von all dem sind Oberfeldwebel Sven W. und seine Kameraden während ihres im Durchschnitt zweieinhalb Monate langen Einsatzes völlig abgeschirmt.

Während die Piloten im Einsatz ihr Leben riskieren, ist der Tagesablauf im Stützpunkt vergleichsweise risikolos und festgefügten Regeln unterworfen. Die Triebwerksmechaniker arbeiten im Schichtdienst, schlafen in Gebäuden, in denen an die 100 Soldaten untergebracht sind, auch solche anderer Nationen. Die Zusammenarbeit mit den amerikanischen und türkischen Soldaten erfolge in „professioneller Augenhöhe“, sagt Sven W.s Mitstreiter Hauptfeldwebel Sören B. (35). Von Freizeitkontakten ist nicht die Rede.

Im Gespräch mit Bundeswehrsoldaten wird deutlich, dass die Deutschen keinen leichten Stand haben in Incirlik. „Wir sind hier nur zu Gast“, sagt der Presseoffizier vor Ort und es klingt ein wenig resigniert. „Geduldet“ wäre wohl das bessere Wort. Der Einsatz soll noch länger fortgesetzt werden und einiges könnte besser sein. Das Verteidigungsministerium hat angekündigt, den Stützpunkt für 65 Millionen Euro auszubauen, doch die Umsetzung scheint schwierig.

Dabei ist der Einsatz über Syrien ein wichtiger Bestandteil der Strategie der internationalen Allianz im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), der nicht zuletzt dem Schutz des türkischen Bündnispartners dient.

Die Deutschen machen das Beste aus ihrer Lage. Die Kaserne nicht verlassen zu dürfen beispielsweise, das gebe es ja auch bei anderen Einsätzen, überlegt etwa Sven W. Zeit dafür bleibe ohnehin kaum.

„Nach einem langen Tag möchte ich mich einfach nur ausruhen und mit der Familie telefonieren oder skypen.“

Seine Unterkunft befindet sich ganz in der Nähe der Start- und Landebahn. Was eine nicht unerhebliche Geräuschbelastung darstelle, so Sven W. „Früh morgens starten bereits zahlreiche Flugzeuge der Allianz.“ Trotzdem schlafe er gut. „Im Durchschnitt arbeiten wir hier zehn bis zwölf Stunden, bei Tagestemperaturen von über 30 Grad und oft im Freien“, sagt der Oberfeldwebel. „Anschließend bin ich ziemlich geschafft und freue mich auf den Schlaf.“

Wofür er das alles in Kauf nimmt, weiß Sven W. genau. „Wir haben alle die schrecklichen Bilder der Terroranschläge von Paris und Brüssel gesehen“, sagt der Zeitsoldat. „Wir sind hier, damit alle Menschen, insbesondere unsere Familien, sich hoffentlich in Zukunft nicht mehr vor Terroranschlägen fürchten müssen und ihr gewohntes Leben in Freiheit und Sicherheit führen können.“

 Marcus Stöcklin

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