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Norddeutschland Immer mehr Menschen im Norden in der Schuldenfalle
Nachrichten Norddeutschland Immer mehr Menschen im Norden in der Schuldenfalle
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10:36 19.01.2016
Immer mehr Schleswig-Holsteiner versinken in Schulden Quelle: Jens Wolf /dpa
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Kiel/Lübeck

Immer mehr Schleswig-Holsteiner versinken in Schulden. Besonders betroffen von einer Überschuldung sind alleinerziehende Frauen und alleinlebende Männer. Das geht aus dem ersten Schuldenreport für das Land hervor, der gestern in Kiel vorgestellt wurde. Um ein repräsentatives Bild zu bekommen, waren die Daten der 35 Beratungsstellen im Land und die Überschuldungszahlen des Statistischen Bundesamts ausgewertet worden.
Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil im Land befinden sich alleinerziehende Mütter sowie Single-Männer überproportional häufig in einer finanziell schwierigen Situation. Sorgen machen obendrein die Senioren: Der Anteil der über 65-Jährigen, die sich überschulden, ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen – auf knapp sieben Prozent im vergangenen Jahr. Gleichzeitig beobachten die Experten das Phänomen, dass junge Erwachsene oft hoffnungslos in der Kreide stehen.
Am häufigsten führten Arbeitslosigkeit, unwirtschaftliche Haushaltsführung, Erkrankung und Trennung oder Scheidung vom Partner zu einer finanziell prekären Lage, erläuterte Alis Rohlf, Koordinatorin der Schuldnerberatung im Norden. Bei jungen Leuten seien es etwa der übereilte Abschluss eines neuen Mobilfunkvertrags oder die Bestellung über den Internet-Versandhandel, die einen in die Schuldenfalle stolpern lasse. Die Zahl der Beratungen nehme auf hohem Niveau von Jahr zu Jahr leicht zu, sagte Rohlf. „Vor allem aber werden die Fälle immer komplexer.“ Schulden würden oft nicht bewusst gemacht, ergänzte Petra Lange von der Schuldnerberatung der Hansestadt Lübeck. „Oft sind es Schicksalsschläge wie Krankheiten, die Menschen finanziell zurückwerfen.“
Auffällig viele Klienten haben ein niedriges Nettoeinkommen. Knapp die Hälfte von ihnen hat weniger als 900 Euro monatlich zur Verfügung. „Wir müssen trotz Mindestlohns eine gesellschaftliche Debatte über angemessene Löhne führen“, forderte deshalb Landespastor Heiko Naß. Der erschreckend hohe Anteil von Frauen an den Ratsuchenden zeige, „dass zu wenig getan wird, damit Alleinerziehende genug Zeit für Erziehung und gleichzeitig ausreichend Geld im Portemonnaie haben“, richtete Naß einen Appell an die Politik.
Der Schuldenreport verdeutliche eindrucksvoll, dass sich trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosenzahlen immer noch viele Menschen in einer prekären finanziellen Situation befinden, konstatierte Koordinatorin Rohlf.
Im vergangenen Jahr hatten 26 780 Menschen Schuldnerberatungsstellen im Land in Anspruch genommen – Kurzberatungen wurden dabei nicht erfasst. Die Dunkelziffer liegt mutmaßlich im sechsstelligen Bereich. „Wir gehen davon aus, dass uns nur 15 Prozent der Betroffenen überhaupt aufsuchen“, sagte Rohlf.

Curd Tönnemann

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