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Norddeutschland Innenminister auf Unfallfahrt — zum Glück nur im Simulator
Nachrichten Norddeutschland Innenminister auf Unfallfahrt — zum Glück nur im Simulator
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23:07 24.10.2013
Stress am Steuer: Innenminister Andreas Breitner fährt in der Eutiner Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung den neuen Fahrsimulator der Landespolizei Probe. Kaum unterwegs, touchiert der ehemalige Polizist beim Überholen einen Lastwagen. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Eutin

Mit 30 Stundenkilometern geht es gemächlich vom Hof der örtlichen Polizeiwache auf die Straße. Das Blaulicht und Martinshorn werden eingeschaltet. Da naht der erste Gefahrenpunkt: Am Straßenrand parkt ein schwarzes Auto, welches es links zu überholen gilt. Von vorne kommt ein Lkw entgegen. Der Sitz der Fahrerkabine ruckelt. Die Autotür ist weg. Fahrer Andreas Breitner (SPD) hat trotzdem gut lachen: „Mitte der 90er Jahre war ich das letzte Mal auf Blaulichtfahrt“, sagt der Innenminister, „aber da gab es niemals so brenzlige Situationen wie hier.“

Virtuell fuhr der ehemalige Polizist mit Automatik in einem Sprinter durch Hausen in Bayern, aber physisch saß er gestern zum ersten Mal in der Fahrerkabine eines Fahrsimulators in der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und für die Bereitschaftspolizei in Eutin. Nach Bayern und Thüringen erwarb nun auch die schleswig-holsteinische Landespolizei einen Fahrsimulator und nimmt somit eine Vorreiterrolle im Norden ein.

Der Fahrsimulator soll dazu beitragen, dass die Polizeibeamten unter dem Stress einer Einsatzfahrt sicherer und vorausschauender fahren und dadurch die Zahl der Verkehrsunfälle mit Streifenwagen in Schleswig-Holstein sinkt. Denn zu viele Blaulichtfahrt enden, noch bevor die Beamten den Einsatzort erreichen. Im vergangenen Jahr kam es zu 69 Verkehrsunfällen mit Polizeiautos bei Einsatzfahrten.

Dabei wurden 21 Menschen verletzt, darunter 13 Polizeibeamte. In 30 Fällen verursachten Polizeibeamte durch ihr Fahrverhalten den Unfall. Die Reparaturkosten für die beschädigten Einsatzfahrzeuge betrugen 254 750 Euro. Die Statistiken anderer Jahre zeichnen ein ähnliches Bild.

Innenminister Breitner besuchte gestern den ersten Lehrgang von sieben Polizeifahrlehrern, die theoretisch und praktisch durch Einsatzfahrten-Trainerin Nicole Speetzen vom Hersteller-Unternehmen IFE Systems GmbH geschult wurden. „Es ist eine sehr wirklichkeitsnahe und gute Übung“, resümiert Breitner seine Trainingsfahrt. „Man muss sich voll konzentrieren. Das Fahrgefühl und die Perspektive waren ungewohnt.“ Die Kosten für das Simulationssystem, technische Einweisung und Schulung der Ausbilder betragen nach Angaben des Ministers 215 000 Euro. Für Polizeischüler ist das Training auf dem Fahrsimulator von nun an Bestandteil ihrer Ausbildung. Doch auch Polizisten mit vielen Dienstjahren können das Fortbildungsangebot nutzen. „Wir schließen mit dem Training eine Ausbildungslücke“, sagt Kriminalhauptkommissar Lothar Gahrmann, „denn vorher konnten sich die Kollegen nur auf die Ratschläge anderer Kollegen und das Sonder- und Wegerecht stützen.“ Beim Fahr- und Sicherheitstraining auf dem Übungsplatz in Eggebek ließen sich das realistische Verkehrsgeschehen und eine Blaulichtfahrt nicht gefahrlos nachstellen. „Der Fahrsimulator ist somit eine gute Ergänzung“, sagt Breitner, während er eine Ampel im Schritttempo bei Rot überfährt. Zügig und unfallfrei geht es auf die Landstraße Richtung Ostheim. Wenig später erreicht der Minister sichtlich gestresst den Unfallort.

• Die Fahrt des Ministers zeigt ein Video auf LN-Online.de

Blaulichtszenen aus dem Alltag
Im neuen Fahrsimulator können die Landespolizisten 65 verschiedenen Szenen mit unterschiedlichsten Gefahrenschwerpunkten testen. Mal müssen sie schnell reagieren, wenn ein Fußgänger plötzlich auf den Zebrastreifen läuft, mal müssen sie Geduld beweisen, wenn sich Rettungsgassen nur langsam bilden. Die Szenarien spielen in der Stadt, auf dem Land und auf Autobahnen. In vielen Alltagsszenen bei jedem Wetter, tags oder nachts, sollen sie erlernen, wie sich Unfälle vermeiden lassen. Der Simulator trainiert die Konzentration des Fahrers, hilft, Situationen früh richtig einzuschätzen und gibt Handlungssicherheit. Die Fahrsimulationssoftware hat das Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften (WIVW) entwickelt. Grundlage ist eine Auswertung von tatsächlichen Verkehrsunfällen bei Einsatzfahrten.

Janine Richter

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