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Norddeutschland Interview mit Albig: „Wir werden immer ein Land sein, in dem du atmen kannst“
Nachrichten Norddeutschland Interview mit Albig: „Wir werden immer ein Land sein, in dem du atmen kannst“
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18:35 23.01.2017
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig Quelle: dpa
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Als Schleswig-Holstein vor 70 Jahren als Bundesland gegründet wurde, galt es vielen nur als Übergangslösung bis zu einer Länder- Neuordnung. Heute scheint es besser dazustehen als je zuvor. Was ist das Geheimnis dieses Landes?

Torsten Albig: Das Geheimnis ist, dass bei uns Menschen zu Hause sind, die dem Land, unseren Regionen, unserer wunderschönen Landschaft sehr verbunden sind, die ganz bewusst Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner sind. Das ist viel stärker als in vielen dieser oft so bestaunten Metropolen, wo du hinziehst, weil es irgendwie „in“ ist. Vor 70 Jahren kamen zu 1,6 Millionen Einwohnern eine Million Kriegsflüchtlinge hinzu. Das Land hat sich neu erfinden müssen. Vielleicht ist auch dieser Außenblick eine Stärke: dass viele von uns in ihren Familien erlebt haben, was es heißt, fremd zu sein, dann aber heimisch zu werden.

Muss man hier anders Politik machen als in anderen Ländern?

Albig: Wir haben ja immer den Ruf, dass hier besonders krawallig Politik gemacht werde. Das stimmt aber nicht. Mein Eindruck ist, dass Politik hier – mit wenigen Ausnahmen – viel besonnener, ruhiger und gelassener gemacht wird. Wir sind auch im Miteinander sehr verlässlich. Hier gilt, was man sagt.
Sie sind der 14. Ministerpräsident. Was denkt man beim Betrachten der Ahnengalerie?

Albig: Es ist mir sehr bewusst, dass da zum Teil sehr bedeutende Menschen Politik gemacht haben, auch wenn dies oft erst im Rückblick erkannt und leider oft vergessen wurde. Ich erinnere mich, wie ich in Bonn einmal den alten Gerhard Stoltenberg einsam die Straße habe entlanggehen sehen. Das hat mich traurig gemacht. Ich bin mit ihm als Ministerpräsident groß geworden. Vielleicht können wir die 70-Jahr-Feier noch stärker zum Anlass nehmen, daran zu erinnern, dass alle, die in unserem Land als Ministerpräsidentin oder Ministerpräsident Verantwortung getragen haben, als das wahrgenommen werden, was sie waren: Dienerinnen und Diener unseres Landes, die unseren Respekt verdienen, egal wo sie politisch standen.
In Bayern muss der Regierungschef den politischen Raufbold geben können, in NRW Kumpel sein, in Berlin Party machen. Welche Rolle spielt er in Schleswig-Holstein?

Hier sind einige Impressionen aus 70 Jahren Schleswig-Holstei. Schleswig-Holstein erlebte in dieser Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Postkutschen verschwanden aus dem Straßenbild, die Badetouristen kamen...

Albig: Er muss Land und Stadt können, in der Kirchgemeinde eine ordentliche Rede halten, aber auch auf dem Pferdemarkt. Er muss vor allem jemand sein, der den Menschen zugewandt ist. Das ist wichtig, weil sich dieses Land über Vertrauen und Nähe definiert. Ich bekomme sicher mehr Rückmeldungen als meine Kollegen in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Deren Staatskanzleien sind kleine Kanzlerämter. Die von Schleswig-Holstein ist näher bei den Menschen. Eher wie in einem guten Rathaus.
Wo geht ihrer Einschätzung nach die Reise dieses Landes hin?

Albig: Ich glaube, wir haben den besten Teil unserer Geschichte noch vor uns. Wir werden in einem zusammenwachsenden Europa davon profitieren, dass wir Mittler sind zwischen einer baltischen, russischen und mitteleuropäischen Welt. Wir werden über ein flächendeckendes Glasfasernetz überall neue Arbeit und Teilhabe ermöglichen. Es werden mehr Firmen hierher ziehen. Wir werden nicht der Schlafort der Metropole Hamburg sein, sondern die Alternative zu ihr. Die Menschen werden merken, dass es in den Metropolen sehr eng, teuer und ungemütlich wird. Wir hingegen werden immer ein Land sein, in dem du Raum zum Leben hast, deinen Nachbarn noch kennst – und in dem du atmen kannst.

Interview: W. Hammer

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