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Norddeutschland Jetzt gibt’s Elternzeit für Kühe
Nachrichten Norddeutschland Jetzt gibt’s Elternzeit für Kühe
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21:43 08.02.2017
Eine Mutterkuh mit Kalb im Stall von Bauer Möller in Lentföhrden. Die Kälber dürfen hier drei Monate lang bei der Mutter bleiben. Quelle: Fotos: Lutz Roessler
Lentföhrden

Eine glückliche Kuh-Familie – wo gibt es denn das? Fast nirgendwo, ist die traurige Antwort. Außer bei Bauer Möller in Lentföhrden (Kreis Segeberg). Dort liegt Bulle „Gerrit“ gemütlich im Stroh, während die Mutterkühe herumstehen und fressen. Ihre Kälber laufen munter dazwischen herum, trinken am Euter ihrer Kuh-Mama so oft sie mögen.

„De Öko Melkburen“ beschreiten neue Wege bei der Milcherzeugung – Die Nachfrage ist groß.

Milchkühe im Norden

394 000 Milchkühe gibt es in Schleswig-Holstein. Die Zahl der konventionell wirtschaftenden Milchviehbetriebe sinkt, derzeit sind es noch etwa 3600. Daneben gibt es 460 Öko-Betriebe – ihre Zahl steigt.16 000 Liter Milch im Maximum gibt eine Holstein-Kuh im Jahr. Die schwarzweiß gefleckten Holsteiner gelten als eine der leistungsfähigsten Milchkuhrassen weltweit.

„In der konventionellen Haltung werden die Kälber schon in den ersten Tagen von der Mutter getrennt“, sagt Bio-Bauer Hans Möller (52). Er hat 30 Milchkühe, und derzeit 14 Kälber. Drei Monate dürfen Mutterkuh und Kalb bei ihm zusammenbleiben. Fast eine Kalb- Kindheit.

„Kühe sind Herdentiere“, erklärt Möller. „Und die Kälber sind hier vom ersten Tag an in die Herde integriert.“ Sie tollen herum, sind sehr selbstbewusst und neugierig. „Sie bilden auch eine kleine Kälbergruppe, die gemeinsam auf Entdeckungsreise geht.“ Das sei „sehr spannend zu erleben“, findet der Bauer. Die Kälber lernen schnell zu grasen und trinken vier bis sechs Liter Milch am Tag. „Das kostet Geld“, ist Möller klar. 800 bis 1000 Liter Milchertrag pro Kuh und Jahr gehen durch die tierfreundliche Haltung verloren. „Der Liter Milch von uns kostet deshalb im Einzelhandel jetzt zwischen 1,79 und 1,99 Euro.“ Doch der Landwirt meint: „Unseren Kunden ist es das wert. Die wollen, dass wir unsere Kälber so artgerecht aufziehen, die fragen danach.“

„Wir“, das sind außer Möller noch Achim Bock (57) aus Lutzhorn (Kreis Pinneberg) und Heino Dwinger (52) aus Schmalfeld (Kreis Segeberg). Die drei Landwirte haben sich zur Erzeugergemeinschaft „De Öko Melkburen“ zusammengeschlossen.

Ihre „Vier-Jahreszeiten-Milch“ ist bundesweit die erste im Einzelhandel erhältliche, die ausschließlich aus muttergebundener Kälberaufzucht stammt, informiert Ulf Schönheim (45) von der „Regionalwert AG“. Die AG unterstützt die Bauern , ebenso wie die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“.

Zu kaufen gibt es die kälbergerechte Milch in Rewe-, Edeka- und Denn’s-Märkten im Norden sowie in Naturkostläden. „Die Nachfrage ist größer als das Angebot“, so Schönheim. Tierschützer Martin Lipka (46) lobt: „Die Kälber bleiben gesünder, wenn sie länger bei der Mutter sind.“ Sie bekommen seltener Kälberdurchfall, brauchen weniger Medikamente. Und sie lernen ein gesundes Sozialverhalten. Die Muttertiere hingegen leiden kaum noch unter Euterentzündung und Milchfieber.

Bauer Möller ist überzeugt, dass er auf dem richtigen Weg ist. 40 Hektar bewirtschaftet er, davon 20 Hektar Eigenland – in vierter Generation. An der Gründung der Regionalwert AG etwa, in die inzwischen 350 „Aktionäre“ mindestens 500 Euro eingezahlt haben, um nachhaltige Bio-Landwirtschaft zu fördern, war Möller selbst beteiligt. Schon vor 15 Jahren habe er umgestellt auf Öko. „Weil ich den Irrsinn nicht mehr mitmachen wollte – immer mehr, immer größer.“ Ein wichtiger Schritt für ihn, ein wichtiger Schritt für die Tiere. Möller freut sich, wenn er sieht, dass es den Tieren gut geht auf seinem Hof. Die Kunden freuen sich, die Kühe und Kälber vermutlich auch. Möller: „Ich habe einfach das Gefühl, dass es so richtig ist.“

 Marcus Stöcklin

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