Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Jetzt ziehen die Sammler los
Nachrichten Norddeutschland Jetzt ziehen die Sammler los
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 21.10.2012
Lübeck

Mölln – Da ist er, der Wald. Und da drin sind sie, die Pilze. Aber einfach loslaufen und pflücken, so einfach ist das nicht. Alexander Glomb (23), seines Zeichens Pilz-Sachverständiger aus Gudow, reckt die Beine aus dem Auto und zieht seine Gummistiefel an. Jemand wedelt mit einer Plastiktüte, doch Glomb winkt energisch ab. „Nicht bei mir.“ Plastiktüten verboten. Weil die Pilze vermatschen, schimmeln, ungenießbar werden. „Die meisten Vergiftungsfälle entstehen nicht durch Giftpilze, sondern durch verdorbene Speisepilze“, belehrt Glomb.„Aber wenn man sie kocht?“, wagt jemand einzuwenden. Glomb zuckt. „Pilze“, er betont jede Silbe, „ kocht man nicht. Dann kann man sie gleich wegschmeißen.“ Ach so. Glomb selbst hat das Richtige dabei, natürlich: Einen geflochtenen Weidenkorb, ein scharfes Messer. „Und los geht’s.“Nach wenigen Schritten bleibt der Experte an einem umgestürzten Baumstamm stehen. Gleich hier, der erste Pilz! „Das wär’ ein honiggelber Hallimasch.“ Glomb hält ihn wie eine Trophäe in die Höhe. „Kann man ihn essen?“, fährt er fort und gibt die Antwort gleich selber: „Nein. Sehen Sie, hier: Der hat schon Goldschimmel angesetzt.“ Glomb zeigt auf eine gelbliche Verfärbung unter dem Schirm. Er schmunzelt zufrieden. „Sonst könnte man ihn essen. Der Hallimasch ist ein beliebter Speisepilz.“Maronen radioaktiv belastetDer Hallimasch, doziert der Sachverständige weiter, ist das größte Lebewesen der Welt. Wieso? Der Pilz, oder was der Laie dafür hält, ist nur der Fruchtkörper. Der eigentliche Pilz, das ist der weiße Faden darunter. Er dehnt sich über mehrere Quadratkilometer aus, kann ein Gewicht von 600 Tonnen haben. Und rund 2000 Jahre alt werden. Ein Lebewesen, ja. Und zwar ein ganz besonderes. Glomb blickt herausfordernd in die Runde. „Pilze gehören nicht zu den Pflanzen und nicht zu den Tieren. Sie sind was eigenes, diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt. Gott sei dank. Pilze haben ihr eigenes Reich. “ Und im Reich der Pilze scheint außer den Schwammerln selbst kaum jemand so sehr zu Hause wie Glomb. Der von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) geprüfte Sachverständige wurde von seinem Biologielehrer in Rehna mit dem Pilz-Virus „infiziert“. Heute macht er Lehrwanderungen. „Lehr mit ,h’ oder mit zwei ,e’, je nachdem.“ Ihm geht es längst nicht mehr darum, bloß wohlschmeckende Speisepilze zu finden. „Das langweilt mich.“Er sei mehr auf „so was“ aus, setzt er hinzu und bückt sich rasch nach einem kleinen, dünnen Pilz. „Magic“, strahlt Glomb und drückt mit Daumen und Zeigefinger den Stiel zusammen. Ein Tropfen bildet sich unter dem Stengel. „Kommt Milch raus“, kommentiert Glomb begeistert. „Das ist ein Orangemilchiger Helmling.“Kann man ihn essen? Immer die gleiche Frage, und Glomb stellt und beantwortet sie auch diesmal selbst. „Bei Täublingen und Milchlingen muss man probieren. Schmeckt der Pilz scharf oder angenehm?“ Aber lieber nicht runterschlucken! Für Anfänger sei die Methode sowieso ungeeignet. „Der grüne Knollenblätterpilz beispielsweise schmeckt sehr mild. Und ist giftig.“ Er verdreht die Augen. „Machen Sie nicht den Fehler, beim ersten Mal nur mit einem Lehrbuch ausgerüstet auf Pilzjagd zu gehen.“ Probieren geht über studieren: Manche Pilze schmecken nach Anis, manche nach Rettich, wie der rosa Rettichhelmling, manche nach Knoblauch. Ein bis zwei Knoblauch-Schwindlinge in der Pfanne sind okay, sagt Glomb, bei mehr droht Durchfall. Den giftigen Rettichhelmling sollte man keinesfalls verzehren, ebenso wenig Anistrichterlinge. Manche Arten, die mancher früher bedenkenlos aß, gelten heute als krebserregend. Wie die Nebelkappe. Auch Maronen sind mit Vorsicht zu genießen. „Wussten Sie, dass Maronen radioaktiv belastet sind?“ Warum, weiß Glomb ausnahmsweise nicht, mit Tschernobyl habe das aber nichts zu tun. Er zuckt die Achseln, Steinpilze seien nicht radioaktiv belastet, nein, die nicht. Maronen seien roh ohnehin giftig, sie enthalten Cadmium und Quecksilber. „Pilze nie roh essen“, warnt er. „Man sollte Pilze vor dem Essen grundsätzlich 15 Minuten erhitzen. Und man kann sie auch aufgewärmt gut essen.“ Pilz mit HähnchengeschmackImmer noch ist Glombs Korb leer. Dabei ist Auswahl genug da: Der mit einem Teppich aus bunten Blättern gepolsterte Waldboden ist übersät mit Pilzen aller Größen und Farben. Selbst orangene und dunkelgrüne sind dabei. Doch, da: Glomb hat einen Riesenporling entdeckt, einen Baumpilz, den isst er sehr gerne. „Schmeckt nach Hähnchen. Hat auch die Konsistenz. Allerdings wird er beim Braten schwarz. Und essbar ist nur der Rand.“ Stockschwämmchen, die nebenan auf einem bemoosten Baumstumpf wachsen, findet er persönlich übrigens auch besser als Steinpilze.Viele Pilze schmecken einfach nach Pilz, andere nach gar nichts. Allenfalls kauen sie sich wie Marshmallows – so wie der keulenartige Flaschenstäubling. Oder die glibberigen Eispilze an einem Fichten-Baumstumpf. Glomb hat sie schon mal probiert. „Die sind wie Gummibärchen.“Ein Pilzgericht ist jedes Mal ein kleines Abenteuer, immer etwas Besonderes. Selbst Trüffel gedeihen in Deutschland, es gibt rund 50 verschiedene Arten. Nicht alle sind essbar. Am besten schmecken alle Pilze natürlich frisch. Die Pfifferlinge und Steinpilze im Laden kommen meist aus Weißrussland oder Rumänien, haben dann schon einen langen Weg hinter sich. In Deutschland stehen sie unter Schutz, dürfen nur für den privaten Verzehr gepflückt werden.Symbiose mit BäumenDoch jeder kann sie finden. Viele Pilze gehen eine Symbiose mit bestimmten Bäumen ein. Durch das unterirdische Fadengeflecht der Pilze können die Baumwurzeln mehr Wasser aufnehmen, die Pilze bekommen dafür bestimme Nährstoffe. Die beliebten Steinpilze etwa gedeihen unter Buchen oder Eichen, Lärchenröhrlinge unter Lärchen, Fliegenpilze unter Birken. Bis zu 10 000 Pilzarten gibt es in Deutschland, nur 200 davon sind essbar. Pilzsaison ist das ganze Jahr. Jetzt im Herbst aber besonders. Doch die Saison ist kurz, sagt Glomb. „Wenn der erste Frost kommt, sind sie alle hin.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Am kommenden Sonntag wählen die Kieler ihren neuen Oberbürgermeister. Auch ein Grüner rechnet sich Chancen aus.

21.10.2012

Ein Brand in einem Abfallwirtschaftszentrum in Flensburg hat am Samstag einen Großeinsatz der Feuerwehr ausgelöst.

21.10.2012

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen beginnen am kommenden Mittwoch zwei neue Prozesse gegen Rockerkriminalität in Kiel.

21.10.2012