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Norddeutschland Jetzt zieht‘s die Spinnen in die Häuser
Nachrichten Norddeutschland Jetzt zieht‘s die Spinnen in die Häuser
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16:27 21.09.2013
Eine Listspinne, aufgenommen in der Grönauer Heide. In ihrem Netz wartet die Arachnide auf Grashüpfer, die das Pech haben, in ihrem Netz zu landen. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen (2), dpa

Die meisten Menschen würden es eher nicht wagen, was Ingo Ludwichowski tut. Mit dem Zeigefinger angelt er vorsichtig unter dem Schutzblech einer Straßenlaterne herum, um das, was sich darin befindet, herauszulocken. Mit Erfolg. Wie ein Stein fällt ein drei Zentimeter großes Etwas aus der Nische, das sich nach gut einem Meter elegant an einem unsichtbaren Faden abfängt und acht haarige Beine zu erkennen gibt. Eine Kreuzspinne. „Ein Weibchen, sogar ein ziemlich dickes“, sagt Ludwichowski. „Die suchen sich gern Lampen als Wohnstätte aus. Dort gibt es viele Insekten.“

Schon der Gedanke an derartige Begegnungen der achtbeinigen Art, wie sie der Biologe und Nabu-Landesgeschäftsführer in der Grönauer Heide hat, lassen vielen Menschen einen Schauer über den Rücken laufen. Vor allem Spätsommer und Frühherbst sind von Spinnenphobikern gefürchtet. „Spinnen gibt es natürlich das ganze Jahr über“, erklärt der 52-Jährige. Gegen Ende des Sommers hin ziehe es die Tiere aber vermehrt in die Häuser, wo sie auf ein gemütliches Winterquartier hofften. Hinzu komme, dass die Population durch fleißige Vermehrung im Jahresverlauf zum Herbst hin auch einfach größer sei als im Frühjahr.

Ludwichowski hat keine Berührungsängste. Im Fall von Spinnen sei es ohnehin nur die Angst, die es zu fürchten gelte. Die Tiere selbst seien für den Menschen harmlos — zumindest in unseren Breiten.

Zwar könne der Biss einer Kreuzspinne ähnlich brennen wie der Stich einer Wespe. Das aber nur, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass die Spinne das Ohrläppchen erwischt. Gegen andere menschliche Hautpartien könnten die Tiere nichts ausrichten. Zwar komme die extreme Angst vor Spinnen laut Ludwichowski nicht häufiger vor als andere Phobien auch. Das Unwohlsein, wenn eine Spinne in der Nähe ist, sei aber sehr verbreitet.

Für Phobiker und auch normal Ängstliche am schwersten zu ertragen ist die Große Winkelspinne, die — nomen est omen — zu beachtlicher Größe heranwachsen kann und zu allem Überfluss vorzugsweise in Gebäuden auftaucht. „Sie bauen keine Netze, sondern sind als Jagdspinnen ständig unterwegs“, sagt der Biologe. Auf ihrer Suche nach Beute könnten sie „schon mal die Bettdecke hochkrabbeln“. Wer Winkelspinnen im Haus habe, der habe allerdings auch keine Probleme mit Silberfischchen und ähnlichem Getier. Wem Silberfischchen lieber sind, dem empfiehlt der Tierschützer folgende Fangmethode:

Marmeladenglas über die Spinne und dann versuchen, eine Postkarte darunter zu schieben. Das Aufsaugen mit dem Staubsauger brächte die Tiere hingegen um. Winkelspinnen haben aber selbst auch Fressfeinde im Haushalt. Die filigranen Zitterspinnen mit den charakteristischen langen Beinen und dem kleinen Leib sind imstande, ihre sehr viel größeren Artgenossen zu überwältigen. Zitterspinnen im Haus reduzieren damit die Gefahr, von einer Winkelspinne überrascht zu werden.

Über welche große Artenvielfalt die Gattung der Spinnen verfügt, erschließt sich bei einem Streifzug durch die herbstliche Natur. Die sonnenbeschienenen Lichtungen der Grönauer Heide sind zum Beispiel ein wahres Dorado für Arachniden. Ludwichowski entdeckt bei seinem Streifzug immer wieder neue Arten: Die mit Taranteln verwandten (aber wesentlich kleineren) Wolfsspinnen, winzige Krabbenspinnen, die genau so aussehen, wie sie heißen, niedliche Springspinnen oder die schlanken, langbeinigen Listspinnen. „Selbst in unseren Breiten gibt es an die tausend Spinnenarten“, erklärt der Biologe. Spinnen kämen zudem in sehr viel größerer Zahl vor, als mancher vermuten würde. Das habe auch seinen Sinn. „Gäbe es weniger von ihnen, könnten wir vor lauter Mücken und Fliegen kaum die Hand vor Augen sehen.“

Jede Menge Spinnen
43 678 Arten umfasst die Ordnung der Webspinnen weltweit. Sie ist damit die artenreichste innerhalb der Familie der Spinnentiere, zu der auch Milben, Weberknechte und Skorpione gehören. Als weltweit gefährlichste Spinnen, deren Biss tödlich sein kann, gelten die in Südamerika beheimatete Bananenspinne und die Schwarze Witwe, die auch in Südeuropa verbreitet ist.

Oliver Vogt

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