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Kämpferin gegen den Krebs: „Lass das nicht an mich ran“

Lübeck Kämpferin gegen den Krebs: „Lass das nicht an mich ran“

Die 48-jährige Kücknitzerin Marlies Beyer erzählt, warum sie ihr Leben trotz der Diagnose nicht verändert – ihr größter Wunsch: die eigenen Haare behalten.

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Lübeck. Vor 22 Jahren erkrankte sie das erste Mal an Krebs. 30 Mal wurde sie damals bestrahlt. Sie dachte, sie hätte alles überstanden. Dann kam der Anruf. Es war 12 Uhr mittags, ein Tag in diesem Januar, und der Boden zu ihren Füßen riss auf. Warum immer ich, fragte sie sich, obwohl sie wusste, das ist Zufall, der Arzt hatte es ihr erklärt. Ein Bekannter von ihr ist an Multiple Sklerose erkrankt, auch keine schöne Sache, sagt sie.

Wenn Marlies Beyer von der Veranda ihres Häuschens in den Garten tritt, dann kann sie die Kinder in der Schule am Ende der Straße hören. Früher ist sie selbst dorthin gegangen, heute ist sie 48

Jahre alt, sie hat nie woanders gewohnt als im Stadtteil Kücknitz, die Familie war ihr immer wichtiger. Ihren Mann lernte sie beim Nachbarn kennen, ihre Tochter wohnt einen Windstoß entfernt, auch der Vater, die Schwester. Würde man sie fragen, was Kücknitz ihr bedeutet, sie würde wohl sagen, das Viertel an der Autobahn, es sei der schönste Platz der Welt.

Ihre Schwester war dabei, als das Telefon klingelte. Der Arzt am anderen Ende der Leitung sagte, es sehe nicht gut aus. Er sprach von bösartig, aggressivem Gewebe, da gab es nichts zu beschönigen.

Marlies Beyer saß an diesem kalten Mittag in ihrem Wohnzimmer, ihre Beine zitterten, sie brach in Tränen aus; Weinen tröstet, Weinen lindert Schmerz. In den folgenden Wochen sah ihr Terminkalender so aus: 15. Februar Gespräch mit Frauen- Arzt. 16. Februar MRT. 18. Februar Knochenzintigram, 23. Februar Operation zum Verlegen des Portkatheders. 24. Februar Gespräch mit Onkologen, 1. März erste Chemotherapie, drei Grad meldete an dem Tag Lübeck, meteorologischer Frühlingsbeginn.

Marlies Beyer, enge Hose, schmal geschnittene Bluse, wirkt, als wäre sie verkehrt in ihrer eigenen Geschichte. Wüsste man es nicht besser, man würde zweifeln. Krebs? Sie? Sie lacht, sie ist guter Dinge. Gesund sieht sie aus. Ihre Haare trägt sie neuerdings kurz. Sie hielt es nicht mehr aus, überall ihre Haare, selbst im Essen lagen sie. Das Wochenende vor Ostern ist sie beim Friseur gewesen, auf dem Handy zeigt sie ein Foto. „Alle sagen, dass es besser aussieht als früher.“ Sie sitzt auf der Couch, streckt den Rücken durch, sie spricht jetzt leise. Für sie wäre es das Schlimmste, ihre Haare zu verlieren. „Es sieht so krank aus.“ Sie weiß, dass es befremdlich klingt, sie kennt das Gerede, immer wollen die Leute von ihr wissen, warum sie sich so anstellt mit ihren Haaren, aber die Vorwürfe bedeuten ihr nichts. „Für mich wäre es das Schlimmste, wie gesagt.“ Sie schaut auf das Foto. „Meine Schwester hatte kreisrunden Haarausfall; die weiß, wie ich mich fühle.“ Und das ist auch der Grund, warum sie nicht lange überlegte, als der Arzt ihr von einer neuen Therapie erzählte. 20 bis 30 Prozent der Haare würde sie verlieren, mehr nicht, versprach er. Trotz Chemotherapie. Und deswegen trägt sie jetzt zu jeder Behandlung in der Praxis eine Kältekappe, acht Stunden hintereinander, von acht Uhr morgens bis 15 Uhr am Nachmittag (siehe Beistück). Für ihre Haare macht sie einiges durch.

Im Oktober, so ihr Plan, will sie wieder arbeiten gehen. Seit drei Jahren ist sie in der Bibliothek in Travemünde als Sachbearbeiterin beschäftigt, sie hat es nicht weit, zehn Minuten mit Buslinie 40. Ihr Chef sagt: „Werden Sie erstmal gesund.“ Ihr Mann sagt: „Nun mal langsam. Es geht nicht immer bergauf.“ Sie weiß, dass er recht hat, aber sie hört es nicht gern. Einschränken, krank sein, sie will das nicht, sie selbst beschreibt es so. „Ich lass das nicht an mich ran. Da denke ich auch nicht dran.“

Damals, vor 22 Jahren, musste sie täglich zur Bestrahlung. Nach der dritten sah sie das rohe Fleisch unter den Achseln. Sie litt an hormonellem Krebs, hatte das Gefühl, „ein Lkw fährt über mich rüber.“ Das Erlebnis zog Ängste nach sich. Regelmäßig tastete sie ihre Brust ab. Als sie etwas spürte, dachte sie, es wäre Narbengewebe.

Marlies Beyer sitzt da, aufrecht, lächelnd, tapfer. Sie ist sich sicher, der Tumor ist kleiner geworden. Und trotzdem, die letzte Chemo verlief nicht so gut. Nacken, Beine, alles tat weh, sie fühlte sich schlapp, ihr war übel, sie wurde aggressiv. Ihr Mann ging in den Garten, mähte den Rasen. Es ist ein harter Weg, sagt er. Als die Nachricht vom Krebs kam, renovierte er für sie das Wohnzimmer.

„Ich will mein Leben nicht verändern“, sagt Marlies Beyer. Sie sagt es mehrfach.

Nicht mehr zwingend Haarausfall während der Chemotherapie

Das Prinzip: Haarausfall ist eine der Nebenwirkungen einer Chemotherapie, die die Betroffenen psychisch enorm belastet. Nach Auffassung verschiedener Experten hilft eine spezielle Kühlkappe, die sogenannte DigniCap, den Verlust der Haare zu vermindern. Das Verfahren setzt auf Kälte. Die Patienten tragen während der Therapie die Kappe; die Kopfhaut wird auf fünf Grad runtergekühlt, die Blutgefäße, die zu den Haarwurzeln führen, verengen sich, das Chemotherapeutikum dringt in nur geringen Dosen zu den Haarwurzeln vor, die Folge: der Haarausfall kann reduziert werden.

Das sagt der Arzt. „Die Methode funktioniert“, sagt Jan-Philipp Simon, Onkologe in Lübeck. Seine Praxis arbeitet seit März mit der Kältekappe, bei allen Patienten habe er sehr gute Erfolge erzielen können; „der Haarausfall ist gering, niemand musste auf eine Perücke zurückgreifen“. Die Art des Krebses spielt bei dem Einsatz nach seiner Auskunft keine Rolle, jedoch die Art der Chemotherapie. Die Praxis ist die bisher einzige in Schleswig-Holstein und Hamburg, die mit der DigniCap arbeitet. Die Anwendung läuft parallel zur Chemotherapie.

Der Nachteil: Noch bezuschusst keine Krankenkasse den Einsatz der DigniCap, noch fehlen Studien, die den Erfolg belegen. Anders in den Vereinigten Staaten. Dort wird nach Aussage von Jan-Philipp Simon gerade ein entsprechender Antrag von der Gesundheitsbehörde geprüft. Die Kosten belaufen sich in Lübeck auf etwa 50 Euro pro Sitzung.

 Marion Hahnfeldt

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