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Norddeutschland Kiel verspricht norddeutschen Firmen Hilfe
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19:30 16.01.2019
Wann scheidet Großbritannien aus der EU aus und wie? In der Wirtschaft im Norden wächst die Sorge vor einem harten Brexit. Viele Unternehmen bereiten sich jetzt bereits auf diesen schlimmsten Fall vor. Quelle: dpa
Kiel

Das Brexit-Chaos in Großbritannien ist perfekt. Das Austrittsabkommen mit der EU wurde vom Parlament am Dienstagabend abgelehnt. Kommt jetzt am 29. März der „harte Brexit“ mit Zollschranken und Grenzkontrollen? Die Unternehmen in Schleswig-Holstein bereiten sich vorsichtshalber auf dieses schlimmste Szenario vor. Die Landesregierung in Kiel verspricht ihnen Unterstützung. Was genau kommt, weiß keiner.

Den Unternehmen macht vor allem die Unsicherheit zu schaffen, wie es mit dem Brexit weitergeht

„Diese Unsicherheit ist für die Unternehmen das Schlimmste“, sagt Christian Reimann. Der Finanzfachmann ist bei Dräger in Lübeck Leiter der Projektgruppe „Brexit“. Das Medizin- und Sicherheitstechnik-Unternehmen hat ein Werk in England, beschäftigt dort rund 600 seiner weltweit 14 233 Mitarbeiter. Großbritannien rangiert für Dräger unter den zehn wichtigsten Märkten. Fünf deutsch-britische Teams mit bis zu zehn Mitarbeitern beschäftigen sich daher schon seit März 2018 mit den Folgen eines EU-Austritts des Königreichs – wie immer der auch aussehen mag.

Nach dem Parlamentsbeschluss in London beginnt das Unternehmen jetzt damit, seine Lagerbestände in England deutlich aufzustocken. „Wir wollen unsere Kunden auch weiter beliefern können, wenn es nach einem harten Brexit zu langen Wartezeiten an der Grenze kommt“, sagt Reimann. Gleichzeitig lege man auch mehr Ware aus dem britischen Werk – vor allem Pressluft-Atemschutzgeräte für Feuerwehren – in Deutschland auf Lager. Man habe sich zusätzliche Lastwagen reserviert, um bis zum Brexit-Datum kurzfristig über mehr Transportkapazitäten zu verfügen. Zudem bereite man sich darauf vor, dass die Geräte aus Großbritannien nach einem Brexit eine neue Zulassung für den Verkauf innerhalb der EU brauchen werden.

Eine „Task Force“ des Wirtschaftsministeriums soll kleinen Unternehmen helfen, mit den Brexit-Folgen fertig zu werden

So gesehen koste der Brexit die Wirtschaft schon jetzt Geld, sagt Reimann. Sollten dann langfristig Zölle fällig werden, wären das zusätzliche Kosten für das Unternehmen, womöglich könnte man Lieferketten anpassen. FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz hat derweil bereits im Rahmen des Mittelstandsbeirates eine „Task Force“ zusammengetrommelt, die auch kleineren Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite stehen soll, die mit dem Brexit Probleme bekommen. So würden Experten des Finanzministeriums etwa steuerrechtliche Fragen beantworten können. Die Außenhandelskammer in London könnte Informationen über Handels-Neuregelungen auf der Insel beschaffen. „Gerade die norddeutsche Industrie ist eng mit dem Königreich verwoben“, warnt UV-Nord-Präsident Uli Wachholtz. Sie würde die Brexit-Auswirkungen deutlich spüren.

In Hamburg schließen sich Handelskammer und Industrieverband den Warnungen an. Die deutschen Seehäfen an Nord- und Ostsee mahnen rasche Klarheit über die Modalitäten des Austritts an. „Die ganze Brexit-Geschichte ist ein Trauerspiel“, sagt deren Zentralverbands-Hauptgeschäftsführer Daniel Hosseus. Die drohenden Zollformalitäten würden Lieferketten unterbrechen und Just-in-Time-Lieferungen erschweren, sagt Hamburgs Handelskammer-Hauptgeschäftsführerin Christi Degen. Der Vorsitzende des Industrieverbandes Hamburg und Aufsichtsratschef der „Schleswig-Holstein Netz AG“, Matthias Boxberger, warnt, dass sich Exporte nach Großbritannien deutlich verteuern würden. Es sei fatal, „dass das Unterhaus die ausgestreckte Hand Europas ausgeschlagen hat“.

Chef des Instituts für Weltwirtschaft fürchtet vorübergehend ein komplettes Erliegen des Handels mit Großbritannien

Noch schwerwiegendere Folgen erwartet der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower. Ein „No Deal“ bedeute nicht einfach nur Güterhandel mit Zöllen, sagt der Wissenschaftler, er dürfte den Handel zwischen der EU und Großbritannien vorübergehend „sogar komplett zum Erliegen bringen“. Käme es doch noch zur Unterzeichnung eines Abkommens, sähe es besser aus. Die Landesregierung etwa hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, nach dem Großbritannien im Norden bis Ende 2020 rechtlich noch als Mitgliedsstaat der EU gelten soll. Britische Staatsbürger behielten die entsprechenden Rechte, ausgenommen das Kommunalwahlrecht. Möglich gemacht hätte solche Übergangsregelungen aber allein jenes Austrittsabkommen, das London jetzt erst einmal abgelehnt hat.

Wolfram Hammer

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