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Kinder im Norden immer häufiger beim Logopäden

Kiel Kinder im Norden immer häufiger beim Logopäden

In Schleswig-Holstein werden die meisten Sprachtherapien verordnet. Eine Erklärung: Nirgendwo gibt es so viel Früherkennung.

Kiel. Schleswig-Holsteins Kinder haben im vergangenen Jahr bundesweit die meisten sprachtherapeutischen Behandlungen verordnet bekommen. Zudem gibt es hier eine steigende Tendenz in den vergangenen Jahren. Ein Grund dafür könnte das dichte Netz zur Früherkennung sein, das im nördlichsten Bundesland aufgebaut worden ist.

2012 verschrieben die niedergelassenen Ärzte in Schleswig-Holstein 44 000 Sprachtherapien im Wert von fast 13 Millionen Euro für Kinder bis 15 Jahre: Das teilte die Techniker Krankenkasse (TK) gestern in Kiel mit und verwies auf die Heilmittelstatistik des GKV-Spitzenverbandes. Er ist die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen. Nach TK-Angaben gab es im Jahr 2010 insgesamt 123 logopädische Verordnungen je 1000 Versicherten. 2012 waren es 136. „Das bedeutet einen Zuwachs von mehr als zehn Prozent innerhalb von zwei Jahren“, erklärt Sprecherin Margarita Frank. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 118 Verordnungen.

Die Zahlen bestätigen nach den Worten von TK-Landesleiter Johann Brunkhorst einen Trend zum „therapierten Kind“. „Manche Eltern möchten ihre Kinder in jeglicher Hinsicht fördern und fragen häufiger nach therapeutischen Maßnahmen“, erklärt Brunkhorst. Oft ließen sich Entwicklungsverzögerungen beim Sprechen aber bereits durch Sinnesanregungen im Säuglingsalter und durch gemeinsame Aktivitäten mit dem Nachwuchs vermeiden. Angesichts des veränderten Freizeitverhaltens der Kinder sei es besonders wichtig, die altersgerechte Entwicklung zu unterstützen — etwa durch Singen, Vorlesen und ausreichend Bewegung.

Ähnlich äußert sich Dehtleff Banthien, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. „Eltern und Kinder müssen zur Kommunikation angeleitet werden“, sagt der Arzt aus Bad Oldesloe. Die Interaktion mit den Eltern sei vier Mal so wirksam wie eine Sprachtherapie, betont er. Dabei seien die Kinder im Norden sprachlich nicht schlechter als anderswo. Viele Eltern aber möchten nichts versäumen und nichts falsch machen und suchen „Zuflucht in der Therapie“. Das sei verständlich, schließlich werde die Sprache mit der Struktur des Denkens kombiniert.

Banthien wies zugleich darauf hin, dass die Logopädie-Verordnungen bei Kindern nur einen geringen Anteil am Heilmittelplan hätten. Nur rund sechs Prozent würde für Kinder bis 18 Jahren eingesetzt (für Ergo-, Physiotherapie und Logopädie). „Es gibt keinen Nachweis dafür, dass Schleswig-Holstein mehr sprachauffällige Kinder hat als andere Bundesländer“, betont Fred Wulff, Landesvorsitzender im Bundesverband für Logopädie (DBL), der in Schleswig-Holstein rund 300 Mitglieder hat. Zwar dürfe man annehmen, dass die Sozialisierung heute ungünstiger sei für die Sprachentwicklung. Das gelte jedoch bundesweit. Langes Sitzen vor dem Fernseher schon in jungen Jahren sei für die Sprachentwicklung nicht förderlich. Die Kinder, die in seine Praxis kommen, haben verschiedenste Störungen.

Manche könnten einzelne Laute wie „K“ oder „R“ nicht sprechen, andere hätten Probleme beim Wortbau, Satzbau und Satzverständnis. Nach seiner Einschätzung ist das dichte Netz zur Früherkennung von Sprachschwierigkeiten verantwortlich für die hohe Zahl der Sprachtherapien.

Tatsächlich gibt es in den Kitas in Schleswig-Holstein jeweils mindestens einen Erzieher mit Zusatzausbildung, um sprachliche Störungen zu erkennen. „Wenn ein Kind deutlich auffällt, wird mit den Eltern gesprochen, damit noch vor Schulbeginn geholfen werden kann“, erklärt Christiane Christiansen, Landeskoordinatorin für Sprachheilpädagogik. 11 000 Erzieher seien bereits in „Allgemeiner sprachlicher Bildung“ fortgebildet worden. „Das läuft in Schleswig-Holstein recht gut. Andere Bundesländer sind da nicht so weit.“ Im vergangenen Jahr seien alle sprachauffälligen Kinder zum Zeitpunkt ihrer Einschulung bereits in Behandlung gewesen, betont sie.

Kinder beim Therapeuten
Während die Sprachtherapien zunehmen, ist die Zahl der Physio- und Ergotherapien für Kinder (bis 15 Jahre) in Schleswig-Holstein rückläufig. Im vergangenen Jahr wurden 46 357 Physiotherapien verordnet (2010: 48 312), zudem 38 026 Ergotherapien (2010: 40 556). Die Zahl der Sprachtherapien lag im Jahr 2012 bei 44 000. Damit ist Schleswig-Holstein Spitzenreiter im Ländervergleich — gefolgt von Hamburg auf Platz 2.

Julia Paulat

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