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Klein und kultig: Reclam-Heft wird 150

Lübeck/Leipzig Klein und kultig: Reclam-Heft wird 150

Sie sind klein, gelb und gehaltvoll: Durch Reclam-Hefte haben Generationen von Schülern Literaturklassiker kennengelernt – auch in Lübeck. Fast jeder kann dazu eine Geschichte erzählen. Die älteste noch existierende deutschsprachige Taschenbuchreihe feiert 150. Jubiläum.

Das Lieblingsbuch von Svetlana Kubasch ist eine Reclam-Ausgabe von Eichendorffs „Taugenichts“.

Lübeck/Leipzig. „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist das Lieblingsbuch von Svetlana Kubasch. „Das Buch passt zu mir“, sagt die 31-Jährige über die Novelle von Joseph von Eichendorff. Sie hütet das kleine und schon reichlich zerfledderte Bändchen aus der Schulzeit in einer Kiste mit anderen Schätzen wie beispielsweise Briefen – auch wenn schon einzelne Seite lose, Textpassagen farbig markiert und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen sind.

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Sie sind klein, gelb und gehaltvoll: Durch Reclam-Hefte haben Generationen von Schülern Literaturklassiker kennengelernt – auch in Lübeck. Fast jeder kann dazu eine Geschichte erzählen. Die älteste noch existierende deutschsprachige Taschenbuchreihe feiert 150. Jubiläum.

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„Noch heute werden die gelben Hefte vor allem für den Schulunterricht gekauft“, berichtet Maike Bialas, Filialleiterin bei Hugendubel in Lübeck. Erwachsene greifen auch schon mal zu, wenn etwa ein seltenes Theaterstück in Lübeck läuft und sie sich den Text vorab ansehen wollen, ergänzt Britta Sonneborn, zuständig für die Schulbücher in der Buchhandlung. „Das bietet sich ja auch an – nicht jeder kann oder will sich gleich eine gebundene Ausgabe leisten.“ Bei Reclam stimme das Preis-Leistungsverhältnis, meint sie. Die Hefte im Format von etwa 10 mal 15 Zentimeter seien immer noch sehr schön gedruckt.

In der Buchhandlung steht ein ganzes Regal voller Reclam-Hefte. Dünne Bändchen wie Sophokles’ „Antigone“ sind ab zwei Euro zu haben. Für Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ – sogar im Reclam-Format ein dicker Schinken – werden schon mal 14,60 Euro verlangt. Die Farbenlehre ist simpel: Gelb sind die deutschsprachigen Klassiker, rot fremdsprachliche Texte im Original, orange zweisprachige Ausgaben, grün und blau Erläuterungen und Dokumente. Dann gibt es noch gelbe Hefte mit einem schmalen blauen Streifen. „Das sind deutschsprachige Werke mit Interpretation. Die dürfen aber nicht in der Klassenarbeit benutzt werden“, mahnt Sonneborn.

Auch sie kennt die Hefte noch aus ihrer Schulzeit. „Manchmal habe ich Matheformeln auf der Rückseite notiert“, erzählt sie. Auch Maike Bialas hat nicht nur gelesen: „Ich habe alles bekritzelt. Meist konnte man das Gelb nicht mehr erkennen.“ Die Hefte seien oft individuell gestaltet worden.

Reclam, der Name steht für Buchrückenmeter gesammelter Poesie und Weisheit, aber auch für Lektürezwang qua Lehrplan. „Gehasst, geliebt, gelesen“ lautet denn auch der Slogan, den der Verlag zum 150.

Jubiläum herausbrachte. In der Universal-Bibliothek erscheinen seit Mitte des 19. Jahrhunderts Klassikerausgaben. Eine Neuregelung des Urheberrechts hatte den Weg dafür freigemacht: Alle Werke von Autoren, die mindestens 30 Jahre tot waren, wurden im November 1867 frei verfügbar. Sie sollten für die Masse erschwinglich sein. Die Hefte kosteten zunächst zwei Silbergroschen, später dann 20

Pfennig.

„Bei den Schülern sind die Bücher nicht immer beliebt“, verrät Detlef Kjer-du Vinage, Deutschlehrer am Carl-Jacob-Burckhardt- Gymnasium. „Weil sie wissen, da sind klassische Texte drin.“ Er lobt aber das „coole Hosentaschenformat“.

Bettina Tasche, Deutschlehrerin an der Oberschule zum Dom, setzt die gelben Hefte gern im Unterricht ein. „Sie sind klein, günstig und haben eine Art Kultstatus“, sagt sie. 50 Stück stünden bei ihr zu Hause im Regal, ihre eigenen Hefte, inzwischen aber auch die der Kinder. „Effie Briest“ sei sehr zerlesen. „Da habe ich meine Examensarbeit drüber geschrieben.“ Bernd Hatscher, Direktor der Stadtbibliothek Lübeck, dagegen hat sich schon vor längerer Zeit von den kleinen Gelben getrennt. „Das waren Arbeitsinstrumente, sie haben damals sehr gelitten“, berichtet er.

Für die Bibliothek seien die Hefte mit dem reinen Text „zu schlabberig“. „Zwei Mal ausgeliehen und sie fallen auseinander.“ Dennoch sind in der Hundestraße einige Exemplare zu finden, vor allem auch die grünen Reclam-Hefte mit den Erläuterungen. „Schüler suchen bei uns weitergehendes Material über die Werke“, sagt Hatscher. „Je älter der Text, desto mehr muss man ihn verstehen lernen.“

Helden von hier

Die LN setzen im November bei der LN-Heldensuche auf die Bildung. Ob die coole Grundschullehrerin, der beliebte Uni-Professor, Fußballtrainer oder Musikexperte – Sie bestimmen, wer Ihre persönlichen Helden sind! Und so geht’s: Kandidaten werden im Internet unter der Adresse www.helden-von-hier.de vorgeschlagen. Für den Sieger richten die LN ein Fest aus. Gewinnen kann auch jeder, der seine Stimme abgibt.

3500 Titel lieferbar

Reclam gilt neben Duden als wichtigste Buchmarke aus Deutschland. Anton Philipp Reclam gründete den Verlag 1828 in Leipzig. Als Herzstück gilt die Universal-Bibliothek mit den Reclam-Heften. Zurzeit sind 3500 Titel lieferbar – von Adornos „Philosophie und Gesellschaft“ bis Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschlichkeit“. Im Jahr erscheinen rund 72 neue Titel. Sitz des Familienunternehmens ist inzwischen Ditzingen (nahe Stuttgart).

In der Geschichte der Universal-Bibliothek gibt es auch wenig ruhmreiche Kapitel wie die Verbannung sämtlicher jüdischen und als entartet verfolgten Autoren während des Nationalsozialismus.

Das zeigt eine kleine Ausstellung (noch bis 3. Juni 2018) in der Leipziger Nationalbibliothek. Dort ist auch die Reclam-Feldbibliothek zu sehen, eine „Auswahl guter Bücher für den Schützengraben“, bestehend aus Kriegsliteratur, Klassikern und leichter Lektüre.

Julia Paulat

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