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Kritik an Energiepass: Angaben sind vollkommen unzuverlässig

Kiel Kritik an Energiepass: Angaben sind vollkommen unzuverlässig

Ein Test von Haus & Grund offenbart große Mängel. Die Gutachter kommen bei den gleichen Häusern zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen.

Kiel. Energieausweise für Wohngebäude sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls der Eigentümerverband Haus & Grund. In einem Test, bei dem zwei Gebäude von jeweils fünf unterschiedlichen Energieberatern bewertet wurden, kamen für dieselben Häuser gänzlich unterschiedliche Ergebnisse heraus. Ob eine Immobilie demnach als sparsam („A+“) oder als sanierungsbedürftiger Energieverschwender („H“) eingestuft wird, hing im Test vollends vom Gutachter ab.

„Man muss dadurch zu dem Schluss kommen, dass diese Energieausweise ein völlig unbrauchbares Instrument sind“, sagt Hans- Henning Kujath, Verbandsdirektor von Haus & Grund in Schleswig-Holstein. Denn nicht nur die Einschätzung der Gebäude sei von Gutachter zu Gutachter massiv voneinander abgewichen. Je nach Hintergrund hätten sie auch verschiedene Vorschläge zur Abhilfe gemacht. „Fassadenprofis haben das Problem in der schlecht isolierten Fassade gesehen, Heizungsexperten haben die Heizung für schlechte Energiewerte verantwortlich gemacht“, erklärt Kujath.

Der Verband fordert, den seit Mai 2015 für Hausbesitzer verpflichtenden Energieausweis wieder abzuschaffen. „Denn er wird von Mietern auch fast gar nicht nachgefragt“, sagt Kujath. Und für die Wahl einer Wohnung sei er auch nicht entscheidend. Der tatsächlich Energieverbrauch hänge weniger von der Art der Heizung und der Isolierung als vielmehr von dem Heizverhalten des jeweiligen Mieters ab.

„Der Energieausweis ist ein Schätzeisen“, räumt auch Florian Schmölz von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein ein. Die Formeln, mit denen Ingenieure den Durchschnittsverbrauch ermittelten, seien „noch nicht ganz ausgereift“. Gleichwohl könnten die Angaben potenziellen Mietern eine gute Orientierung bieten. „Steht in der Anzeige ein Verbrauch von 280 Kilowattstunden pro Quadratmeter, sollte man wohl besser von der Wohnung Abstand nehmen — denn dann sind die Energiekosten wohl so hoch wie die Miete“, erklärt Schmölz.

Der Verbraucherschützer und Diplom-Ingenieur kritisiert allerdings, dass sich der Rechtsanspruch eines Mieters auf Vorlage des Energieausweises überhaupt nicht durchsetzen lässt. „Es gibt gar keine Behörde, die sich dafür zuständig fühlt oder das kontrolliert.“ Theoretisch drohe Vermietern zwar ein Bußgeld von bis zu 14000 Euro, wenn sie ihrer Pflicht nicht nachkommen. Geahndet werde das nicht. „Das ist ein völlig rechtsfreier Raum.“

Selbst der Mieterbund Schleswig-Holstein ist mit dem Energiepass in der gegenwärtigen Form „nicht ganz glücklich“, räumt Geschäftsführerin Heidrun Clausen ein. Zwar schaffe er eine gewisse Transparenz über den Verbrauch einer Wohnung in zurückliegenden Jahren. Sehr viel sinnvoller wäre statt eines Verbrauchs- aber ein Bedarfsausweis. „Darin sollte aufgeschlüsselt sein, wie viel ein Gebäude nach seiner Fassade, Heizungsart und Dämmung verbrauchen sollte“, sagt Clausen. Der bestehende Ausweis sei nur „ein erster Schritt“. Allerdings seien freie Wohnungen derzeit so knapp, dass ohnehin kaum ein Mieter nach dem Energieausweis frage. „Die Leute sind froh, wenn sie überhaupt eine Wohnung finden.“

Zertifizierung fehlt
Einen Energieausweis darf jeder ausstellen, der die nach der Energieeinsparverordung (EnEV) nötigen Qualifikationen nachweisen kann. Das sind unter anderem Hochschulabsolventen der Architektur, Ingenieurwesen oder der Physik. Aber auch Personen mit entsprechender Berufspraxis wie Handwerker sind dazu berechtigt. Eine einheitliche Zertifizierung gibt es nicht.

Oliver Vogt

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