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Norddeutschland Küstenfischer laufen Sturm gegen Habecks Pläne
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21:21 25.06.2013
Von Curd Tönnemann
Umwelt- und Fischereiminister Robert Habeck (Grüne) hantiert an Bord des Kutters von Fischereimeister Eckhardt Michelsen (l.) mit einem Stellnetz. Bald soll es drei Sperrgebiete in der Ostsee geben. Quelle: Foto: dpa

Der Kieler Umwelt- und Fischereiminister Robert Habeck gerät zwischen die Fronten. Mit seinem Entwurf für eine neue Küstenfischereiverordnung will der Grünen-Politiker einen langen, erbitterten Kampf zwischen Umweltschützern und Berufsfischern mit einem Kompromiss beenden — und erntet von beiden Seiten massive Kritik. Es geht um das geplante achtmonatige Verbot der Stellnetzfischerei in drei Seegebieten — unter anderem vor Fehmarn. Ziel des Ministers: Schweinswale und Tauchenten vor einem qualvollen Tod in Stellnetzen zu schützen.

Die fischereiliche Notgemeinschaft Schleswig-Holstein spricht von „völlig überzogenen Maßnahmen gegen die einheimische Fischerei“. Habeck plane einseitige Alleingänge in der zu Schleswig- Holstein zählenden Drei-Seemeilen-Zone. Die geplanten Beschränkungen träfen damit nur die deutschen Fischer. „Damit sind unsere traditionsreichen Familienbetriebe existenziell gefährdet, Arbeitsplätze werden vernichtet“, sagt Verbandschef Lorenz Marckwardt. Die Schaffung von Sperrgebieten ist für den Fischereimeister nicht plausibel. „Woher weiß der Schweinswal, wo er Schutz hat?“, fragt Marckwardt spöttisch. Der Landesfischereiverband rät seinen Mitgliedern, gegen die Pläne vor das Verwaltungsgericht zu ziehen.

Ein Betroffener ist Nils Reher, Stellnetzfischer auf Fehmarn. „Ich werde durch die Sperrzonen in meiner unternehmerischer Freiheit eingeschränkt“, klagt er. Fahrten weiter raus auf See in andere Fanggebiete bedeuteten höheren Einsatz und weniger Umsatz. „Wenn wir neun Monate lang nicht mehr vor unserer Haustür fischen dürfen, hat das weitreichende Folgen für unsere 15 Mitgliedsbetriebe“, bestätigt Benjamin Schmöde, Prokurist bei der Fischergenossenschaft Fehmarn. Zu den acht Monaten Fangverbot aus Kiel kommt eine einmonatige EU-Schonzeit. Noch dramatischer klingt es in Heiligenhafen.

„Für uns ist die Verordnung das Ende der Stellnetzfischerei“, sagt Ulrich Elsner, Geschäftsführer bei Küstenfischer Nord. In Heiligenhafen lägen vor allem kleine Schiffe bis zu zehn Metern Länge, die maximal 1,5 Seemeilen herausfahren. „Für sie gibt es künftig kein Fanggebiet mehr“, moniert Elsner. Habecks Pläne seien obendrein ein Schlag gegen den Tourismus. Urlauber wollten in den Häfen kleine Kutter sehen und keine riesigen Fangschiffe.

Der Deutsche Fischereiverband in Hamburg hält die geplanten Schutzmaßnahmen für den Schweinswal für „nicht verhältnismäßig“. Eine Studie des Bundesamts für Naturschutz quantifiziere die Stellnetzbeifänge von Schweinswalen an der deutschen Ostseeküste auf sieben pro Jahr, davon fünf in Schleswig-Holstein, behauptet Verbandssprecher Claus Ubl. Im November vergangenen Jahres habe Habeck noch drei Schutzgebiete für nur vier bis sechs Wochen im Sommer einrichten wollen — nach Vorbild des Schweinswalschutzes in der Nordsee. Für die Fischerei sei es nicht akzeptabel, wenn das Ministerium „auf Druck der Naturschutzverbände über seine ursprünglichen Vorschläge hinausgeht“.

Den Umweltverbänden geht die Kieler Verordnung nicht weit genug. Sie verlangen, die Stellnetzfischerei langfristig ganz zu verbieten. „Der ungewollte Beifang in der Stellnetzfischerei führt erwiesenermaßen zu Verlusten bei den Schweinswalen“, sagt Nabu-Landesgeschäftsführer Ingo Ludwichowski. „Wir haben die Argumentation der Fischer langsam satt.“

„Ich will diesen Knoten gelöst haben. Beide Seiten sollten mal überlegen: Wie kann‘s gehen?“, sagt Habeck. Die Haltung der Fischereiverbände kann er nicht nachvollziehen. „Wir brauchen eine nachhaltige Fischerei“, sagt der Minister. In vielen Gesprächen mit Fischern — darunter alte Freunde — sei er mit dieser Forderung durchaus auf Verständnis gestoßen. Umso mehr verwundere ihn, dass der öffentliche Protest nun wieder auflebe.

Kiel will Schutzgebiete
Der Entwurf für eine Küstenfischereiverordnung sieht saisonale Sperrgebiete in der Geltinger Bucht und an der Küste vor Falshöft vor. Zudem soll vor der Nord- und Westküste Fehmarns die Stellnetzfischerei nur noch vom 15. September bis 15. November und vom 15. April bis 15. Juni erlaubt sein. Bestimmte Ausnahmen sollen für wissenschaftliche Untersuchungen möglich sein. Dabei werden Stellnetze mit akustischen Warnsignal-Systemen (PAL) für Schweinswale ausgerüstet. Nur vom 15. November bis 15. April soll die Stellnetzfischerei in Teilen der Kieler Förde untersagt sein.


Die Anhörung der Verbände läuft acht Wochen. Minister Robert Habeck verspricht, offen für alle konstruktiven Vorschläge zu sein. Sie könnten noch in den Entwurf einfließen. Bis zum Herbst soll die neue Küstenfischereiverordnung unter Dach und Fach sein.


An der Ostseeküste gibt es noch

272 Berufsfischer, vor 20 Jahren waren es noch 384. Die Zahl der Nebenerwerbsfischer sank von 536 auf 357.

Curd Tönnemann

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