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Kurze aus der Kümmelburg

Lütjenburg Kurze aus der Kümmelburg

Die Spirituosenfabrik D. H. Boll ist eine Wiege des Korns – und die letzte ihrer Art in Lütjenburg.

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Firmenchef Detlef Lehmann-Hinrichs prüft an der Abfüllanlage die Flaschen für die „Lütje Minze“.

Quelle: Lutz Roessler

Lütjenburg. Wer Lütjenburgs älteste und einzig verbliebene Spirituosenfabrik sucht, hat zwei Möglichkeiten: Er kehrt ein in D. H. Bolls „Probierstube“ am Markt im Zentrum des Kleinstädtchens und damit zurück an den Ursprung. Oder er fährt raus an den Stadtrand, zum heutigen Standort des bald 200 Jahre alten Familienunternehmens. Der liegt am Ende eines Wohngebietes, dahinter nur noch Wald und Wiese, und gleicht eher einem Aussiedlerhof als einem modernen Produktionsstandort. Auch Detlef Lehmann-Hinrichs, ein hoch gewachsener 63-Jähriger in Arbeitskluft, Diplom-Agraringenieur und Chef der D. H. Boll Spirituosen GmbH, pflegt im Auftritt den holsteinischen Landwirt.

Er ist hier groß geworden, verwachsen mit dem Land und der Fabrik, die sein Ur-Ur-Ur-Großvater praktisch aus dem Nichts geschaffen hat. 1824 war das, Holstein war dänisch und Detlef Hinrich Boll, Sohn eines Silberschmiedes, hatte das Bäckerhandwerk erlernt, seinen Meister gemacht – und offenbar wirtschaftlichen Ehrgeiz. „Der hatte Drehzahl, der Bursche“, sagt Lehmann-Hinrichs über seinen Vorfahren, dessen Vornamen er trägt.

Der geschäftstüchtige „Bursche“ Boll hatte sich ein Darlehen beschafft und den „Schusterkrug“ am Markt gekauft, eine Schankwirtschaft mit Brau- und Brennrechten, zu der auch eine Bäckerei und eine Landwirtschaft gehörten. „Das war damals ein Full-Service-Unternehmen“, erklärt der heutige Firmenchef. Das angebaute Getreide lieferte Futter und Stroh für die Pferde, aus dem Korn braute man das Bier und den Schnaps für den Ausschank im Krug, und die eiweißreichen Brennreste, die sogenannte „Schlempe“, waren nahrhaftes Futter fürs Vieh.

Ein Geschäftsmodell, das wirtschaftlich offenbar aufging, nicht nur für die Firma D.H. Boll: In Lütjenburg, das deswegen auch „Kümmelburg“ genannt wurde, hat die Kornbrennerei Tradition, bis zu elf Brennereien gab es früher in der Stadt. Eine der letzten, die Brandholtz’sche Brennerei existierte bis in die 1920er Jahre – der Enkel des Firmengründers, Max Karl Boll, hatte sie seinerzeit aufgekauft. Der „Lütjenburger“ aus dem Hause Boll, ein klassischer Kornbrand aus Getreide, ist in der Region bekannt. Als Detlef Lehmann-Hinrichs’ heute 91 Jahre alte Mutter Ursula Elisabeth 1963 die Unternehmensleitung übernahm, wurde der Korn in grauen Tonkrügen mit blauer Schrift verkauft. Bis 1995 produzierte die Firma am Stammsitz im Stadtzentrum, „wir haben dort mit 37 Leuten in zwei Schichten gearbeitet, das ging irgendwann nicht mehr, wir brauchten mehr Platz“, sagt Lehmann-Hinrichs.

Die Firma zog um an den Stadtrand und installierte eine neue Abfüllanlage, die bis zu 12 000 Liter in der Stunde schafft. Inzwischen wird allerdings nicht mehr in Lütjenburg gebrannt und auch kein Bier mehr gebraut – die Spirituosenfabrik lässt heute brennen und füllt den hochprozentigen Stoff ab: „Lütjenburger Korn“, „Lütjenburger Pflaume“, den „Kieler Tropfen“, einen süßen Bitter, und die „Lütje Minze“, einen frischen Minzlikör, der seine Durchschlagskraft hinter milder Süße versteckt. Detlef Lehmann-Hinrichs hat lange an der richtigen Rezeptur für die Essenz aus reiner Pfefferminze gefeilt: „Jetzt ist die Schärfe raus, und die Leute sind verrückt danach.“

Inzwischen feilt er an einem Plan, die alte Firmentradition des Brennens wieder aufleben zu lassen und in einer kleinen Brennerei Obstbrände und vielleicht auch einen guten Whisky herzustellen: „Wir müssen uns für die Zukunft ein Stück Heimat besorgen!“

Von Regine Ley

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