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Norddeutschland Auch im Handwerk läuft’s schon digital
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21:59 04.11.2018
Steinmetz-Meister Moritz Helmert (23) stellt das „Steinbearbeitungszentrum“ ein. Die große Maschine in der Halle der Otto Hoffmann Steinmetzbetriebe in Ratzeburg arbeitet online. Quelle: JOHN GARVE/AGENTUR 54°
Ratzeburg/Lübeck

Laut ist es in der Halle der Otto Hoffmann Steinmetzbetriebe, wenn das sogenannte Steinbearbeitungszentrum eingeschaltet ist. Ein schlanker Fräskopf trägt Stück für Stück von einem rechteckigen Stein ab, so dass nach und nach eine flache Brunnenschale entsteht. „Von Hand wären die feinen Abstufungen gar nicht möglich“, erklärt Wulf Helmert (56), geschäftsführender Gesellschafter des Betriebes in Ratzeburg.

Die Digitalisierung macht auch vor dem zweitältesten Handwerk (nach den Zimmerern) nicht Halt. „Der Markt erwartet Präzision, und die ist vor allem über die Technik möglich.“ Aber auch der demografische Wandel habe ihn zum Einkauf der Maschine bewogen, erzählt Helmert. Überdies koste die handwerkliche Produktion viel Geld. Man müsse Technik einsetzen, um das Produkt marktfähig zu halten. Helmert, zugleich Landesinnungsmeister, ist sich sicher: Den Steinmetzberuf wird es weiter geben – er wird sich aber verändern und anpassen müssen.

Ursprüngliches Handwerk bleibt die Grundlage

Moritz Helmert (23), der erst kürzlich seine Prüfung zum Steinmetz- und Steinbildhauermeister bestanden hat, hat das Programm für die Brunnenschale geschrieben. Aber auch Geselle Gunnar Lorenz (31) hat sich reingefuchst. „Ich hatte erst Bedenken, weil ich nicht so computeraffin bin“, gibt er zu. Inzwischen aber hat auch er Spaß daran, am Laptop Modelle zu entwickeln. „Man kann seine Ideen ausleben; die Maschine kann fast alles umsetzen.“ Kürzlich hat er eine Bonbonschale für seine Frau entworfen, gefertigt hat sie dann die Maschine. „Man muss sich öffnen. Man muss weiter lernen und willens sein, sich mit der Technik zu beschäftigen“, meint Helmert. Das ursprüngliche Handwerk aber bleibe die Grundlage für die Arbeit mit den Maschinen.

Doch es gibt auch Risiken: die Abhängigkeit. „Ohne Strom und ohne Wasser geht gar nichts“, erklärt Wulf Helmert. Zudem arbeite die Maschine online. „Wir brauchen dringend Glasfaser.“

In Schleswig-Holstein sind bisher 35 Prozent der Haushalte und Betriebe anschlussfähig. 31 Prozent nutzen es bereits zur Datenübertragung. Bis 2025 soll nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums das Glasfasernetz im Land nahezu flächendeckend verlegt sein. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sind bis heute mehr als 20 Milliarden Geräte und Maschinen über das Internet vernetzt. Bis 2030 sollen es rund eine halbe Billion sein.

Dienstleistungsbranchen weiter vorangeschritten

Dabei ist die Digitalisierung in den Branchen unterschiedlich fortgeschritten. „Digitalisierung fängt bei der E-Mail an und geht bis zum 3D-Scannen von Gebäuden“, sagt Wolfram Kroker, Beauftragter für Innovation & Technologie (BIT) der Handwerkskammer Lübeck. So komme der Elektriker beim Thema Smarthome gar nicht an der Digitalisierung vorbei, der Fliesenleger mache das Aufmaß teils bereits schon mit dem Tablet und entsprechender Software, erste Zahntechniker stellen Zahnersatz mit dem 3D-Drucker her. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck sieht vor allem Dienstleistungsbranchen weiter in der Digitalisierung vorangeschritten. „Bestes Beispiel ist die Finanzwirtschaft“, berichtet IHK-Referent Christian Wegener. Online Banking, aber auch der Direktvertrieb von Versicherungen böten erhebliche Einsparpotenziale. „Unternehmen hingegen, die komplex gefertigte Produkte anbieten, bedürfen einer umfangreicheren aufwendigeren Digitalisierungsstrategie, in der auch vor- und nachgelagerte Zulieferketten berücksichtigt werden müssen.“ Ebenfalls schwierig gestalte sich die Digitalisierung in stark regulierten Märkten wie etwa der Gesundheitswirtschaft.

Industrie 4.0

Die Arbeitswelt ist schon wiederholt auf den Kopf gestellt worden. Nach Dampfmaschine, Fließband und Computer stehen wir mit intelligenten Fabriken vor der vierten industriellen Revolution. Industrie 4.0 ist die Bezeichnung für die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion. Sie soll nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik verzahnt werden, so dass Bauteile eigenständig mit Produktionsanlagen kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen oder Material nachbestellen. Nicht der Computer ist die zentrale Technologie – sondern das Internet, das weltweite Vernetzung über Unternehmens- oder Ländergrenzen hinweg ermöglicht.  Die industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestand in der Mechanisierung mittels Wasser- und Dampfkraft. Sie führte zur tiefgreifenden Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände bis in das 19. Jahrhundert hinein. Es folgte die zweite industrielle Revolution, geprägt durch Massenfertigung am Fließband. Mit den 1970er Jahren zog die Informationstechnologie in die Unternehmen. PCs, der Einsatz von Office-IT und erste computergestützte Automatisierungen revolutionierten die Industrie erneut.

Fest steht aber schon jetzt, dass kein Bereich in der Arbeitswelt von der Digitalisierung unberührt bleiben wird. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung Nord (IAB) hat untersucht, in welchem Ausmaß berufliche Tätigkeiten von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden können. Diese sogenannten Substituierungspotenziale sind innerhalb von drei Jahren deutlich gestiegen (von 15 Prozent bundesweit in 2013 auf 25 Prozent in 2016). Schleswig-Holstein hat einen eher geringen Anteil von Beschäftigten in Berufen mit hohem Substituierungspotenzial. So sei in pflegenden Berufen, aber auch im Gastgewerbe die menschliche Komponente wichtig, erklärt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit. Langfristig würden es diejenigen ohne Qualifikation schwerer haben, prophezeit sie. „Je geringer das Anforderungsprofil, desto größer das Risiko, dass Maschinen die Arbeit übernehmen.“

Rezepte der Weiterbildung nicht mehr gültig

Arbeitsminister Bernd Buchholz (FDP) sieht den digitalen Wandel als Chance. „Es gehen nicht nur Arbeitsplätze verloren, es entstehen auch neue.“ So kehre das Verarbeitende Gewerbe inzwischen wieder nach Deutschland zurück, weil der Vorteil der preiswerten Arbeitskräfte im Ausland jetzt durch Produktivitätsgewinne auf ganz andere Art und Weise ausgeglichen werden könne. „Das ist für ein Bundesland wie Schleswig-Holstein eine riesengroße Chance.“

Nach Ansicht von Haupt-Koopmann wird sich der Strukturwandel nur bewältigen lassen, wenn Weiterbildung einen höheren Stellenwert bekommt. „Digitalisierung heißt Qualifizierung.“ Der Kieler Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower hatte kürzlich ein radikales Umdenken in der Bildungs- und Wirtschaftspolitik gefordert. „Die Digitalisierung wird meines Erachtens zunehmend Routinearbeit übernehmen, und das bedeutet, die alten Rezepte sich weiterzubilden sind einfach nicht mehr gültig.“ Selbst höher ausgebildeten Fachkräften drohe der Jobverlust, „wenn ihre Arbeit vorhersehbar ist“. Bei sozialen Kompetenzen, der Kreativität und dem „Sinn erzeugenden Zusammensein“ hätten Menschen aber auch künftig einen Vorsprung gegenüber Maschinen, so Snower. Deshalb müssten diese Fähigkeiten ausgebaut werden.

„Der richtige Zauber liegt in der Kombination“, meint Steinmetzmeister Moritz Helmert. So könne maschinell gefertigter Stein auch „tot“ wirken. Erst die Verbindung von Maschine und Handarbeit mache das Werkstück interessant.

Julia Paulat

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