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Norddeutschland Lässt das Land Boostedt hängen?
Nachrichten Norddeutschland Lässt das Land Boostedt hängen?
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22:53 08.08.2018
In der ehemaligen Rantzau-Kaserne in Boostedt leben derzeit 1351 Menschen. Quelle: Foto: Wolfram Hammer
Boostedt/Kiel

Die 4500-Einwohner-Gemeinde im Kreis Segeberg beherbergt seit 2015 in der ehemaligen Rantzau- Kaserne eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten waren dort 2500 Menschen untergebracht. Man habe dem Land geholfen, eine große Aufgabe zu bewältigen, sagt König gegenüber den Lübecker Nachrichten schon Anfang Juni – doch mit den Problemen lasse das Land die Kommune alleine.

Jetzt legte König noch einmal in den Kieler Nachrichten nach. Waren zu Anfang vor allem Familien aus Syrien in Boostedt untergebracht worden, die schnell zur Integration auf die Kreise weiterverteilt wurden, seien es jetzt vor allem Personen ohne Bleibeperspektive, etwa aus sogenannten „sicheren Herkunftsstaaten“ in Nordafrika, die auf ihre Rückführung warteten und daher in der Einrichtung zur Untätigkeit verdammt seien. Viele dieser neuen Flüchtlinge legten im Ort ein ungebührliches Benehmen an den Tag, kauften und tränken viel Alkohol, schmissen leere Bierflaschen auf den Sportplatz und hätten kein Interesse an Sprachkursen. Zwar meldet die Polizei weiterhin, dass es keinen Anstieg der Zahl der Straftaten im Ort gebe, allenfalls kleinere Diebstahlsdelikte. Dennoch konstatiert der Bürgermeister: „Unsere Gemeinde wird mit einer Klientel von Flüchtlingen belastet, mit der sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr identifizieren kann.“

Im Ort herrsche Frust. Auch viele ehrenamtliche Helfer hätten sich zurückgezogen, sagt König. Viele Flüchtlinge ließen sich nicht mehr helfen. Was etwa bringe Sprachunterricht, wenn die Menschen Deutschland wieder verlassen sollen „und daher gar nicht erst zum Sprachunterricht gehen?“ Und es laufe auch nicht mehr gut mit der Zusammenarbeit mit dem Land. In Boostedt seien derzeit über 1200 Menschen in der Einrichtung untergebracht, darunter 800 Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive. Wo viele Menschen ohne irgendwelche Perspektiven seien, ohne etwas zu tun, herrsche „Explosionsgefahr“.

König fordert das Land auf, kleinere Unterkünfte für maximal 500 Menschen zu schaffen.

Vor allem diese Forderung Königs sorgt im Innenministerium in Kiel für Erstaunen – weil genau diese Reduzierung auf höchstens 500 Personen in der Erstaufnahmeeinrichtung längst festgeschrieben und der Gemeinde zugesichert worden ist. Die Belegung der Polizeistation in der Einrichtung wurde zudem auf 23 Beamte erhöht, weil es innerhalb der Einrichtung tatsächlich einige Male zu Streitereien unter den Bewohnern gekommen ist. Außerdem werde nur eine befristete Nutzung der Erstaufnahme bis zum Jahr 2024 angestrebt, dann soll sie komplett nach Neumünster verlegt werden, heißt es. Gegen Fehlverhalten von Flüchtlingen schreite man, sobald es bekannt werde, ein. Im Ort seien dazu auch Mitarbeiter des DRK aktiv. Es gebe zudem etwa regelmäßige Müllsammelaktionen.

Hartmut David und Kerstin Todt vom Kirchengemeinderat widersprechen dem Bürgermeister offen. „Wenn ich mit dem Rad durchs Dorf fahre, frage ich mich: Wo soll denn dieser Krawall sein, von dem da die Rede ist“, sagt David. Seine Bilanz: „Es ist im Dorf nicht unruhiger als früher.“ Einige junge Flüchtlinge würden biertrinkend durch den Ort ziehen, „aber das tun deutsche Jugendliche auch“. Ihm seien im Gegenzug auch viele Flüchtlinge sehr freundlich begegnet.

Der Flüchtlingsbeauftragte des Landes Stefan Schmidt sieht sich in seiner Kritik an großen Flüchtlingsunterkünften und „Ankerzentren“ bestätigt. Sie würden in den Kommunen als Fremdkörper wahrgenommen werden. Das Land solle die Flüchtlinge dezentral unterbringen. In Boostedt zeige sich, dass große Unterkünfte Vorurteilen Vorschub liefern können.

Probleme abgeschoben

Der Bürgermeister von Boostedt, der kleinen Gemeinde mit der großen Erstaufnahmeeinrichtung, mahnt erneut mehr Unterstützung durchs Land an. Sofort läuft die Meldung von einem „Notruf“ durchs Land.

Zu Recht? Vertreter der Kirche vor Ort etwa halten dagegen: Nein, die seit jeher flüchtlingsfreundliche Stimmung im Dorf kippe nicht. Und auch die Fakten sprechen dagegen: Kein Kriminalitätszuwachs in Boostedt, die Menschen leben dort so sicher wie eh und je.

Fakt ist aber offenbar auch, dass sich mehr Flüchtlinge als früher in der Öffentlichkeit daneben benehmen. Es seien vor allem jene ohne Bleibeperspektive und Arbeitserlaubnis, die in Boostedt nur mehr auf ihre Rückführung warten, sagt der Bürgermeister. Tatsächlich muss vom Land noch mehr getan werden, um diese Personen sinnvoll zu beschäftigen, zu begleiten, sie auf die Rückkehr in die alte Heimat vorzubereiten. Vor allem zeigt dieser Umstand aber eines: All jene Politiker, die uns gerade in den letzten Wochen wieder weismachen wollten, mit mehr Abschiebungen und dem Einpferchen vermeintlich illegaler Menschen in großen Einrichtungen und Zentren ließe sich in der Flüchtlingsfrage auch nur ansatzweise ein Problem lösen, haben Unrecht. Ihre Konzepte machen nichts besser. Sie verschieben die Probleme nur – in diesem Fall ins kleine Boostedt.

Von Wolfram Hammer

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