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Norddeutschland Landesregierung stoppt Pläne für NS-Gedenkstätte
Nachrichten Norddeutschland Landesregierung stoppt Pläne für NS-Gedenkstätte
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22:10 20.03.2015
Viel NS-Prominenz reiste 1936 an, als die Neulandhalle auf dem Adolf-Hitler-Koog feierlich eingeweiht wurde. Quelle: Fotos: Horst Frege/Ullstein-Bild, Dirk Jacobs
Kiel

Noch im vergangenen Jahr war die Neulandhalle in einer Vereinbarung von Land und Nordkirche, der das Gebäude gehört, als herausragendes Projekt eingestuft worden. Dithmarschens Propst Andreas Crystall äußert sich bestürzt über die Kieler Entscheidung.

„Es kann für uns als derzeitiger Eigentümer keine Perspektive sein, auf das Jahr 2018 vertröstet zu werden“, sagt der Propst. Bislang habe Kiel immer beteuert, die historische Verantwortung für dieses problematische Erbe wahrnehmen zu wollen. Crystall: „Kaum ein Ort in Deutschland eignet sich so gut, die fatale Verführungskraft des Nationalsozialismus jungen Menschen präventiv nahe zu bringen.“

Es sei enttäuschend, dass das Land derzeit keine Möglichkeiten einer Umsetzung des Projekts sieht, sagt auch Gothard Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein. Insbesondere der Kirchenkreis Dithmarschen habe viel Vorarbeit „für die unserer Meinung nach gelungene Konzeption geleistet“. Mit den Gremien der Nordkirche solle jetzt über die Auswirkungen von Spoorendonks Entscheidung beraten werden.

Die Neulandhalle im südwestlichen Zipfel Schleswig-Holsteins sollte zu einem historischen Lernort werden. Das Konzept dafür war von dem Historiker Uwe Danker (Uni Flensburg) mit viel Herzblut erarbeitet und vom Kirchenkreis Dithmarschen bezahlt worden. Ende vergangenen Jahres hatten Nordkirche und Land eine Sondervereinbarung über die Gedenkstättenarbeit in Schleswig-Holstein unterzeichnet. Dazu gehörte das Projekt Neulandhalle.

Es ging um 2,1 Millionen Euro an Landesmitteln. Der Bund sollte, so die ursprüngliche Annahme, nochmal die gleiche Summe drauflegen. Doch Berlin lehnte ab. Die Kirche speckte den Umbauaufwand für das Museum „auf Wunsch der Ministerin“ ab. Ein Besucherzentrum wurde aus den Planungen genommen, eine Million Euro eingespart. Das aber hätte Spoorendonk in ihrer Entscheidung gar nicht mehr beeinflusst, beklagt der Kirchenkreis.

„Ich bedauere, dass wir derzeit nicht die nötigen finanziellen Mittel aufbringen können“, erläutert Ministerin Spoorendonk die Lage. Nach der Absage des Bundes sei umfangreich geprüft worden, ob es andere Realisierungsmöglichkeiten gibt. „Dies ist leider nicht der Fall.“ Für die Landesregierung möchte sie aber betonen, so Spoorendonk, dass die Auseinandersetzung „mit diesen neuen Orten des historischen Lernens weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Entwurfs eines Gedenkstättenkonzepts ist“. Im Übrigen verweist das Ministerium darauf, dass ein „für den vollständigen Betrieb notwendiges Besucherzentrum“ nachträglich für mindestens 800000 Euro hätte errichtet werden müssen.

Am kommenden Montag will Spoorendonk die Wogen glätten. Partnerschaftlich, wie sie sagt. Die Ministerin trifft sich mit Bischof Magaard und Propst Crystall. Die Kirche will das Projekt auf keinen Fall aufgeben. Eine Abrissgenehmigung für das Gebäude liegt unangetastet in der Schublade.

Seit Jahren steht die Neulandhalle leer. Davor war sie unter anderem als Jugendzentrum der Kirche genutzt worden. Den Nazis diente sie als Versammlungs- und Schulungsort. Auf dem nationalsozialistischen Musterhof, der an die Stelle einer Kirche trat, thronten zwei monumentale Wächterfiguren, Soldat und Deichbauer. Die Wände der Haupthalle waren mit heroisierenden Fresken verziert. Im Dieksanderkoog (damals Adolf-Hitler-Koog) waren 93 Höfe an ausgewählte NSDAP-Mitglieder vergeben worden. Dahinter stand die Idee einer „arischen Volksgemeinschaft“, die Schwache, Kranke und Andersdenkende ausgrenzt.

„Anti-Kirche“ der Nazis
1935 legte Adolf Hitler den Grundstein für die Neulandhalle, nachdem der Deich des Kooges geschlossen war. Das Haus war als „Anti-Kirche“ gedacht. Es erinnerte an einen Haubarg. Ein frei stehender hölzerner Glockenturm neben der Halle existiert heute nicht mehr. Später wurde die Neulandhalle zur Kult-Gaststätte: Die Krabbenbrote der Eheleute Söth waren weit über den flachen Landstrich hinaus bekannt. 1971 erwarb die Kirche die Halle für ihre Jugendarbeit.

Curd Tönnemann

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