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Norddeutschland Landwirt schafft Neustart in Mecklenburg
Nachrichten Norddeutschland Landwirt schafft Neustart in Mecklenburg
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17:19 16.01.2016
Der Kappelner Jan-Hinrich Kühl (43) lebt seit elf Jahren auf seinem Hof in Fienstorf. Quelle: Lena Modrow

Wäre er vor elf Jahren nicht gegangen, dann wäre er heute kein Landwirt mehr, sagt Jan-Hinrich Kühl (43) über seine Entscheidung. Seit 2005 lebt der gebürtige Schleswig-Holsteiner in Mecklenburg-Vorpommern — genauer in Fienstorf. Mitten auf dem Land. Umgeben von Feldern, Windkrafträdern — und der Anlage des Landwirts. Vor den Toren Rostocks hat er gesucht, was er in der Heimat nicht hatte finden können. Als Geschäftsführer der Agrarbetriebsgemeinschaft Broderstorf (ABG) KG betreibt Kühl 1600 Hektar Land für eine tragfähige, eigene Landwirtschaft mit Zukunft.

Besonders die Kleinbauern blicken sorgenvoll in die Zukunft. Auch bei der Grünen Woche in Berlin werden der tiefgreifende Strukturwandel zu Lasten kleinbäuerlicher Betriebe und der Preisverfall diskutiert. Für Jan-Hinrich Kühl reichte der elterliche Betrieb in Kappeln nicht aus, um als Landwirt über die Runden zu kommen. In Fienstorf konnte der 43-jährige Kühl vor elf Jahren den Vorgängerbetrieb der ABG übernehmen, der damals noch im benachbarten Broderstorf angesiedelt war.

Eine alte Trocknungsanlage im Dorf und etwa 1600 Hektar Ackerland. „Da war nicht viel“, erinnert sich Kühl. Die ABG ging aus einer alten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) hervor. In der ehemaligen DDR wurden durch Zwangskollektivierung von Bauern große Flächen „gemeinschaftlich“ bewirtschaftet. Als Kühl den Betrieb übernahm, investierte er gleich zu Beginn in die Trocknungsanlage. Förderung oder Subventionen von der EU gab es nicht. 2008 verlagerte er den Hof an die Fienstorfer Mühle. Er baute eine große Halle und ein Haus.

Der 43-Jährige ist froh, dass er den Neustart in Mecklenburg-Vorpommern geschafft hat. „Kleine Bauern haben es schwer“, sagt Kühl. Die Landpreise würden immer höher. Etwa 20 000 bis 25000 Euro kostet ein Hektar Fläche inzwischen. Zudem steht nur begrenzt Areal zur Verfügung. „Und jeder hinterfragt, ob man dem Kontrollmechanismus der Politik unterliegen möchte und dabei viel handwerkliche Arbeit leistet und wenig verdient“, so Kühl. Seiner Meinung nach fragen sich viele Kleinbauern: „Ist es das noch wert?“

Das Bild der Landwirtschaft habe sich verändert. „Wir leben nicht mehr in einer heilen Welt.“ Er würde liebend gerne die meiste Zeit draußen in der Natur sein, sagt er. Stattdessen sitzt er 80 Prozent seiner Zeit in seinem neuen Wohnhaus am Schreibtisch. Er muss dafür sorgen, dass alle Auflagen passen. „Die Bedingungen, die die Politik stellt, sind für mein Empfinden kaum erfüllbar. Die kleinen Bauern müssten neben dem Papierkram auch noch die praktische Arbeit leisten. Das ist kaum zu schaffen.“

Kühl hat es geschafft. Der Vater von vier Kindern hat inzwischen sieben Mitarbeiter. Er betreibt vorwiegend Ackerbau. Vor allem Weizen, aber auch Raps, Wintergerste und Zuckerrüben werden angebaut. Seine Frau Miriam züchtet Holsteiner Pferde.

Außerdem ist eine Biogasanlage für 2,5 Millionen Euro entstanden. Dieses Jahr soll eine Geflügelmasthaltung hinzukommen. Drei Millionen Euro soll sie kosten. Gegen die geplanten vier Ställe mit insgesamt 180 000 Mastplätzen gab es viel Protest von den Dorfbewohnern. Er ist überzeugt von den Planungen. Massentierhaltung werde es geben, solange die Nachfrage nach billigem Hähnchenfleisch besteht, betont er. Er versuche nur, den Betrieb so effektiv wie möglich zu halten. Und Massentierhaltung rechne sich. „Das wird an der Kasse entschieden.“

Die vorhandene Biogasanlage soll den Strom für die Ställe, die direkt neben der Anlage entstehen, liefern. Die Gülle landet auf dem Acker. Dadurch sei das Wachstum ergiebiger. Zurzeit kann Kühl die Wärme der Anlage, die 600 Kilowatt Strom pro Stunde produziert, aber noch nicht nutzen. „Wirtschaftlich eine Katastrophe“, gibt er zu. „Die Erträge sind im Moment gleich Null“, sagt er. Die Anlage müsse zukunftsfähig werden. Das funktioniert nur mit der geplanten Masthaltung.

Aufgrund steigender Landpreise, großer Konkurrenz, dem Strukturwandel und immer weniger nutzbarer Flächen hat er sich breit aufgestellt, um zu überleben. Denn: „Ökonomisch ist ein Betrieb mit reinem Ackerbau nicht zu bezahlen.“ Er versuche den Spagat zwischen Ökonomie und vernünftiger Landwirtschaft.

Seine Heimat Kappeln vermisse er nicht wirklich. „Aber natürlich freue ich mich, zurückzukehren.“ Den Hof in Fienstorf würde er dagegen sehr vermissen. „Weil ich das hier alles aufgebaut und selbst erschaffen habe.“ Ein schwieriges Geschäft sei es geworden. Dennoch sieht er seinen Beruf als seine Passion. „Die Arbeit mit der Natur, das Getreide wachsen zu sehen, da freut man sich.“ Auch wenn er viel Zeit im Büro verbringt, ohne eigene Beobachtung ginge die Landwirtschaft dann doch nicht.

Mit seinem Betrieb in Mecklenburg hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner die wirtschaftliche Grundlage für die nächste Generation geschaffen. „Ich würde mich freuen, wenn meine Kinder den Hof übernehmen. Mein ganzes Herzblut hängt an diesem Ort.“

DREI FRAGEN AN...

1 Wie groß sind die Betriebe im Durchschnitt in Schleswig- Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern?

Bundesweit liegt die Durchschnittgröße bei 46 Hektar. In Schleswig-Holstein liegt der Schnitt eines landwirtschaftlichen Betriebs bei 85 bis 90 Hektar. Hier im Land dominiert die Milchviehwirtschaft.
In Mecklenburg-Vorpommern hat ein durchschnittlicher Betrieb 300 Hektar. Die Größe erklärt sich historisch durch die Zwangskollektivierung in der ehemaligen DDR und den Fortbestand der LPG. In Mecklenburg-Vorpommern dominiert der Ackerbau.

2 Warum haben es insbesondere kleine Landwirte schwer, über die Runden zu kommen?
Vom Standortfaktor her haben wir in Schleswig-Holstein hervorragende Bedingungen, sowohl für den Ackerbau als auch für die dominierende Milchviehwirtschaft. Große Sorge bereitet die momentane Marktlage, von der alle Betriebe betroffen sind. Der Größenfaktor ist natürlich ein Vorteil. Je mehr Auflagen, umso schwerer haben es kleinere Betriebe.

3 Wie sieht die Zukunft der
Landwirtschaft aus?

Der aktuelle Preisverfall gibt wenig Aussicht auf Besserung. Die aktuelle Lage sieht nicht positiv aus. Doch so wird es nicht bleiben, da bin ich mir sicher. Der Preis für Milch und Fleisch muss irgendwann wieder steigen.

Beke Zill und Alessandra Röder

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