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Norddeutschland Latein stirbt im Norden nicht aus
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20:12 23.09.2017
Lateinlehrerin Silke Frost (42) liest in ihrem achtköpfigen Kurs gerade einen Brief des Plinius an seine Frau. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

„Non scholae, sed vitae discimus. Übersetzt: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Für Michael Goedecke (62), Lehrer für Latein und Griechisch am Lübecker Katharineum, ist damit längst nicht alles gesagt. Nicht nur, weil es sich um ein Beispiel für den lateinischen Dativ handele. „Man fragt: Wofür lerne ich?“, doziert Goedecke. „Nicht, wie im Deutschen, für wen oder was lerne ich – das wäre Akkusativ.“ Wende man diesen Fall an – fälschlicherweise – käme heraus „non scholam, sed vitam“. „Aber die Grammatik ist im Lateinischen eben anders.“

Der Altphilologenverband beklagt bundesweit sinkende Schülerzahlen für das Fach Latein. Während in Niedersachsen die Anmeldezahlen seit 2010 von 42 auf 36 Prozent schrumpften, erfreut sich das Fach in Schleswig-Holstein ungebrochener Beliebtheit. Auch als erste Fremdsprache.

Und nicht nur das. Im Original laute der Satz nämlich: „Non vitae, sed scholae discimus, also: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir.“ Es handele sich um ein ironisch gemeintes Zitat des römischen Philosophen Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.). Historisch und gesellschaftlich interessant, findet der Lehrer. „Auch solche Zusammenhänge spielen im Unterricht heute eine Rolle.“

„Manche Schüler haben tatsächlich ungeheure Lust zu knobeln und sich in so eine alte Sprache reinzufuchsen“, kommentiert Schulleiter Thomas Schmittinger (62). Das sei oft schon bei Zehnjährigen so.

„In diesem Alter will man sich neue Welten erschließen. Auch, wenn die Eltern sagen: ,Du, dabei kann ich dir nicht helfen.’“ Wobei, wie Schmittinger einräumt, eine große Zahl der Katharineums-Schüler aus Akademikerfamilien stamme, in denen Latein nach wie vor als Teil der Schulbildung gesehen werde.

All das sind Gründe, warum die traditionsreiche Lübecker Schule, die als eines von nur fünf Gymnasien landesweit Latein auch als erste Fremdsprache anbietet, seit 14 Jahren stabile Anmeldezahlen hat.

Mehr als 80 Prozent der Schüler, so Schmittinger, würden bei ihm bis zur Oberstufe Latein lernen. Derzeit besuchen 850 Schüler das Katharineum.

Auch anderswo, etwa an der Gelehrtenschule Ratzeburg, kommen in jedem Jahrgang Fortgeschrittenenkurse zusammen. Landesweit gibt es rund 24000 Lateinschüler, teilt Beate Hinse, Sprecherin des Kieler Bildungsministeriums mit. Die Zahlen seien konstant und genügend Fachlehrer gebe es auch.

Louis (16), Schüler der 11. Klasse des Katharineums – oder Unterprima, wie der Lateiner sagt – gehört zu den Jüngern der alten Sprache. Noch immer präge die römische Kultur die deutsche Gesellschaft, findet Louis. Das erste Interesse allerdings sei bei ihm über Asterix-Hefte geweckt worden. „Davon habe ich alle gelesen.“

„Wissen, wo man herkommt“, dies spiele für den Unterricht eine große Rolle, führt Lateinlehrerin Silke Frost (42) aus. Modern gestaltete Lehrbücher würden das Lernen erleichtern. Und ja, es sei möglich, durch Kenntnisse der römischen Gesellschaft und Kultur seine Note aufzubessern. Beispielsweise von Vier auf Drei. „Ganz ohne Sprachkenntnisse geht es aber nicht.“ So erreiche ein erheblicher Teil der Schüler das große Latinum, das für viele Studienfächer nach wie vor Voraussetzung ist.„Mediziner brauchen Latein“, weiß Hannah (16), deren Eltern Ärzte sind. Sie sei begeistert gewesen vom Katharineum. „Wer Latein als erste Sprache wählt, hat bessere Chancen, angenommen zu werden.“ Bereut hat sie ihre Entscheidung nicht. So liest sie nun Texte von Vergil, Ovid und anderen Römern. Auch Cäsars „Gallischer Krieg“ sei heute keineswegs unaktuell, sagt Goedecke. Ebenso wie ein Satz, den Generationen von Lateinschülern als ersten übersetzten: „Der Bauer pflügt. Agricola arat.“ Oder: „Der Bauer fährt Fahrrad“. Ein Witz, der wohl so unsterblich ist wie der Lateinunterricht.

Von Marcus Stöcklin

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