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Norddeutschland Leistungsdruck: Selbst gute Schüler bekommen Nachhilfe
Nachrichten Norddeutschland Leistungsdruck: Selbst gute Schüler bekommen Nachhilfe
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21:37 27.01.2016
Nachhilfe-Lehrer Olav Mühlsiegl erklärt Michelle Karbowski (18, l.) und Kristina Blunk (20) Mathematik-Formeln. Quelle: Lutz Roeßler

Ob Mathe, Deutsch oder Fremdsprachen – jeder siebte Schüler im Alter von sechs bis 16 Jahren nimmt einer Bertelsmann-Studie zufolge Nachhilfeunterricht. Das sind bundesweit mehr als eine Million Kinder. Ein Drittel der Schüler wird zusätzlich gefördert, obwohl sie schon befriedigende bis gute Leistungen bringen. Die Eltern geben für das zusätzliche Pauken pro Jahr fast 879 Millionen Euro aus.
Morgen werden Halbjahres-Zeugnisse verteilt. Dann werden viele Eltern genau hinschauen, ob sich bei ihren Schützlingen die Leistungen verbessert haben. Vor allem in Mathe bekommen die Schüler Hilfe. „Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden“, sagte Bildungsforscher und Studienautor Klaus Klemm. Vielen Eltern gehe es offenbar darum, mit besseren Noten einerseits den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leichter zu ermöglichen oder später mit guten Notendurchschnitten die Chancen auf Ausbildungsplatz und freie Studienfachwahl zu verbessern. Der Leistungsdruck steigt, vor allem durch die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien auf acht Jahre. „G8 ist eine Zumutung. Schüler stehen massiv unter Druck“, warnt Diplom-Sozialpädagoge Olav Mühlsiegl vom Nachhilfedienst „Lernstudio Lübeck“.
Im Schnitt lassen sich Familien den Zusatzunterricht monatlich 87 Euro kosten. Laut der Studie haben Einkommensunterschiede einen leichten Effekt auf die Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken. Gustaf Dreier, Schulrat der Hansestadt Lübeck, sieht keine Chancengleichheit für Schüler. „Ich finde es bedauerlich, dass Schulen die Förderung nicht leisten können.“
Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) sagt: „Wir haben gute Schulen, gute Lehrkräfte und wir verbessern die Qualität von Unterricht und Bildung stetig. Das heißt, wer sich engagiert und mitmacht, soll den nach seinen Fähigkeiten bestmöglichen Schulabschluss ohne Nachhilfe erreichen können.“
Die Landes-Elternbeiratsvorsitzende Katrin Engeln sieht Defizite im Schulsystem. „Durch das große Spektrum wird es immer schwieriger, individuell auf die Kinder einzugehen.“ Eltern trauen dem System nicht und geben Verantwortung an die Nachhilfe ab. Engeln plädiert vor allem auf Bildungsgerechtigkeit. „Individuelle Förderung ist nicht für alle zugänglich.“
Auch Klemm warnt: „Wenn schulischer Erfolg von privat finanziertem Unterricht abhängt, ist das ein Einfallstor für Ungleichheit bei den Bildungs- und Aufstiegschancen.“
Für sinnvoll hält die Bertelsmann-Stiftung den Ausbau von Ganztagsschulen. Auch das Bildungs-Ministerium setzt auf die Schulform. „Auf der anderen Seite ist Eltern nicht vorzuwerfen, wenn sie sich für die Bildung ihrer Kinder engagieren – im Gegenteil“, sagt Ministerin Ernst.

Beke Zill

Die Bertelsmann-Studie in Zahlen

61 Prozent der Nachhilfeschüler setzen auf Förderung im Fach Mathematik, gefolgt von Fremdsprachen (46 Prozent) und Deutsch (31 Prozent).

15 Prozent der Schüler aus Familien mit einem Haushaltseinkommen über 3000 Euro nutzen die Förderungs-Angebote. Das sind mehr als die Schüler aus Elternhäuser mit weniger Geld (12 Prozent). 26 Prozent der familien nutzen kostenlose Angebote an Ganztagsschulen.
Besonders ausgeprägt ist der Nachhilfebedarf an weiterführenden Schulen. Am häufigsten auf dem Gymnasium: Fast jeder fünfte Gymnasiast (18,7 Prozent) nutzt Nachhilfe

Das sagen die Schüler zu dem Thema: http://www.ln-online.de/Nachrichten/Norddeutschland/Pauken-bis-zum-Abschluss-Schueler-unter-Druck

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