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Leonie hat ein Ziel

Lübeck Leonie hat ein Ziel

Mit einem speziellen Programm sollen adipöse Kinder in Schleswig-Holstein Selbstbewusstsein lernen und Gewicht verlieren – Das Konzept scheint zu funktionieren.

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Guter Dinge und überzeugt, ihr Ziel zu erreichen: Leonie (13) aus Dassow beim Training mit Gleichgesinnten in Lübeck.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. In einem Jahr feiert sie Jugendweihe. Und wenn in Erfüllung geht, was sie sich sehnlichst wünscht, dann wird sie in einem knielangen Kleid mit silberfarbenen Pailletten auf der Bühne stehen, königsblau wird es sein; königsblau, das vor allem ist ihr wichtig. Leonie, ein Mädchen von 13 Jahren mit dunkelblonden Haaren und Pferdeschwanz, zu Hause in Dassow, rutscht nervös auf einer Bank in der Turnhalle der Astrid- Lindgren-Schule in Lübeck hin und her. Sie trägt eine Zahnspange wie viele in ihrem Alter, und während sie darüber spricht, was sein könnte, was sein sollte in der Zukunft, fällt ihr der Pony ins Gesicht. Sie spricht schnell, sie hat ihre Erfahrungen gemacht. Ältere Mädchen wünschen sich vielleicht einen Prinzen an ihrer Seite, bei Jüngeren, weniger Erfahrenen, sind die Träume bescheidener.

LN-Bild

Mit einem speziellen Programm sollen adipöse Kinder in Schleswig-Holstein Selbstbewusstsein lernen und Gewicht verlieren – Das Konzept scheint zu funktionieren.

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Leonie gilt mit einer Größe von 1,72 Meter und einem Gewicht von 118 Kilogramm als extrem übergewichtig, es ist eine schwere Hypothek, und das ist auch der Grund, warum sie an einem speziellen Programm für Kinder und Jugendliche mit Adipositas teilnimmt. „Erlebnistraining“ heißt das Konzept, organisiert wird es von Zimt, dem „Zentrum für interdisziplinäre und modulare Trainingsprogramme“ mit Sitz in Bad Segeberg. Einmal die Woche trifft sich die Gruppe, immer freitags zum Sport und Theorieunterricht, drei Mal im Jahr wird gemeinsam gekocht, und dass die Eltern dabei ebenso geschult werden wie ihre Kinder, ist das Besondere an dem Programm.

Es geht um Verhaltenstraining, erklärt Geschäftsführer Jochen Draeger, es gehe um Lebenszufriedenheit und darum, dass die Kinder richtig essen lernen.

Traurig und verzweifelt

Leonie ist in der Anfänger-Gruppe, seit vier Wochen ist sie dabei, sie hat eine Zeit hinter sich, in der ihr Gewicht zum Fixpunkt wurde, Tränen flossen, zur Kur in Graal-Müritz ist sie sechs Wochen gewesen, mit ihren Problemen ist sie keine Ausnahme. Die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt, in Deutschland etwa ist jedes fünfte zu dick, der Anteil der extrem übergewichtigen Mädchen und Jungen hat sich zuletzt sogar verdoppelt. Der Statistik nach muss man fürchten, dass sich der Trend kaum stoppen lässt, manche Experten betrachten die Maßnahmen zur Gegenentwicklung als gescheitert.

Übergewicht entsteht nicht allein durch falsche Ernährung, sagt Jochen Draeger. Stress spiele eine nicht unwesentliche Rolle, viele der teilnehmenden Kinder seien Trennungskinder. „Wir versuchen, die Eltern bestmöglich zu unterstützen.“ „Ziel finden, Ziel erarbeiten“ nennt er es. Das Gewicht sei dabei zweitrangig. Wichtig sei zunächst, dass die Kinder überhaupt teilnehmen würden, und statt Druck aufzubauen, werde viel Wert auf „positive Verstärkung“ gelegt. „Den Kindern soll es gut gehen und sie sollen die Erfahrung machen: Du bist toll, wie du bist, du bist anerkannt bei uns, egal, was du wiegst.“ Denn nicht allein das Gewicht quält, viele übergewichtige Kinder sind Mobbing, Hänseleien und Vorurteilen ausgesetzt; dick gleich dumm gleich faul. Jochen Draeger kennt solche Sätze, der gesellschaftliche Druck sei enorm. Darunter würden nicht nur die Betroffenen leiden, auch die Eltern seien häufig traurig und verzweifelt.

Das Programm läuft jeweils über ein Jahr, in vielen Fällen übernimmt die Kosten die Krankenkasse, und immer wieder gibt es erstaunliche Erfolge. Ein Mädchen aus Bad Segeberg etwa hat mit Hilfe von Zimt 30 Kilogramm abgenommen, und nach dem Jahr war es nicht nur leichter, es wurde selbstbewusster und ausgeglichener. „Es ist ganz einfach, Gewicht mit Drill und sehr, sehr viel Strenge zu reduzieren“, sagt Draeger, es bringe jedoch nichts, wenn Gewohnheiten nicht in den Alltag übertragen werden. „Pizza ist nun mal lecker, da können Kinder sich nicht wehren.“ Wenn die Eltern die Bedürfnisse der Kinder nicht wahrnehmen, dann könnten es auch die Kinder nicht. Seine Empfehlung: Sie mit ihren Sorgen nicht allein lassen.

Bewegung im Alltag

Leonie begann zuzunehmen, als sie eingeschult wurde. Am Ende trug sie Kleidergröße XL, sie aß, wohl auch aus Stress, das, wonach ihr der Sinn stand, und es ist nicht lange her, dass ihr eine Ärztin erklärte, wenn sie so weitermache, würde es kein gutes Ende nehmen. Es war der Moment, als das Mädchen Angst um sein eigenes Leben bekam. Fragt man Sophia von Berlepsch, was das Schwierigste beim Umgang mit den Kindern sei, antwortet sie spontan: „Die Motivation, definitiv.“ Seit Anfang des Jahres unterrichtet die Bewegungstrainerin die Kinder und Jugendlichen der Zimt-Gruppe; sie ist im Sport Leonies Ansprechpartnerin und sie ist eine von 50 Experten in Schleswig-Holstein, ihr Rat: „Am Ball bleiben und lernen, Bewegung in den Alltag einzubeziehen.“

Für Leonie hat sich seither einiges geändert. Sie hat ein paar Kilogramm abgenommen und ist auf einem guten Weg, mit sich selbst richtig umzugehen, Dabei hilft ihr, dass an ihrer Schule ihr Gewicht kein Thema ist, im Gegenteil: Ihre beste Freundin ist stolz auf sie. Und während sie noch immer erzählend auf der Bank sitzt und mit den Fingern spielt, wippt der Zopf hin und her, im Hintergrund jagen die anderen nach einem Ball, Musik spielt, die Sohlen quietschen auf dem Parkett.

In einem Jahr ist Jugendweihe, wie gesagt, und Leonie will in ihrem königsblauen Kleid den Tag begehen, sie hat es klar vor Augen, sie hat ein Ziel. Das wiegt mehr als alles andere.

Hilfe finden

Das Programm richtet sich an Kinder und Jugendliche mit Adipositas im Alter von 8 bis 17 Jahren. Hauptsitz des Schulungszentrums ist Bad Segeberg; in Schleswig-Holstein gibt es aktuell 15 Standorte mit Angeboten unter anderem in Itzehoe oder Neumünster. Geleitet wird das Programm von den Ärzten Michael Emken (Bad Segeberg) und Ingo Menrath vom UKSH.

Die Kosten werden häufig ganz oder teilweise von den Krankenkassen übernommen, es muss ein entsprechender Antrag gestellt werden. Eine ärztliche Bescheinigung ist dafür notwendig.

Mehr Informationen im „Zentrum für interdisziplinäre modulare Trainingsprogramme“, Telefon 04551/882665 oder im Internet unter: www.zimt-nord.de

 Marion Hahnfeldt

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