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Norddeutschland Letzte Ruhe daheim: Braucht das Land neue Bestattungsformen?
Nachrichten Norddeutschland Letzte Ruhe daheim: Braucht das Land neue Bestattungsformen?
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20:14 11.01.2017

Die Piraten im Landtag wollen das schleswig-holsteinische Bestattungsgesetz liberalisieren und den Friedhofszwang für Urnen abschaffen. Der Innen- und Rechtsausschuss verzichtete gestern auf eine Empfehlung. In zwei Wochen entscheidet das Parlament. Weil es sich um eine Gewissensentscheidung handelt, ist der Fraktionszwang aufgehoben. Die Piraten selbst rechnen mit einem engen Abstimmungsergebnis, ähnlich wie bei der Frage nach einem Gottesbezug in der Landesverfassung. Für eine höhere Akzeptanz besserte die Fraktion ihren Antrag nach.

Nach dem Willen der Piratenpartei soll die Asche von Verstorbenen künftig bis zu zwei Jahren in der Wohnung von Angehörigen aufbewahrt werden dürfen. Auch soll es möglich sein, die Asche nach Genehmigung der zuständigen Gemeinde außerhalb von Friedhöfen zu verstreuen, zum Beispiel im eigenen Garten. In beiden Fällen muss die verstorbene Person dies schriftlich verfügt haben. Muslimen und Juden soll zur Verhinderung von „Sterbetourismus“ eine traditionsgemäße Bestattung schon am Folgetag des Todes ermöglicht werden – wenn die Leichenschau durchgeführt ist. „Mit der Bevormundung der Bürger noch über den Tod hinaus muss Schluss sein“, begründet Piraten-Chef Patrick Breyer den Vorstoß. Die Piraten kündigten gestern im Ausschuss an, zu dem Thema in der nächsten Woche eine Meinungsumfrage zu präsentieren.

Die Kirche hat Bedenken. Die Protestanten sorgen sich darum, dass eine Urne in Händen von Privatpersonen die Totenruhe stören könnte. Und was passiere, wenn ein Privatgrundstück den Besitzer wechselt? Ähnlich sieht es die Katholische Kirche, die „gute Sitten und Pietät“ gefährdet sieht. Die Verpflichtung der öffentlichen Verwaltung zum grundgesetzlich verbrieften Schutz der Menschenwürde wirke über den Tod hinaus, argumentiert das Erzbistum Hamburg.

Bestatter-Innung und Friedhofsverwalter fürchten offenbar um ihre Pfründe. Ihre „erheblichen Bedenken“ begründen sie unter anderem damit, dass Asche von Toten nie „rein“ sei. Es könne passieren, dass nicht verbrannte Rückstände wie Zahngold und Prothesen verstreut würden. Die Piraten reagierten auf diesen Einwand. Sie wollen nur feinpulvrige Asche von Verstorbenen zum Verstreuen freigeben.

Die Landesinnung der Steinmetze fragt, wer nach Ablauf von zwei Jahren kontrolliere, dass die Totenasche tatsächlich beigesetzt wird.

Es gibt auch andere Stimmen. Traditionelle Bestattungsformen verlören an Zuspruch, sagt Kai Lociks, Bestattungsunternehmer aus Pansdorf (Ostholstein) und Vorsitzender des Verbands unabhängiger Bestatter. Die geltenden restriktiven Bestattungsgesetze würden von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt. „Was ist Schlimmes an der Urne zu Hause?“, fragt Lociks. Kritikern einer Liberalisierung wirft er Heuchelei vor.

Laut einer Emnid-Umfrage von 2013 spricht sich eine Mehrheit der Bundesbürger gegen die Friedhofspflicht aus – auch wegen der hohen Kosten. Das Erdgrab inklusive aufwändiger Pflege wird immer unbeliebter. Inzwischen werden über 70 Prozent der Toten in Schleswig- Holstein verbrannt.

Curd Tönnemann

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