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Norddeutschland Medibüro: Hilfe für Menschen ohne Papiere
Nachrichten Norddeutschland Medibüro: Hilfe für Menschen ohne Papiere
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06:00 10.03.2019
Jan Uter (25), Sinja Großer (26) und Sophie Ritter (25, v.l.) vom Medibüro Lübeck beraten Menschen ohne Versicherung. Quelle: Agentur 54°
Lübeck

 Die junge Australierin, die den Raum betritt, braucht Medikamente. Möglichst schnell, denn sie leidet an einer psychischen Erkrankung. Seit vier Jahren ist sie in Behandlung. Nun gehen ihr die Tabletten aus. Das Problem: Ihr fehlen die nötigen Versicherungspapiere für einen Arztbesuch in Deutschland. Ein klassischer Fall für die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Medibüros. Sie kümmern sich um Menschen ohne Krankenversicherung oder mit unsicheren Versicherungsverhältnissen.

Mehr zum Thema: Hier lesen Sie weitere Beiträge aus unserer Gesundheitsserie.

Es kann jeden treffen

Ihr kleines Büro, das eigentlich ein Kopierraum ist, und durch die Arbeiterwohlfahrt (Awo) zur Verfügung gestellt wird, liegt in einem Hinterhof in der Großen Burgstraße. Die Bandbreite an Patienten ist groß. Sie geht vom deutschen Selbstständigen, der seine private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen kann, bis zum Geflüchteten, der sich nicht bei der Ausländerbehörde melden möchte. „Unser Ziel ist es, dass jeder Mensch, egal wer man ist und wo man herkommt, eine geregelte Gesundheitsversorgung bekommt“, sagt Sinja Großer. Die 26-Jährige ist, wie viele der zehn Ehrenamtlichen, Studentin der Medizin.

Die ehrenamtlichen Helfer des Medibüros vermitteln medizinische Hilfe. Dafür haben sie ein breites Netz an Kooperationspartnern. Quelle: 54° / Felix König

Rund 20 Personen im Monat nehmen aktuell ihre Hilfe in Anspruch. In der wöchentlichen Sprechstunde führen die Studierenden eine Ersteinschätzung durch. „Wir begutachten die Leute und entscheiden, was akut behandelt werden muss“, sagt Sophie Ritter (25). Im nächsten Schritt leiten sie ihre Patienten an Lübecker Fachärzte weiter. „Wir sind noch keine ausgebildeten Ärzte. Deswegen geben wir keine Diagnosen oder Therapieempfehlungen. Das überlassen wir unseren Partnerpraxen.“ Vielmehr sind sie Vermittler.

Lübecker Ärzte behandeln kostenfrei

Sinja Großer (26), ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Lübecker Medibüro: „Gesundheit darf nicht abhängig sein von Aufenthalts- oder Gesundheitsstatus.“ Quelle: 54° / Felix König

Sie stehen in engem Kontakt mit anderen Hilfsorganisationen der Region. Darunter sind unter anderem die Humanistische Union, das Flüchtlingsforum, die Awo und eine Handvoll Lübecker Ärzte. Sie behandeln die Patienten des Medibüros kostenfrei. In Lübeck und Umgebung sind es etwa fünf Partnerpraxen. „Eine besondere Form der Spende“, sagt Sophie Ritter, ohne die sie nicht arbeiten könnten.

Mehr zum Thema: Die politische Stimme der Flüchtlinge

„Alles was an Medikamenten und Untersuchungen unter 200 Euro liegt, können wir finanziell unterstützen“, sagt Großer. Wobei sie sich an den Leistungen der Krankenkasse orientieren. Denn Geld ist ein rares Gut für die Ehrenamtlichen. Finanziert wird der Verein ausschließlich über Spendengelder. Auch die Stadt unterstützt die Studenten mit Geldern aus dem Integrationsfond.

Es mangelt an Unterstützung

Sophie Ritter (25), ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Lübecker Medibüro: „Zu uns kommen Personen, die keine Krankenversicherung haben. Das kann jeder sein, vom deutschen Selbstständigen bis zur Geflüchteten.“ Quelle: 54° / Felix König

Ihre Kapazitäten zu Helfen sind jedoch begrenzt: „Insbesondere bei der psychischen Betreuung stoßen wir an unsere Grenzen“, sagt Jan Uter (25). An psychologischer Unterstützung mangelt es. Ein anderes Problemthema sind Geburten. Vier Schwangere kamen zu ihnen im letzten Monat.„Eine Geburt ist teuer und beinhaltet einen Krankenhausaufenthalt, der finanziert werden muss. Das sprengt unseren Rahmen“, sagt Sinja Großer.

Das Medibüro ist allerdings keine Lübecker Erfindung. Das ehrenamtliche Projekt gibt es in vielen Deutschen Städten, so auch in der Landeshauptstadt Kiel. Über Verteiler und Kongresse sind die Büros untereinander vernetzt. Sie alle eint ein ungewöhnliches Ziel – sich selbst abzuschaffen. Würde die Gesundheitsversorgung in Deutschland lückenlos für jedermann zugänglich, seien Medibüros überflüssig.

Fabian Boerger

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