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Norddeutschland Marine-Ausbilder soll Kadetten misshandelt haben
Nachrichten Norddeutschland Marine-Ausbilder soll Kadetten misshandelt haben
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16:22 24.04.2018
Symbolbild: Marineoffiziersanwärter warten auf dem Antreteplatz der Marineschule Mürwik auf ihre Vereidigung. Quelle: Angelika Warmuth/dpa

Hat ein Ausbilder der Marine Offiziersanwärter bei einem Ausbildungstörn auf einem Segelschiff geschlagen, getreten und beleidigt? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit Dienstag das Amtsgericht Flensburg. Angeklagt wegen Misshandlung zweier Kadetten ist ein 52 Jahre alter Ausbilder und Schiffsführer der Marine. Er soll bei der Ausbildungssegelfahrt in der dänischen Südsee im September 2016 nach Fehlern den einen Gefreiten mit dem Fuß in den Rücken getreten haben. Dem anderen soll er mit dem Knie in den Rücken getreten und ein anderes Mal mit der Hand in den Nacken geschlagen haben.

Außerdem ist der heute 52-Jährige wegen Nötigung angeklagt. „Was an Bord passiert, bleibt an Bord“ und „die Marine ist ein Dorf, man sieht sich meistens zwei Mal“. Diese Sätze sollen so oder so ähnlich nach Ende der Ausbildungsfahrt gefallen sein und werden auch vom Angeklagten nicht bestritten. Allerdings sind sie seiner Aussage nach nie als Drohung gemeint gewesen, sondern sind bei der Marine vielfach verwendete Floskeln. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wurde dieser Satz allerdings als Drohung verstanden, keine Meldung über die an Bord vorgefallenen Misshandlungen und Beleidigungen zu machen.

Die Offiziersanwärter hatten nur wenige Monate vor dem Törn ihre Ausbildung bei der Marine begonnen. Für viele war die Fahrt auf der „Taifun“, einem 16,5 Meter langen und 4 Meter breiten Schiff die erste Berührung mit einem Segelboot. 16 Tonnen wiegt die „Taifun“. „Das Ding wird auch bei wenig Wind gefährlich“, sagte der Angeklagte. Die Pinne sei nicht einfach zu bedienen. Während des zehntägigen Törns seien meistens acht Menschen an Bord gewesen, darunter fünf Kadetten mit wenig oder gar keiner Segelerfahrung.

Bei ruhigem Wetter sollen zwei der Anwärter auf der Tour seemännische Fehler gemacht haben, die Pinne in die falsche Richtung gelenkt, die Großschot zu früh gelöst haben. Diese hätten in der konkreten Situation aber nicht zu einer Gefährdung von Schiff und Besatzung geführt, sagte Oberstaatsanwalt Thorkild Petersen-Thrö.

Der Angeklagte beschrieb sich vor Gericht als hart, aber fair. „Es ist nicht mein Ziel, besonders hart oder aggressiv aufzutreten“, sagte er. Er sei bestimmend. Er sei ein guter Ausbilder, habe vom Kommandeur der Marineschule 2015 sogar eine förmliche Belobigung bekommen.

Dass es bei der Korrektur von seemännischen Fehlern zu Berührungen gekommen sein könnte, stritt der 52-Jährige nicht ab. „Aber aus meiner Sicht kam es nie zu Verletzungen.“ Er habe nie getreten oder geschlagen. „Züchtigen, beleidigen, das fand aus meiner Sicht nicht statt.“ Auch, dass nach Fehlern Sätze gefallen sein können, wie „wollen Sie uns alle töten“, „haben Sie gar nichts gelernt“, wollte der kräftige Mann mit dem grauen Bart nicht verneinen. Aber er legte Wert darauf, niemanden vorgeführt zu haben. „Ich gehe respektvoll mit den Offiziersanwärtern um. Sie sind mir anvertraut.“

Einer der Offiziersanwärter von damals, ein heute 20-jähriger Mann, hat seinen Ausbilder ganz anders in Erinnerung. „Das mit dem Tritt war gleich am Anfang der Segellangfahrt“, sagte er. Er habe die Pinne in der Hand gehabt und in die falsche Richtung gelegt und dann habe er einen Fußtritt in den Rücken bekommen. Der Ausbilder habe hinter ihm gestanden. „Für mich war das ein sehr, sehr starker Tritt“, sagte der 20-Jährige, der mittlerweile keine Karriere mehr als Berufssoldat verfolgt und nach einem bereits erfolgten Wechsel zum Heer die Bundeswehr komplett verlassen will.

Er schilderte den Törn als seine persönliche Angstfahrt. Neben den körperlichen Übergriffen hatten er, aber auch andere, Angst vor Demütigungen, wie er sagte. „Jeder kleinste Fehler wurde vor der Gruppe breitgetreten.“ Es sei keine konstruktive Kritik, sondern ein Bloßstellen gewesen. Erst Monate nach der Fahrt, im April 2017, habe er sich getraut, Meldung zu machen. Zuvor habe er sich geschämt, Opfer geworden zu sein - und auch weil er die Abschiedsworte des Ausbilders als Drohung verstanden habe.

Für den Prozess sind drei weitere Verhandlungstermine bis Ende Mai angesetzt. Es ist bereits der zweite Verhandlungs-Anlauf: Ende Januar war der Prozess wegen einer Erkrankung des Angeklagten verschoben worden.

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