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Norddeutschland Marleens Leben mit dem Spenderherz
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20:40 25.01.2017
Dirk Franz (49) und Tochter Marleen (14) leben mit der Bürde der Krankheit. „Aber wir beide wollen was vom Leben – trotz allem, was war.“ Quelle: Foto: Ulf Dahl
Kiel/Kronshagen

Ja. Es geht voran. Vor wenigen Tagen konnte Marleen die ersten beiden von zwölf Medikamenten absetzen. Seit sie vor einem halben Jahr ein Spenderherz bekam, nimmt sie diese Mittel, und einige wird sie lebenslang brauchen. Manchmal spürt sie den Herzschlag, der ihrer geworden ist. „Sonst fühlt es sich nicht explizit anders an“, sagt die 14-Jährige, die das Gymnasium Kronshagen besucht. Sie ist 1,75 Meter groß, schlank und will nach den Osterferien wieder ihr Hockey-Training aufnehmen. „Zurzeit mache ich nur Schulsport.“

Vorsichtig ist sie wegen der, wie immer nach einer Transplantation, medikamentös herabgesetzten Immunabwehr. Desinfektionsmittel für die Hände hat sie stets bei sich, auch einen Mundschutz. „Ich achte viel mehr darauf als früher“, sagt sie. Das erste Jahr nach einer Transplantation ist das Wichtigste, sie will es gut überstehen. „Bis jetzt infektfrei“, bemerkt ihr Vater und klopft auf das Holz des großen Küchentisches.

Dirk Franz, gelernter Tischler, 49, heiratete mit Mitte 20. Oben in Marleens Zimmer steht ein Hochzeitsfoto ihrer Eltern, entstanden im Park der Forstbaumschule. Ein Paar wie aus dem Bilderbuch. Zu fünft zogen sie 2006 hier ein, Vater, Mutter und drei Kinder, in diesen Altbau in Kronshagen. 2007 starb Marleens älterer Bruder Yaron, noch keine 13 Jahre alt. An der Wand hängt sein Bild. 2010 starb 46-jährig Marleens Mutter, kein halbes Jahr, nachdem Krebs in Magen und Darm diagnostiziert worden war. „Meine Frau hat den Tod unseres Sohnes nicht wirklich verkraftet“, sagt Dirk Franz. Auch er sei ein Jahr lang wie betäubt gewesen, nicht mehr ganz in dieser Welt verankert. 2012 starb auch noch Marleens jüngerer Bruder David, mit zwölf Jahren.

Sein Zimmer ist jetzt mit ihrem verbunden, und auf einem Sims steht sein Bild.

„2012, 2013 habe ich ernsthaft überlegt, aus diesem Haus auszuziehen“, erzählt Dirk Franz. „Aber Marleen hatte ihren Freundeskreis und entschied sich für das Gymnasium Kronshagen.“ Also blieben sie.

„Es ist mein Zuhause“, erklärt Marleen. Und ihr Vater: „Wir haben hier in jeder Ecke Erinnerungen, und die guten überwiegen die belastenden.“

„Das wird Ihnen nur einmal passieren, so ein Unglück“, sagten die Ärzte, als Yaron starb. Schon mit acht Monaten hatte er in der Kieler UKSH-Klinik für Herzchirurgie ein Spenderherz bekommen, „unter der Prämisse, die Ursache für seine lebensbedrohliche Herzerkrankung sei ein verschleppter Infekt“, sagt Dirk Franz. Yaron wuchs gut auf, ging zur Schule, spielte Hockey. Bis irgendwann immunologische Probleme auftraten und eine seltene Abstoßungsreaktion. „Als klar wurde, dass es das Herz war, dauerte es keine zwei Wochen, bis ein Spenderherz für ihn zur Verfügung stand. Schneller geht es, glaube ich nicht. Aber es hat nicht geklappt.“ Gestern hörte er im Radio, dass im vergangenen Jahr 10000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan warteten und 830 Menschen ihre Organe spendeten. Dirk Franz sagt nur: „Aus unserer Sicht ist das nicht so gut.“

Bei seinem Sohn David deutete nichts auf ein krankes Herz hin. „Er war sehr sportlich, spielte Basketball. Wir waren alle sportlich. Das brach wirklich von heute auf morgen zusammen.“ David ging es plötzlich schlecht. Aus dem Verdacht auf Lungenentzündung wurde schnell die Diagnose Herzschwäche. Vier Monate lag der Zwölfjährige auf der Intensivstation. Spätestens als seine Organe versagten, war klar: Er wird nicht mehr die Chance auf eine Transplantation bekommen.

Davids Tod gab den Ausschlag: Dirk Franz ließ sich, Marleen und sein jüngstes Kind Flo aus einer neuen Beziehung untersuchen. „Erst als alle Kinder auf der Welt waren, wurde festgestellt, dass die Ursache ein Gendefekt ist, den ich vererbt habe“, sagt Dirk Franz. „Ich wusste davon nichts.“ Alle drei leben jetzt damit. Marleen wurde von 2012 an in der UKSH-Kinderklinik betreut und nahm vorsorglich herzunterstützende Mittel. Im vergangenen Januar verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Weil sie noch keine 14 Jahre alt war, stand sie auf der Empfängerliste von Eurotransplant weit oben. Am 14. Juli 2016 um 22 Uhr rief Privatdozent Dr. Assad Haneya an, der stellvertretende Direktor der Kieler UKSH-Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie. Es gebe ein Spenderherz für Marleen, sie solle am nächsten Morgen um 6 Uhr in der Klinik sein.

Wie fühlte es sich an, als sie aus der Narkose erwachte, mit einem anderen Herzen? Die 14-Jährige überlegt nur ganz kurz: „Gut.“

Die Eheleute Franz hatten einst eine Entscheidung getroffen, über die Dirk Franz heute noch froh ist: „Meine Frau studierte zu Ende und wurde Lehrerin. Ich war der Hausmann. So habe ich von Anfang an viel Zeit mit meinen Kindern verbracht.“ Marleen und er, „wir beide sind ein gutes Team. Ich helfe ihr, sie hilft mir. Was ich nicht kann, kann sie – sehr gut backen zum Beispiel. Wir sind ähnlich gestrickt. Wir gucken beide nach vorne“.

Herztransplantationen in Deutschland

Am 3. Dezember 1967 gab es in Kapstadt die weltweit erste Herztransplantation: Der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard übertrug dem 55-jährigen Louis Washkansky ein Herz, das jedoch nur 18 Tage schlug. Im folgenden Jahr gab es mehr als 100 Herztransplantationen in mehr als 22 Ländern, fast immer ohne langfristigen Erfolg. Die meisten Patienten starben in den ersten vier Monaten danach.

Die erste Herztransplantation in Deutschland war 1969. Doch erst in den 1980er Jahren, nach der Einführung von effektiven und risikoarmen Medikamenten, wurden die Herztransplantations-Programme ausgeweitet. 2015 gab es in Deutschland 286 Herztransplantationen.

Christian Trutschel

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