Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland „Menschlicher Beistand ist das Wichtigste“
Nachrichten Norddeutschland „Menschlicher Beistand ist das Wichtigste“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:33 29.07.2017
Uwe Döring (71), Landesvorsitzender Weißer Ring.
Anzeige
Lübeck

Der 71-Jährige ist zugleich Mitglied im Bundesvorstand des Vereins, der sich aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Vermächtnissen finanziert.
LN: Die Männer, die den Messerstecher in Hamburg gestellt haben, werden nun als Helden gefeiert. Wie beurteilen Sie das?
Döring: Zivilcourage ist eine gute Sache – aber man muss unbedingt Augenmaß beweisen. Jeder muss abwägen in einer konkreten Situation: Was kann ich jetzt leisten? Was kann ich schaffen? Niemand erwartet, dass man sich selbst in Gefahr bringt.

LN: Wie sollte man sich bei einer Attacke verhalten?
Döring: Das ist eine höchst persönliche Entscheidung. Wir raten dazu, Hilfe zu holen, wenn man Zeuge von Gewalttaten wird. Das bedeutet in erster Linie, einen Notruf abzusetzen. Manchmal hilft es aber auch, andere aufmerksam zu machen oder laut um Hilfe zu rufen. Im Falle einer sexuellen Belästigung etwa lässt der Täter dann möglicherweise schon von seinem Opfer ab.

LN: Kann man das richtige Verhalten trainieren?
Döring: Wahrscheinlich nicht. In solch einer Situation ist man ja selbst geschockt.

LN: Wie wirkt solch ein schreckliches Erlebnis bei Opfern und Augenzeugen nach?
Döring: Das sind Dinge, die Menschen vermutlich ihr Leben lang belasten werden. Oft kommt es zu posttraumatischen Belastungsstörungen wie Panikattacken und Schlafstörungen. Aus schleswig-holsteinischer Sicht können wir das nicht genau sagen, da wir einen solchen Fall terroristischer Gewalt zum Glück noch nie hatten. In unserer Bundesgeschäftsstelle stellen wir derzeit einen Krisenplan für Opfer von extremistischer und terroristischer Gewalt auf. Den Anlass hat der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin im vergangenen Dezember gegeben.

LN: Wie können sie als Opferschutz-Organisation helfen?
Wir können helfen, in dem wir persönliche Betreuung übernehmen, menschlichen Beistand leisten. Das ist das Allerwichtigste. Daneben fungieren wir als Lotsen: Wir begleiten die Opfer beispielsweise bei der Antragstellung, helfen ihnen, einen Rechtsanwalt zu finden. Und wir bieten materielle Hilfe, etwa für psychotraumatische Behandlung. Das gilt selbstverständlich auch für Leute, die helfen wollten und dabei verletzt worden sind. Auch sie bekommen natürlich Hilfe von uns.

LN: Wie viel Unterstützung haben Sie denn?
Döring: Allein in Schleswig-Holstein haben wir rund 180 ehrenamtliche, gut ausgebildete Helfer. Im vergangenen Jahr haben wir 1700 Menschen helfen können. Dafür haben wir 240 000 Euro bereitgestellt.

LN: Brauchen Männer und Frauen gleichermaßen Hilfe?
Döring: Bisher sind 80 bis 90 Prozent der Menschen, die uns um Hilfe bitten, Frauen. Ich möchte alle Opfer von Verbrechen dazu ermutigen, sich an uns zu wenden. Das gilt vor allem auch für junge Männer.
Interview: Julia Paulat

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige