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Norddeutschland Messerattacke im IC: Was löste den tödlichen Streit aus?
Nachrichten Norddeutschland Messerattacke im IC: Was löste den tödlichen Streit aus?
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18:39 31.05.2018
Flensburg: Der Bahnhof ist von der Polizei weiträumig abgesperrt. Quelle: Sebastian Iwersen/nordpresse mediendienst/dpa
Flensburg

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der Mann zunächst einen Fahrgast, dann die Polizistin mit einem Messer attackiert. Einen politischen oder terroristischen Hintergrund für diese Tat schließt die Staatsanwaltschaft Flensburg aus.

Fahrgast und Polizistin erlitten schwere Verletzungen. Beide sind außer Lebensgefahr.

Genauer Tathergang noch unklar

Fest steht, dass der Eritreer mit einem 35-jährigen Fahrgast aus Köln in einem Zugabteil des Intercitys aus Köln heftig in Streit geriet. Was der Anlass war, liegt für die Ermittler im Dunkeln. Eine 22-jährige Polizistin aus Bremen, die in Uniform und bewaffnet zufällig im Zug saß, aber außer Dienst war, griff ein. Sie erschoss den mutmaßlichen Angreifer mit ihrer Dienstwaffe. Medienberichte, wonach ein Zugbegleiter zuvor über Lautsprecher nach Polizisten an Bord gefragt habe, wollte eine Flensburger Kripo-Sprecherin nicht bestätigen.

Der Intercity war in Flensburg mit 30 Fahrgästen besetzt. Den beschlagnahmten Zug nahm am Donnerstag die Spurensicherung unter die Lupe. Die Polizei sucht jetzt Mitreisende, die nicht registriert wurden und Hinweise zum Verhalten des Angreifers machen könnten.

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen Migranten, der nach Angaben aus Sicherheitskreisen im September 2015 über Österreich nach Deutschland gekommen war. Er hatte in Nordrhein-Westfalen einen befristeten Aufenthaltstitel aus politischen, humanitären oder völkerrechtlichen Gründen, er hielt sich damit legal im Land auf. Eine Obduktion soll die Identität des Mannes abschließend klären, ein Ergebnis wurde gestern nicht veröffentlicht.

Gegen die Polizistin „wird ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet“, erklärte die Leitende Flensburger Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann- Liebelt. Ihre Schusswaffe sei sichergestellt. Die Beamtin liege mit Gesichtsverletzungen in einem Flensburger Krankenhaus und werde von Seelsorgern betreut. Sie mache von ihrem Schweigerecht Gebrauch. Der 35-Jährige konnte noch nicht vernommen werden.

Daniel Günther spricht Mitgefühl aus

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach den Verletzten sein Mitgefühl und Genesungswünsche aus. „Ich bin erleichtert, dass durch das beherzte Eingreifen der Bremer Beamtin mutmaßlich Schlimmeres verhindert werden konnte. Ihr danke ich ganz besonders für ihren Mut“, sagte er. Nach Ansicht Günthers zeigen die Ereignisse einmal mehr, wie wichtig die Präsenz von Polizeibeamten in Uniform auch im Rahmen privater Fahrten im öffentlichen Raum sei. „Das sorgt für mehr Sicherheit für uns alle.“

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Schleswig-Holstein, Torsten Jäger, lobte das Verhalten der jungen Polizistin. Diese habe eindrucksvoll couragiert eingegriffen, das Leben eines offensichtlich unbewaffneten Menschen gerettet und sich damit sogar selbst gefährdet. Der Vorfall mache einmal mehr deutlich, dass es ein hohes Sicherheitsbedürfnis im öffentlichen Personenverkehr gebe. Dazu würden auch privat reisende Polizisten in Uniform beitragen. „Das reicht aber nicht aus.“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zeigte sich tief bestürzt. Beiden Verletzten gelte sein Mitgefühl. Seehofer bot dem Land Schleswig-Holstein „jede gewünschte Hilfe“ an.

Kein Beleg für Zunahme von Messerattacken

Nach wiederholten Messerattacken in Deutschland wurde zuletzt darüber diskutiert, ob solche Angriffe zugenommen haben. Einen Beleg dafür gibt es mangels bundesweiter Zahlen nicht. Am Flensburger Bahnhof scheinen sich indes einige Passanten sicher zu sein: Das habe es früher nicht gegeben, rief etwa ein Mann, der auf dem Bahnhofsvorplatz wartete, Journalisten zu.

Eine Bahnpendlerin aus Flensburg, die ihren Namen nicht verraten wollte, meinte ebenfalls, die Aggressivität nehme zu. Ein mulmiges Gefühl, jetzt in den Zug zu steigen, habe sie aber nicht. „Ich meine, das kann überall passieren. Ich nehme das jetzt nicht persönlich für die Strecke Hamburg-Flensburg“, sagte die 56-Jährige.

Curd Tönnemann

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