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Norddeutschland Milliardär soll Land für die A 20 hergeben
Nachrichten Norddeutschland Milliardär soll Land für die A 20 hergeben
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22:29 25.10.2013
Lasbek

Die Chancen auf einen zügigen Weiterbau der A 20 bei Bad Segeberg schwinden immer mehr. Offenbar hat der Landesbetrieb Verkehr des Kieler Wirtschaftsministeriums auch die notwendigen Natur-Ausgleichsflächen nicht gründlich genug geplant. Um eine besonders wichtige dieser Flächen ist vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig jetzt Streit zwischen dem Land und dem Hamburger Ex-Tchibo-Chef und Milliardär Günter Herz entbrannt.

Es geht um zwei Hektar von Herz‘ Gestüt in Lasbek im Kreis Stormarn, im Süderbeste-Tal. Ein Grundstück mit Kalktuff-Quellen, mit versteinerten Ablagerungen. Die sind sehr selten im Land. Im Trave-Tal südlich von Bad Segeberg gibt es auch noch welche. Doch genau da soll die A 20 entlangführen. Der Plan der Kieler Planer: Als Ausgleich wird Herz das Grundstück in Lasbek abgekauft, der EU als „Natura 2000“-Fläche gemeldet. Will er nicht, wird enteignet. Das wollte man gleich im Planfeststellungsbeschluss festhalten.

Die Leipziger Richter, die jetzt mehrere Klagen gegen den A-20-Bau verhandelt haben — und am 6. November ihr Urteil verkünden wollen —, halten davon aber offenbar gar nicht viel. Sie wollten vom Land wissen, ob es nicht auch ein weniger folgenschweres Mittel als die Enteignung gebe, um an die Ausgleichsfläche zu gelangen. Die Anwälte des Landesbetriebs gaben schnell nach: Eigentlich reiche es auch, wenn Herz Nutzungseinschränkungen akzeptiere.

Einer solchen Einigung sei man nicht abgeneigt, wolle den A-20- Bau ja gar nicht torpedieren, erklärte Herz-Anwalt Karl-Reinhold Wurch. Weil die Anwälte des Landesbetriebs diese Nutzungseinschränkungen nicht näher konkretisieren konnten, blieb er in der Verhandlung aber dabei: Das Grundstück solle im Planbeschluss gar nicht mehr als Ausgleichsfläche auftauchen — auch gestern konnte das Ministerium auf LN-Anfrage noch keine Details nennen. Fragwürdig bleibt für Wurch ohnehin, was das Land mit der Unterschutzstellung bezwecke. Schließlich sei das Grundstück schon jetzt Teil eines Landschaftsschutzgebietes und unterliege als „besonderes Biotop“ den strengen Schutzvorschriften des Bundesnaturschutzgesetzes. Eine Aufwertung der Fläche sei vom Land also nicht geplant — nur dann aber würde sie als Ausgleichsfläche gelten können.

Schließen sich die Richter in ihrem Urteil dieser Einschätzung an, stünde wohl die ganze bisherige Planung der A-20-Umfahrung von Bad Segeberg vor dem Aus. Ohne Herz‘ Grundstück wäre ein Straßenbau im Trave-Tal schlichtweg unmöglich, heißt es im Ministerium. Mögliche Folge: Die Suche nach einer ganz neuen Trasse, weiter südlich vielleicht, oder doch der Ausbau einer tiefergelegten B 206 durch Segeberg zur Autobahn.

Auf jeden Fall wären weitere monate-, wenn nicht jahrelange Verzögerungen des Bauvorhabens vorprogrammiert. Die drohen ohnehin schon, weil der Landesbetrieb offenbar auch den Schutz der Fledermäuse aus den nahen Kalkberghöhlen in seinen Planungen nicht ausreichend berücksichtigt hat. Man habe zwar an mehreren Stellen der zehn Kilometer langen Strecke zwischen Weede und Wittenborn Querungshilfen für Fledermäuse geplant — aber offensichtlich ohne die genauen Flugrouten der Tiere zu kennen. „Man hätte die Anzahl der Fledermäuse wissen müssen, die jeweils bestimmte Flugrouten nutzen, um einschätzen zu können, welche Schutzmaßnahmen sinnvoll sind“, hatte der Vorsitzende Richter Wolfgang Bier kritisiert. Beim Bundesamt für Naturschutz urteilte man, die von den Kielern angewendete Untersuchungsmethode entspreche nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik.

Das war Wasser auf die Mühlen der Umweltverbände BUND und Nabu, die ebenfalls in Leipzig klagen und auf eine Verlegung der Trasse setzen. Sie fürchten um das mit 20 000 Tieren 14 verschiedener Arten größte deutsche Fledermaus-Winterquartier in den Segeberger Kalkberghöhlen, fordern passgenaue Schutzmaßnahmen. Die Höhlen liegen nur wenige Hundert Meter von der Trasse entfernt. Vor den Höhlen werden jedes Jahr 400 000 Fledermausflüge gezählt. Es müsse verhindert werden, dass die Tiere auf der Autobahn von Fahrzeugen getötet werden.

Unternehmer und Pferdefreund
Günter Herz (73) hat gemeinsam mit seinen Kindern Michaela und Christian beim Bundesverwaltungsgericht Leipzig Klage eingereicht. Er wehrt sich gegen eine Enteignung eines zwei Hektar großen Teils seines Gestüts in Lasbek bei Bad Oldesloe. Günter Herz ist einer der Söhne des Tchibo-Gründers Max Herz. Der hatte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Versandhandel für Röstkaffee gegründet. Später wurde daraus die Tchibo-Kette mit Filialen in ganz Deutschland. Bereits 1964 kaufte Max Herz das 300 Hektar große Gestüt. Nach dessen Tod nur ein Jahr später übernahm sein Sohn Günter es. Der schied zwar 2003 im Streit aus dem Familienunternehmen aus, ist aber weiter als Kaufmann aktiv, ist zum Beispiel Teilhaber der Bonner Restaurantkette Vapiano. Der 73-Jährige lebt sehr zurückgezogen in Hamburg in einer Villa an der Außenalster.

Wolfram Hammer

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