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Norddeutschland Minuszinsen: Schleswig-Holstein verdient am Schuldenmachen
Nachrichten Norddeutschland Minuszinsen: Schleswig-Holstein verdient am Schuldenmachen
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10:12 01.05.2016
Für Kreditnehmer haben sich die Konditionen der Banken zuletzt immer weiter verbessert. Die Kieler Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) freut sich über den Geldsegen aus Minuszinsen. Quelle: Rehder, Dpa / Ln-Montage

Es klingt absurd, aber es funktioniert: Mit Schuldenmachen lässt sich Geld verdienen. Die Bundesländer Schleswig-Holstein und Hamburg praktizieren es bereits — wenn auch in bescheidenem Stil. Die Negativzinsen der Banken machen‘s möglich.

„Das ist echt pervers, aber der Zinspolitik geschuldet.“Verbraucherberater Horst Biallo

Angesichts der Zinsentwicklung nehmen die Länder nicht nur Kredite auf, für die sie neuerdings nur niedrige Zinsen an die Banken zahlen müssen, sondern auch solche, für die sie noch Geld herausbekommen. Konkret: Wer sich eine Million leiht, muss am Ende weniger als diese Summe zurückzahlen.

Auslöser dafür ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie berechnet Banken, die ihr Geld bei ihr lagern wollen, einen Strafzins von 0,4 Prozent. Deshalb ist es für Banken attraktiver, Geld zu einem geringeren Negativzins zu verleihen, beispielshalber zu 0,1 Prozent. Geschäftskunden werden solche Offerten gemacht.

„Das Kieler Finanzministerium hat im Bereich des kurzfristigen Liquiditätsmanagements tageweise Minuszinsen realisiert“, teilt Ministeriumssprecher Eugen Witte auf Anfrage mit. Die „Gewinne“, die sich daraus erzielen ließen, bewegten sich im fünfstelligen Euro-Bereich. In der Regel handele es sich bei negativ verzinsten Krediten um kleinere Summen mit Laufzeiten von unter fünf Jahren, heißt es aus der Hamburger Finanzbehörde. Der Stadtstaat schlug daraus Kapital im sechsstelligen Euro-Bereich.

„Das ist echt pervers, aber leider der Zinspolitik von Herrn Draghi geschuldet, die ich für sehr zweifelhaft halte, gerade was die Altersvorsorge angeht“, sagt Horst Biallo vom gleichnamigen Verbraucherportal. Ein „Geschäftsmodell“ werde aus dieser Praxis nicht abgeleitet, betonen beide norddeutschen Bundesländer unisono. Vorrangiges Ziel sei es, durch Umschuldung erhebliche Zinslasten langfristig zu verringern.

Mit Schuldenmachen Geld über Negativzinsen zu verdienen, bleibt für Privathaushalte ein Wunschtraum. „Nur wenn ein Kunde die Bonität eines Staates, Landes oder einer anderen wirtschaftlich starken Gebietskörperschaft hat, wird eine Bank darüber nachdenken, ihr Geld bei einem solchen Kunden zu parken“, erläutert Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Im Gegenteil: Auf private Bankkunden kommen harte Zeiten zu. Weil die alten Geschäftsmodelle der Banken nicht mehr funktionieren, erhöhen immer mehr Institute massiv ihre Kontoführungsgebühren.

Von Curd Tönnemann

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