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Norddeutschland Misshandlungen: Weitere Jugendheime unter Verdacht
Nachrichten Norddeutschland Misshandlungen: Weitere Jugendheime unter Verdacht
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21:19 03.05.2016
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Hamburg/Kiel

Ist der Friesenhof- Skandal nur die Spitze des Eisbergs? Werden auch in anderen Jugendeinrichtungen in Schleswig- Holstein Jungen und Mädchen misshandelt und gequält? Ja, sagen der Kieler Landtags-Pirat Wolfgang Dudda und die Hamburger Bürgerschafts-Linke Sabine Boeddinghaus. Sie erheben im Zusammenhang mit zwei weiteren Heimen schwere Vorwürfe gegen die Jugendämter in Hamburg und die Heimaufsicht im Kieler Sozialministerium.

Es geht um die 2014 von ehemaligen Friesenhof-Mitarbeitern gegründete „Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe Dithmarschen“ in Dörpling und das „Therapiezentrum Rimmelsberg“ zwischen Schleswig und Flensburg. Beide Einrichtungen wurden vor allem auch von Hamburger Jugendämtern genutzt, um Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen unterzubringen. Auch über diese beiden Heime hätten sich ganz ähnliche Beschwerden gehäuft: Darüber, dass Betreuer Jugendliche zu Boden drücken und dort festhalten, über Strafsport, Kontaktverbote und Freiheitsentzug. So soll es in Rimmelsberg sogar einen „Time- Out-Room“ gegeben haben, eine Art möbellose Zelle, in die Jugendliche eingesperrt worden seien, so Dudda. In Dörpling sollen Neuankömmlinge wochenlang nur an einem einzigen festgelegten Wochentag mit ihren Eltern haben telefonieren dürfen. Klagten die Jugendlichen zum Beispiel über das Essen, sei das Telefonat unterbrochen worden, berichten Eltern.

Die Beschwerden stammen allesamt aus den Jahren 2014 und 2015. Auch die LN hatten bereits im vergangenen September berichtet, dass es noch mindestens eine weitere Einrichtung in Dithmarschen gebe, aus der die Heimaufsicht ähnliche Beschwerden wie aus dem Friesenhof erreichen. Doch offenbar sei auch hier wieder nur auf Einzelfälle reagiert und mal ein Mitarbeiter suspendiert worden, klagen Dudda und Boeddinghaus. Das bestätigte im Falle von vier den Hamburger Behörden bekanntgewordenen Beschwerden auch der Hamburger Senat in einer Antwort auf eine Linken-Anfrage. Dass die grundlegenden Konzepte und die pädagogische Haltung der Betreiber der beiden Einrichtungen offenbar völlig untauglich seien, sei in Hamburg und Kiel aber niemandem aufgefallen, so der Pirat und die Linke. Es habe offensichtlich nicht einmal einen Austausch der Behörden beider Länder über die Vorfälle gegeben.

Im „Therapiezentrum Rimmelsberg“ war für die LN gestern niemand für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen zu erreichen. Frank Hunting, Geschäftsführer der „Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe“ in Dörpling, weist alle Vorwürfe zurück. Sie seien „grundsätzlich haltlos“. Es habe seit 2014 auch nur zwei Routinebesuche der Heimaufsicht gegeben, aber keinerlei Auflagen. Das stellt Kiels SPD-Sozialministerin Kristin Alheit allerdings etwas anders dar. Es habe in beiden Einrichtungen mehrere Prüfungen gegeben, so Alheit. Einige Vorwürfe hätten sich zwar nicht bestätigt, auf andere „festgestellte Mängel“ habe die Heimaufsicht aber „zum Beispiel durch Auflagen und eine Tätigkeitsuntersagung reagiert“. Beide Einrichtungen stünden seit dem Bekanntwerden des Friesenhof-Skandals im letzten Jahr jedenfalls unter strengerer Kontrolle, heißt es aus dem Ministerium.

Von Wolfram Hammer

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