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Norddeutschland Mit dem Schuhkarton über den Kanal
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20:38 04.10.2016
Die Personenfähre „Adler I“ setzt in Kiel 124 mal pro Tag über den Nord-Ostsee-Kanal. Quelle: dpa

Die Sonne glitzert auf den seichten Wellen. Sie schlagen rhythmisch gegen den Bug der „Adler I“. Mit einem kleinen Bogen bahnt sich Mathias Hoffmann am Steuer der Kanalfähre durch das Fahrwasser eines Containerschiffs seinen Weg zum anderen Ufer. Von morgens bis abends bringt die Fähre Fußgänger und Fahrradfahrer über die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Eine Überfahrt vom Kieler Stadtteil Holtenau in den Stadtteil Wik dauert gerade einmal drei Minuten. „Wenn ich Slalom fahren muss, sind es auch mal fünf Minuten“, sagt Hoffmann.

„Fährmann, hol über!“

Grundlage für die kostenlose Querung des Nord-Ostsee-Kanals mit Fähren ist der Planfeststellungsbeschluss zum Bau des Kanals aus dem 19. Jahrhundert. Weil durch den Bau des Kanals teilweise Straßen und Gemeinden durchschnitten wurden, sollten diese durch kostenlos zu nutzende Fähren wieder verbunden werden.

Seit sechs Jahren steht der Seemann am Steuer der 14 Meter langen Fähre. „Das ist der entspannteste Job, den ich je hatte“, sagt Hoffmann. „Die Einheimischen sprechen mich meist mit Käpt’n an, aber eigentlich bin ich ja Fährführer.“ Auf sechs Tage „Kanalfahrt“ folgen für ihn drei freie Tage. Der Fahrplan ist streng getaktet. Während der Sommermonate legt er 124 Mal am Tag ab, im Winter gibt es 108 Abfahrten. Bis zu 49 Personen und zwei Dutzend Fahrräder haben Platz an Bord.

Während der Sommermonate setzt Hoffmann 3000 bis 4000 Menschen über, im Winter bis zu 1000. Viele Pendler sind regelmäßig mit „Adler I“ unterwegs.

„Die Passagiere nennen das Schiff liebevoll Schuhkarton“, sagt der 56-Jährige. „Und ein bisschen sieht es ja auch so aus.“ Die Fahreigenschaften des kleinen Kahns sind nicht jedes Seemanns Sache, wenn man Hoffmann glaubt: „Das hat schon seine Launen, das kleine Ding.“ Gesteuert wird die Fähre über die drehbare Schraube. Das fühle sich ungefähr so an, „als wenn man eine Badewanne steuert“. Fehler verzeihe das Schiff nicht. Viele Kapitäne kämen damit nicht zurecht und suchten sich schnell wieder einen anderen Job. „Wir haben etwas Nachwuchsmangel.“

Für den gebürtigen Mecklenburger ist das aber kein Problem. Routiniert schippert er von Stadtteil zu Stadtteil. Zu DDR-Zeiten fuhr er lange Jahre auf einem Fischfabrik-Schiff. „Ich wäre da bis zur Rente gefahren, aber dann kam die Wende.“ Hoffmann ging an Land und schulte um. Doch das Büro war nichts für ihn. „Ich habe an Land immer wieder von der Seefahrt geträumt.“ Hoffmann vermisste die Freiheit, die frische Luft und die Ruhe auf See. Nach einer Zwischenstation auf einem Fährschiff auf der Nordsee zwischen Sylt, Amrum und Föhr nun also der Nord-Ostsee-Kanal. Neben seinem jetzigen Job käme für ihn nur eine andere Aufgabe in Frage. „Ein Passagierschiff auf der Ostsee würde mich reizen – aber erst nach der Rente als Nebenjob.“

Bis dahin stehen noch einige Kanalpassagen an. Für die kurze Fahrt von einem zum anderen Ufer zahlen die Passagiere nichts. Seit Kaisers Zeiten ist die Fährpassage für Fahrzeuge und Personen kostenlos. Insgesamt gibt es entlang der Wasserstraße 14 Fährstellen. Die Fähre zwischen der Wik und Holtenau ist aber die einzige reine Personenfähre. „Adler I“ fährt bei Wind und Wetter. „Wir hören erst auf, wenn gar nichts mehr geht“, sagt Hoffmann. Das sei ihm und seinen Kollegen aber noch nicht passiert.

LN

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