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Mit zwei Spiel drei

Mannhagen Mit zwei Spiel drei

Was hilft gegen einen verregneten Sommer wie diesen? Zum Beispiel Skat spielen. Sagen nicht nur die „Nusser Buben“. Ein Besuch.

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Immer donnerstags: Skatabend der „Nusser Buben“ im Dorfgemeinschaftshaus.

Quelle: Lutz Roessler

Mannhagen. Draußen machte die Feldhaubitze Ernst, drinnen flackerten die Kerzen. Die Verletzten stöhnten, Bettlaken wurden in Streifen gerissen, um die Wunden zu verbinden. Aber man hörte:

„Achtzehn.“

„Zwanzig?“

„Immer noch.“

„Zwo! Und die drei? Vierundzwanzig?“

„Passe.“

Und der Hausmeister Kobyella, den sie mit Hosenträgern festgebunden hatten, damit er nicht zur Seite kippte, der passte auch.

Es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs, von dem Günter Grass hier in der „Blechtrommel“ erzählt. Eine der großen Tragödien des vergangenen Jahrhunderts nahm ihren Lauf. In diesem Danziger Postamt aber spielte der kleine Oskar, der das Wachsen eingestellt hatte, mit Jan Bronski und dem Hausmeister Kobyella Skat. Zog ihnen die Trümpfe weg, opferte Kreuz König, stach Bronskis Karo As, gewann zwölf Pfennige und verbot „dem Kobyella das Sterben“, woran der sich aber nicht halten mochte.

Günter Grass war selbst den Karten zugetan, gerne mit seinem Skatbruder Siegfried Lenz. Er war da nicht viel anders als Millionen Deutsche, die sich an einen Tisch setzen, zu dritt mindestens, zweiunddreißig Karten mischen und verteilen, für jeden zehn, zwei in die Mitte tun und sich dann Gedanken machen, was für ein Spiel sie hier wohl auf der Hand haben oder eben auch nicht.

So wie in Mannhagen, im Dorfgemeinschaftshaus, wo sich donnerstags die „Nusser Buben“ treffen. Zwölf Männer sind das an diesem Abend, von Mitte dreißig bis über achtzig, dazu Elke Krüger und Wilma Schulz, die beiden einzigen Frauen. Um halb acht geht es los. Die Ersten sind aber früher da und gucken schon mal, wie die Karten heute fallen.

Die „Nusser Buben“, das ist kein Kneipenskat. Das ist kein Abend unter trüber Lampe und im Nebel von Marlboro und Ernte 23. So was ist Klischee und lange her und überwintert meist nur noch in alten Erzählungen. Die „Buben“ spielen im Ligabetrieb und um Punkte. Es ist bei aller Lockerheit auch Training, ein Arbeiten an den Feinheiten. Und Feinheiten, sagt Elke Krüger (55), die machen den Unterschied aus.

Elke Krüger ist Vorsitzende der „Nusser Buben“, seit vierzehn Jahren schon. Und von Skat versteht sie eine Menge. Ihre Eltern haben Skat gespielt und waren im Verein, ihre Tochter Nadine war Deutsche Schülermeisterin und ihr Sohn Sascha ebenfalls erfolgreich. Sie selbst war Landesmeisterin, hat Pokal um Pokal gewonnen, auch einen besonders grünen darunter, aus Magdeburg, da war sie die beste Dame von tausend Spielern.

Sie hat Ende der Neunziger angefangen mit dem Skat. Heute spielt sie etwa zwölf Stunden die Woche, donnerstags in Mannhagen, mittwochs noch in Mölln. Dazu kommen ein paar Stunden Bürokratie und Organisation. Aber ihr Mann Horst (72) spielt ebenfalls, sie haben sich im Verein kennengelernt. Und wenn es nach Dänemark in den Urlaub geht, sind neben einem ganzen Schwung anderer Spiele natürlich auch Skatkarten im Gepäck.

Das Dorfgemeinschaftshaus in Mannhagen war früher eine Schule. Heute tagt hier der Gemeinderat, die Volkshochschule ist zu Gast, die Feuerwehr und einmal die Woche der Skatverein. Ein langer Raum, braunes Laminat, Grünpflanzen vor den Fenstern. Nebenan macht sich der Garten für den Herbst bereit, gegenüber auf dem Spielplatz hat die Seilbahn den Betrieb zur Nacht eingestellt. Und an den Tischen haben sich jetzt vier Runden eingefunden: zweimal vier Spieler, zweimal drei. Stift und Papier sind zurechtgelegt, der Stuhl wird noch mal geradegerückt, Bier, Fanta und Wasser stehen bereit, mischen, abheben, austeilen, dann geht es los.

Skat ist ja nicht nur stummes Grübeln, nicht nur Geben und Nehmen ohne Kommentar. Das ist es auch, natürlich. Aber Skat ist vor allem auch Nörgeln, Loben und Fluchen, ein verlässlicher Fluss des Jammerns und Wehklagens, des Wunderns und Staunens. Es ist wie eine immer gleiche Tonspur, die unter diesen Abenden liegt. Und es dauert nicht lang, da spannt sich auch an der Mannhagener Hauptstraße, wo der Blick über Bolzplatz und Wiesen rüber zum Wald geht, ein Geflecht aus bewährten Weisheiten und Gegenweisheiten über die Tische:

„18?“

„Ja.“

„Zwanzig?“

„Ja.“

„Zwo?“

„Ja.“

„Vier?“

„Pik Hand.“

„Da liegt der Kreuz Junge drinne, hab ich doch geahnt.“

„Jaaa, meine Liebe.“

„Wer muss geben?“

„Grang.“

„Karo Acht, die lacht.“

„Er hat ja auch kein’ reingeschmissen.“

„Schwache 18.“

„Maaaaan!“

„Der war nicht zu gewinnen, wenn Wilma keinen Piken hat.“

„Die Messe war ja schon gelesen.“

„Wer kommt raus?“

„Du.“

„Ich hab die ganzen Vollen hier und kann nix machen.“

„Was soll denn das schon wieder?“

„Ich hab’ hier so’n starken Karo mit zwei Jungs, nech, und dann find’ ich zwei Luschen dazu.“

„Einen ham’ wir noch im Schlepptau.“

„Ich hatte keinen.“

„Ja, hab ich gemerkt.“

„Herbert!!!“

„Ich kann ja nicht ahnen, dass du den Jungen noch hast.“

„Du bist auch so’n Sonntagskind, Paul.“

„War ’n Risiko-Grang.“

„Du kannst dir auch drei geben.“

„Besser is’ das.“

„Schneider?“

„Schneider.“

„Donnerschotter!“

„Karo von hinten mit fünf.“

„All mien!“

„Da sitzt er wieder, der Maurer.“

„Dann hab ich vierzig, krieg den noch nach Hause und brauch mir keine Gedanken mehr machen.“

„Schön war das nicht, wie du rauskamst mit einem Karo hoch.“

„Mit zwei Spiel drei.“

„Beide passen? Dann sach ich achtzehn.“

„Gar nichts lag da drin, gar nichts.“

„Herz is ’n Doppelläufer.“

„Herz is echt ’n Doppelläufer.“

„Erst die Lusche, ist doch logisch.“

„Kreuz.“

„Und ich soll raus?“

„Das erste Mal, jo.“

„Ich hab von oben runtergespielt. Mit drei, Spiel vier, Schneider schwarz.“

So geht das eine Stunde, so geht das zwei Stunden, ein Wimmelbild zum Hören. Ein über die Zeit erprobter Sound aus Spelunken, guten Stuben und Sanatorien, aus Klassenzimmern und Vorortzügen, und die Karten fliegen rasch über den Tisch. Man hält sich nicht lange auf mit Debatten. Die Analysen fallen meist kurz und präzise aus, ohne Drama. Füße wippen unterm Stuhl, Blicke fallen über Brillengläser weit vorne auf der Nase, irgendwo wird ein Handy weggedrückt. Notieren, mischen, abheben, austeilen, weiter geht’s.

Die „Buben“ kommen aus Dörfern der Umgebung, aus Koberg und Nusse, aus Sandesneben oder Mühlenrade. Wo andernorts Skatvereine verschwinden wie Landgasthöfe oder Sparclubs, da stehen sie mit ihren 22 Mitgliedern noch ganz gut da. Das liegt aber auch am Verein in Siebenbäumen, der vor vier Jahren aufgehört und sich mit sieben Leuten ihnen angeschlossen hat. Aber neue Mitspieler suchen sie trotzdem.

Seit Oktober sind sie hier im Dorfgemeinschaftshaus. Sie haben schon einige Umzüge hinter sich seit der Gründung 1985: Alte Post in Nusse, Siemers Gasthof, Gemeindehaus, Sportlerheim, zuletzt waren sie im Restaurant Am Bach. Sie sind gerade abgestiegen, aus der Oberliga in die Verbandsliga, aber sie haben gute Leute in den Reihen. Elke Krüger hat schon an Deutschen Meisterschaften teilgenommen, Paul Kresin ebenfalls. Skat bei den „Nusser Buben“ ist Skat mit Anspruch. Und wenn man es ganz genau wissen will, fährt man wie die Vorsitzende auch schon mal zum Skatseminar.

Zum Beispiel bei Thomas Kinback. Kinback wohnt in Alzey in Rheinhessen, war Europameister, Weltmeister, war auf den Bahamas auch schon mal bester Nationalspieler aller Nationen und hat überhaupt fast alles gewonnen, was es im Skat zu gewinnen gibt.

Was ist wichtig beim Skat? „Erfahrung“, sagt er. Und die „Wahrscheinlichkeiten“, also die Chancen, die die Karten bieten. Die einzuschätzen und das Spiel zu lesen, das könne man lernen. Wie ja überhaupt die Spiele auf den letzten Metern entschieden würden und sich gerade da die Spreu vom Weizen trenne. Eine halbe Stunde kann es in seinen Seminaren schon mal dauern, bis sie eine Partie bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet haben. Aber was will man machen bei Billionen Möglichkeiten, wie die Karten sich verteilen können? „Skat“, sagt er, „ist schon ein komplexes Spiel.“

In Mannhagen geht es auf halb zehn zu. Die Protokollzettel sind vollgeschrieben, es wird gerechnet und ausgewertet. Jeder zahlt, was er zu zahlen hat, Hände schütteln, „Tschüs bis nächste Woche“, draußen springen Motoren an. An einem Tisch aber ist noch nicht Feierabend. Da wird noch weiter gemischt, abgehoben und ausgeteilt, wird geguckt und geprüft, und dann geht es wieder los:

„Achtzehn.“

„Zwanzig?“

„Immer noch.“

„Zwo! Und die drei? Vierundzwanzig?“

Es wird wieder etwas später werden heute Abend.

Mehr als 200 Jahre alt

Deutschland ist Skathochburg, weltweit. Seit dem vorigen Jahr zählt das Spiel auch zum immateriellen Weltkulturerbe. „Nur bei der Kartenverteilung spielt das Glück eine Rolle, ansonsten wird das Spiel rein durch menschliches Können beeinflusst“, schrieb die Deutsche Unesco-Kommission.

1813 wurde Skat in Altenburg (Thüringen) auf Grundlage bestehender Kartenspiele erfunden. Das 1927 dort gegründete Skatgericht ist bis heute die internationale Prüfinstanz.

Von Peter Intelmann

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