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Norddeutschland Multikulti im Bienenstock
Nachrichten Norddeutschland Multikulti im Bienenstock
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19:06 07.05.2016
Herr der Bienen: Konstantin Schulken-Grossmann (17). Er ist überzeugt: Je größer der Genpool, desto resistenter sind Bienen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Louisenlund

Kenneth etwa. Kaufte sich mit zwölf Jahren vier Bienenvölker und erlebte eine böse Überraschung. Die Tiere machten sich aus dem Staub, zurück blieb ein Häufchen toter Exemplare. Fünf, sechs Jahre ist das jetzt her. Bis heute weiß der Schüler nicht genau, was damals passierte, immerhin aber, er hat jetzt eine Ahnung. Die Tiere könnten mit einer Milbe infiziert gewesen sein. Schuld waren womöglich die Gene. Die Bienen ahnten wohl, dass sie so nicht überleben könnten und suchten sich: ein stärkeres Volk.

Drei Schüler vom Internat Louisenlund wollen Schleswig-Holsteins Bienen retten — Ihr selbst entwickelter Test soll Imkern helfen, die Gene der Insekten zu ermitteln — Die Tiere sollen so vor Krankheiten geschützt werden.

Ein Tag im Frühling: Durch die Fenster im Bio- und Chemieraum des Louisenlund-Internats (Kreis Rendsburg-Eckernförde) fällt Sonnenlicht, draußen zwitschern Vögel, Kenneth und seine Schulfreunde Konstantin und Jakob, allesamt um die 18, allesamt Internatsschüler, lehnen, wie nur Jugendliche lehnen können, auf einer Schulbank. Hier hat es angefangen. Von hier aus haben sie mit ihren Ideen selbst Experten zum Nachdenken gebracht. Die Rollenverteilung ist in den ersten Minuten des Gesprächs klar. Kenneth und Jakob, hoch gewachsen, Seitenscheitel, Typ Skater, reden, Konstantin, Hauptfach Musik, ist der Stillere; Künstler, Denker. Er ist im Schwarzwald aufgewachsen, die Nachbarin hatte Bienen im Garten, hin und wieder half er aus, und irgendwie ließ ihn das nicht mehr los. Erst Bienengilde, nun Bienenprojekt. Tage, Wochen analysierten die Drei die DNA von 118 norddeutschen Bienenvölkern. Sie gründeten eine Crowdfunding-Initiative, sie drehten einen Film, sie warben bei Imkervereinen im Land um Hilfe und Mitarbeit; am Ende kamen über 10000 Euro zusammen, das Netz lobte. „Gesunde Bienenvölker für Schleswig-Holstein“ heißt ihr Projekt, beim Landeswettbewerb „Jugend forscht“ kamen sie damit auf den dritten Platz. Selbst den Imkerverband konnten sie überzeugen; persönlich warb Chefin Anke Last via Rundmail bei den Mitgliedern, sie sagt, „wir sind froh, dass es dieses Projekt gibt“.

Wenn nun stimmt, was Kenneth, Konstantin und Jakob herausgefunden haben, könnte es einen einfachen Grund für das Bienensterben geben, das landauf, landab Deutschland jedes Jahr aufs Neue beschäftigt. Gerade erst errechnete die „Frankfurter Rundschau“ die Verluste des Winters. Knapp ein Drittel aller Bienenvölker hätten die dunkle Jahreszeit nicht überstanden;

Pestizide, die Varroamilbe, die als Parasit vom Blut der Bienen lebt, seien dafür verantwortlich. Die drei Internats-Schüler allerdings sind sich sicher: Inzest im Bienenstock sei der eigentliche Grund für das massenhafte Sterben. Die biologische Vielfalt sei mit der Zucht der Honigbiene auf der Strecke geblieben; man könnte auch sagen: Im Bienenstock ist jeder mit jedem verwandt, zulasten der Fitness.

Inzwischen ist Jens Appel mit etwas Verspätung zum Treffen mit der Presse hingekommen; ein Mann mit Sinn für Humor und erklärter Liebe zu seinem Beruf. Appel ist Bio- und Chemielehrer im Internat, er hat die Sache mit dem Bienenprojekt angeheizt, er hat dafür bei den Schülern geworben, es war die richtige Entscheidung. Jetzt sitzt er da, lächelt offen, und er sagt: „Genetisch homogene Völker gehen vor die Hunde.“ Den Satz lässt er mit Blick in die Runde erstmal wirken, dann erklärt er: „Wenn es aber diverse Völker sind, dann überleben sie die Krankheiten. Man merkt nicht mal, dass die infiziert sind“; in diesem Moment klingt das Ganze wie eine Erlösung.

Läuft es gut, verfügt die Gruppe bald über eine Gen-Datenbank für Bienen, wie es sie so deutschlandweit nicht gibt. Imker könnten die Gene ihrer Völker vergleichen, sie könnten sich untereinander austauschen. Wie bei Panini-Bildern. Nur, nicht alle Profis sind von der Theorie der Jungs überzeugt. Auch Anke Last, die Frau vom Imkerverband, hat ihre Zweifel, „ich sehe das etwas anders“. Sie imkert seit 1961; 1963 hat sie den Beruf erlernt, seither, sagt sie, habe es immer wieder Zeiten gegeben, in denen Bienen sterben, Intervalle seien in der Natur üblich; zugleich aber lobt sie das Engagement der Schüler; hilfreich sei deren Arbeit.

Jakob, Konstantin und Kenneth wirken erleichtert. Ein Teil der Arbeit liegt hinter ihnen. Wenn wahr wird, was ihnen vorschwebt, wird es statt reinrassiger Superbiene Multikulti im Bienenstock geben.
 summen nach Angaben des Imkerverbandes durch Schleswig-Holstein. Zunehmend vor allem junge Menschen halten sich aus Umweltschutzgründen Bienen; die Zahl der Imker steigt kontinuierlich. Zugleich warnt der Verband davor, das Ganze zu leicht zu nehmen, es gehöre Wissen dazu. Er bietet Seminare für Anfänger und Fortgeschrittene an.

Kontakt: www.imkerschule-sh.de.

Telefon: 04551 / 24 36

Von Marion Hahnfeldt

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