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Munition am Strand: Niemand will haften

Lübeck/Kiel Munition am Strand: Niemand will haften

Der 69-jährige Gerd Simanski hatte im Januar 2014 am Strand von Hohenfeldeversehentlich ein Stück weißen Phosphor eingesammelt und sich lebensgefährlich verletzt. Die Folgen spürt er bis heute.

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Der 69-jährige Gerd Simanski hatte im Januar 2014 am Strand von Hohenfeldeversehentlich ein Stück weißen Phosphor eingesammelt und sich lebensgefährlich verletzt.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck/Kiel. Eigentlich sei er ein „spätes Opfer des Zweiten Weltkrieges“. So hatte das der 69-jährige Gerd Simanski gegenüber den LN beschrieben, nachdem er am Strand in Hohenfelde (Kreis Plön) versehentlich ein Stück weißen Phosphor eingesammelt hatte und lebensgefährlich verletzt worden war. Mehr als zwei Jahre ist das jetzt her. Doch die Folgen der schweren Brandwunden spürt Simanski noch immer, muss weiter wöchentlich ins Krankenhaus, braucht Salben gegen die Schmerzen. Aber verantwortlich für das, was dem Lütjendorfer widerfahren ist, fühlt sich niemand.

 

LN-Bild

Steinesammeln am Strand. Wie hier am Brodtener Ufer eine schöne Beschäftigung. Aber im Sand lauert auch Gefahr.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Rat vom Experten

Weißer Phosphor wurde als Bestandteil von Brandmunition eingesetzt. Angespülte Stücke (Foto) sind oft gelblich, bräunlich und teilweise durchscheinend. Unfällen lässt sich vorbeugen, indem man die Stücke in einer Blechdose sammelt.

 Quelle: „Gefährliche Strandfunde“, Frank Rudolph, Wachholtz-Verlag, ISBN: 978-3-529-05476-1

Der Fall aus dem Januar 2014 wurde jetzt von einer Zivilkammer des Kieler Landgerichts verhandelt. Simanski und sein Anwalt Thomas Clausen hatten die Gemeinde, zu der der Strandabschnitt gehört, auf Entschädigung wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht verklagt — 2400 Euro für nicht von der Krankenkasse geleistete Behandlung sowie 14000 Euro Schmerzensgeld.

Ein schuldhaftes Verhalten der Gemeinde wollte das Gericht aber nicht anerkennen. Wie Rechtsanwalt Clausen den LN sagte, sei das Gericht der Überzeugung gewesen, dass der Phosphorbrocken aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus einer Munitionsverdachtsfläche unweit der Küste stammte, sondern von einer fehlgeleiteten Brandbombe der alliierten Streitkräfte. Und dies, so die Auffassung des Gerichts, sei kaum vorhersehbar gewesen. Nach dem Unfall wurde der Strandabschnitt zwei Tage von Experten des Kampfmittelräumdienstes abgesucht, ohne dass weiterer Phosphor gefunden werden konnte.

Allerdings hätten auch Sachverständige in der Verhandlung einräumen müssen, dass weißer Phosphor selbst von Experten nur schwer erkannt werden könne.

Die Folgen für Hobby-Steinsammler und Kinder sind dann lebensgefährlich. Körperwärme reicht aus, um Phosphor zu entzünden und mit einer 1300 Grad heißen Flamme verbrennen zu lassen. Zwar gab es zuletzt keine Vorfälle mehr. 2014 verunglückten im Norden dagegen mehrere Menschen durch Phosphorbrände.

Aber wer übernimmt die Verantwortung? Das Bundesinnenministerium verweist an die Bundesländer, die für Katastrophenschutz und allgemeine Gefahrenabwehr zuständig seien. „Und die Beseitigung von Rüstungsaltlasten ist eine Maßnahme der allgemeinen Gefahrenabwehr“, stellt ein Sprecher klar. Das sei zwar richtig, erklärt Patrick Tiede vom Kieler Innenministerium. Das treffe allerdings nur bei konkreten Gefahren zu. Zwar gelten viele Flächen vor Ost- und Nordseeküste als munitionsbelastet. Größere Phosphor-Funde habe es in der Vergangenheit dennoch nicht gegeben. „Wir hatten es immer nur mit Einzelfällen zu tun“, sagt Tiede. Ein Unglück durch angespülten Phosphor gehöre daher zum „allgemeinen Lebensrisiko“.

So ähnlich hatte auch das Landgericht argumentiert, das keine Vernachlässigung der Verkehrssicherungspflicht erkannt hatte, da eine konkrete Gefährdung nicht zu erkennen gewesen sei. „Das kann man zwar so sehen“, räumt Rechtsanwalt Clausen ein. Eine Berufung vor dem Oberlandesgericht will der Jurist aber nicht ausschließen. Denn wenn, wie Sachverständige vor dem Prozess angegeben hätten, auch Experten Phosphor nicht direkt erkennen könnten. „Wie ist eine konkrete Gefahr dann auszuschließen?“

Gerd Simanski ist „stinksauer“ über das Urteil. Dabei gehe es ihm nicht mal ums Geld, denn auch das könne die körperlichen und seelischen Wunden, die das Unglück hinterlassen hat, nicht lindern.

Simanski will, dass jemand Verantwortung übernimmt, denn die Gefahr, dass anderen Menschen das Gleiche passiere, bestehe weiter. „Was ist zum Beispiel, wenn ein Kind beim Spielen eine Granate findet?

Ist dann auch niemand verantwortlich?“

Von Oliver Vogt

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