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Norddeutschland Kulturszene und Politiker reagieren auf Drohmail
Nachrichten Norddeutschland Kulturszene und Politiker reagieren auf Drohmail
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06:45 16.11.2018
Um sie dreht sich der in Bad Schwartau abgesagte Dokumentarfilm: Christoph Sell und Jan "Monchi" Gorkow (rechts) von der Band Feine Sahne Fischfilet. Quelle: Danny Gohlke/dpa
Bad Schwartau/Lübeck

Allgemeines Entsetzen über die Droh-Mail, die an die GGS-Strand Europaschule in Timmendorfer Strand ging und zur Absage einer für Ende November geplanten Schulvorführung im „Movie Star Kino“ in Bad Schwartau führte. „Es besteht der Verdacht einer politisch motivierten Tat“, bestätigt Polizeisprecher Dierk Dürbrook. Der Staatsschutz ermittle, der Staatsanwaltschaft liege der Fall bereits vor.

Die Tageszeitung (taz) berichtete am Donnerstag, die Drohung sei von den selbsterklärten „Enkeln von Adolf Hitler“ ausgegangen. Per Mail hätten sie der Schule gedroht, das ganze Kino in die Luft zu jagen und die Lehrer, „die Volksverräter“, zu erschießen. Die Polizeidirektion Lübeck bestätigt diese Information nicht. Man befinde sich in laufenden Ermittlungen. Das Kino habe die Veranstaltung in Absprache mit der Schule und einem Vertreter aus dem Kultusministerium wegen Sicherheitsbedenken abgesagt.

„Wildes Herz“ wird doch noch gezeigt

Das Kulturministerium hat inzwischen angekündigt, die Vorführung für die Neuntklässler aus Timmendorfer Strand unter Gewährleistung der Sicherheit demnächst für die Schüler nachzuholen. Auch eine Diskussion, an der Kulturministerin Karin Prien teilnehmen soll, ist geplant. Dafür sucht sie ein neues Kino.

Ein Angebot gibt es schon vom Kommunalen Kino Koki in der Lübecker Innenstadt. Das nehme den Film „Wildes Herz“ im Januar sowieso ins Programm, sagt Theaterleiter Vitter Thiessen. „Die Vorführung abzusagen geht überhaupt nicht.“ Eine Gehirnwäsche könne ein Film wohl kaum verursachen. „Man kann sich jeden Film anschauen“, sagt Thiessen. „Wichtig ist nur, danach darüber zu diskutieren.“

Gezeigt werden sollte im Rahmen der Schulkinowoche die Dokumentation „Wildes Herz“, ein Film über das Leben von Jan „Monchi“ Gorkow, den Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ aus Mecklenburg-Vorpommern. Es ist nicht das erste Mal, dass Veranstaltungen in Zusammenhang mit dem Musiker abgesagt wurden. Aus Angst vor rechten Krawallen wollte das Bauhaus in Dessau seine Band bei einem ZDF-Konzert Anfang November nicht spielen lassen. Die Musiker traten trotzdem auf – in einem Brauhaus.

Beobachtet vom Verfassungsschutz, Konzerte gegen Rechts: Die Band „Feine Sahne Fischfilet“ polarisiert

Seit Mitte 2016 engagiert sich die Band unter der Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ mit verschiedenen Aktionen in Kleinstädten und Dörfern, um gegen rechte Gruppierungen einzutreten. Der Verfassungsschutz beobachtete die Band zwischen 2011 und 2015 wegen einer „anti-staatlichen Haltung“.

Der Film „Wildes Herz“ thematisiert die politische Dimension der Musiker. Dass sich den Schulklassen in Schleswig Holstein anschauen, kritisierte die Afd-Landesvorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein vor einigen Tagen auf Facebook: „Die Vorführung eines Films, der eine linksradikale Band, die zu Gewalt gegen Polizisten aufruft, von der Mitglieder im Fokus des Verfassungsschutzes standen, positiv darstellt, ist ein Unding.“ Die Schule aus Timmendorfer Strand habe sich zudem „erdreistet“, bei der Einladung zum Klassenausflug die Afd in Zusammenhang mit Rechtsextremismus zu setzen.

Auch nach der Drohung bleibe die Kritik an der Vorführung des Films im Rahmen der Schulkinowochen bestehen, sagte am Donnerstag Frank Brodehl, bildungspolitischer Sprecher der Afd-Fraktion. Allerdings verurteile die Partei jede Form von Gewalt. Sven Quirder, Vorsitzender vom Lübecker Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, konterte darauf: „Es ist nicht hinnehmbar, dass Frau Sayn-Wittgenstein öffentlich über ihr Facebook-Profil Hetzbeiträge gegen diese Schulveranstaltung veröffentlicht.“ Besonders künstlerische Beiträge wie „Wildes Herz“ seien wertvoll, um einen offenen Dialog führen zu können.

Lübecker Kulturszene sieht Veranstaltungen durch politische Bedrohungen in Gefahr

Ähnlich sieht das die Lübecker Kulturszene. „Es ist ein falsches Signal unserer Gesellschaft, wenn Veranstaltungen bei politischen Bedrohungen -von wem auch immer- abgesagt werden“, sagt die künstlerische Leitung des Theates Combinale. Linde Fröhlich, künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage, hat Musiker „Monchi“ und den Regisseur des Films,Charly Hübner, 2017 bei einer Aufführung von „Wildes Herz“ in Lübeck kennengelernt. „Der Film hat auf vielen Festivals Preise erhalten“, betont sie.

Nicht umsonst werde er deshalb Schülern in mehreren Bundesländern gezeigt. „Er regt junge Leute zur Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft an und dazu, Position zu beziehen“, sagt Fröhlich. Sie appelliert an die Öffentlichkeit, Haltung zu beziehen und sich zu informieren – statt in Angst zu verfallen.

Saskia Bücker

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