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Norddeutschland Nach Brexit: Erste Briten werden Deutsche
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15:58 07.07.2016
Sean Glover hat kurz vor dem Brexit seinen Einbürgerungsantrag gestellt. Jetzt ist er nicht nur Engländer, sondern auch Deutscher. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

Der Aufdruck auf dem weinroten Pass ist schon ein wenig verblichen. „Ich musste den ja immer mit rumtragen“, erklärt Sean Glover. Denn als englischer Staatsbürger besaß er keinen deutschen Personalausweis – bis jetzt. Das Referendum wollte der 18-Jährige nicht mehr abwarten. Kurz vor der Entscheidung, ob England die Europäische Union verlässt, beantragte der gebürtige Lübecker die deutsche Staatsbürgerschaft.

Jetzt ist er im Besitz der grünen Einbürgerungsurkunde, Reisepass und Personalausweis folgen. „Ich wollte weiter EU-Bürger bleiben“, sagt der Abiturient, der mit einem Nein der Briten zu Europa gerechnete hatte. „Gerade wenn man studiert, hat das viele Vorteile.“

Der Lübecker Sean Glover ist eingebürgert – Behörden verzeichnen seit dem Referendum verstärkte Nachfrage.

So wie Sean Glover reagieren derzeit viele Briten in Lübeck und dem Rest der Republik. „Die Ausländerbehörde verzeichnet seit dem Referendum Ende Juni eine vermehrte Nachfrage“, sagt Lübecks Stadtsprecherin Nicole Dorel. Zwölf Menschen aus Großbritannien fragten seit dem Brexit wegen einer deutsche Staatsbürgerschaft an. Bundesweit verzeichnen die Behörden momentan verstärkt Nachfragen von in Deutschland lebenden Briten. Auch in Hamburg stieg das Interesse an deutschen Papieren. Die dem eigentlichen Einbürgerungsantrag vorgelagerten Beratungsgespräche hätten deutlich zugenommen, sagte ein Sprecher. In der Einbürgerungsbehörde Stuttgart ständen die Telefone nicht mehr still. Bei der Stadt Köln gingen täglich bis zu zehn telefonische Anfragen ein.

Auch Alastair Hook verfolgt jetzt seinen „Plan B“ und will Deutscher werden. Der 52-Jährige ist Engländer, seine Frau Nina eine in Lübeck geborene und aufgewachsene Deutsch-Italienerin, er wohnt in Lübeck sowie London und besitzt ein Ferienhaus in Frankreich. Seinen Abschluss hat der Braumeister in Edinburgh (Schottland) gemacht, Berufserfahrung sammelte er in Deutschland. Hook lebt Europa, aber sein Heimatland Großbritannien zeigt der Europäischen Union die kalte Schulter. Das lässt sich der Lübecker aber nicht gefallen. „Ich will nicht, dass die Politiker meine Freiheit einschränken“, sagt er. Hook, der seine Frau 1993 in Lübeck kennengelernt hat, freut sich bereits darauf, einen deutschen Pass zu bekommen.

Für ihn ist der Ausweis aber vielmehr ein europäisches Dokument. Der 52-Jährige, der eine Brauerei in London aufgebaut hat, ist über die Entscheidung seiner Landsleute sehr bestürzt. 52 Prozent der Briten haben sich für ein Verlassen der EU ausgesprochen. „Das war ein Riesen-Schock.“ Von Telefonaten mit seinen Mitarbeitern in London weiß er: „Die Stimmung ist sehr schlecht.“ Er selbst hat für einen Verbleib in Europa gestimmt.

Sean Glover, der gerade sein Abitur an der Ernestinenschule in Lübeck gemacht hat, durfte nicht beim Referendum abstimmen. Er hätte wohl für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt, „aber ich bin mir nicht sicher“, sagt er. „Es gibt mit Island, Norwegen und der Schweiz auch starke Staaten außerhalb der EU.“ Der EU-Austritt könnte gut sein für Großbritannien, glaubt Glover, es komme aber darauf an, was die Briten jetzt daraus machten.

Tony Madelley (52) hat seine Stimme per Post abgegeben. Er lebt seit Weihnachten 2015 in Lübeck, arbeitet hier als Türsteher. „Ich habe für einen Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt“, sagt der Londoner. „Das war aber keine Abstimmung gegen die EU, sondern gegen Brüssel und Straßburg.“ Dabei hat der Engländer in der Vergangenheit durchaus vom Staatenverbund und der damit verbundenen Freiheit profitiert. Madelley hat bereits überall in Europa gelebt und gearbeitet. Für die Zukunft erwartet er eigentlich keine Einschränkungen. „Wenn es aber Visa-Beschränkungen geben sollte, könnte es vielleicht Probleme geben.“ Hook denkt vor allem an die jungen Engländer. Während er als junger Mann überall in Europa arbeiten konnte – nach dem Studium war er unter anderem wissenschaftlicher Gastmitarbeiter an der TU München –, bleibt diese Möglichkeit vielen seiner Landsleute in Zukunft eventuell verwehrt.

Einbürgerung kostet 255 Euro

106 000 Menschen aus aus dem Vereinigten Königreich (England, Wales, Schottland und Nordirland) lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik. Wer dauerhaft in Deutschland lebt, aber noch nicht deutscher Staatsangehöriger ist, kann sich einbürgern lassen. Das passiert allerdings nicht automatisch, sondern nur auf Antrag. Die Einbürgerung kostet 255 Euro. Der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit gilt grundsätzlich auf Dauer.

Briten können ihren englischen Pass behalten. Nach Angaben des Bundesverwaltungsamtes gilt grundsätzlich, dass bei Annahme einer ausländischen Staatsangehörigkeit die deutsche verloren geht. Entsprechend muss ein Ausländer, der die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt, regelmäßig die bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben. Das gilt allerdings nicht für EU-Bürger. Sie dürfen ihren bisherigen Pass behalten, wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen – falls ihr Heimatland bei der Einbürgerung von Deutschen ebenso verfährt.

 Julia Konerding

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