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Norddeutschland Nach Übergriffen in Sachsen: Der Norden ist entsetzt
Nachrichten Norddeutschland Nach Übergriffen in Sachsen: Der Norden ist entsetzt
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08:37 23.02.2016
Ein Feuerwehrfahrzeug steht am 21.02.2016 in Bautzen (Sachsen) vor einem brennenden Haus. In einer geplanten Flüchtlingsunterkunft war in der Nacht zu Sonntag ein Feuer ausgebrochen. Schaulustige standen um das Gebäude und behinderten die Löscharbeiten der Feuerwehr. Quelle: Rico Löb/dpa
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Bautzen/Clausnitz/Kiel

Nachdem am vergangenen Donnerstag in Clausnitz ein Flüchtlingsbus von einem grölenden Mob blockiert worden war (die LN berichteten), brannte in der Nacht zu Sonntag in Bautzen ein leerstehendes Hotel aus, in das bald Flüchtlinge einziehen sollten. Die Ermittler gehen von Brandstiftung aus.

Erschreckend: Etliche Schaulustige bejubelten das Feuer, versuchten sogar die Löscharbeiten zu behindern. Die Polizei zählt damit bereits 118 Angriffe auf Asylunterkünfte in diesem Jahr. Das sei „beschämend, kaltherzig und feige“ urteilte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Auch in Schleswig-Holstein herrscht Einigkeit. Für Innenminister Stefan Studt (SPD) stehen die Vorfälle „für die ganz dunkle Seite der Gesellschaft“. Es sei „unerträglich, dass im Jahr 2016 in diesem Land wieder Menschen applaudieren, wenn ein Flüchtlingsheim brennt“. SPD-Fraktionschef Ralf Stegner forderte „Demokratiefeinde und rechte Hetzer hart anzugreifen“. „Der Staat muss in der Lage sein, die Menschen zu schützen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass es solche Vorfälle gibt“, so Stegner. „Wir brauchen nicht nur eine Demonstration der Anständigen, sondern konsequente strafrechtliche Verfolgung mit harten Strafen“, fordert FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Der in Sachsen gezeigte Verlust von Hemmungen und Mitmenschlichkeit sei „bedrückend“.

Die CDU-Flüchtlingspolitikerin Astrid Damerow, sprach von der „hässlichen Fratze des Extremismus“, die sich in Sachsen gezeigt habe. „Der offene Hass gegenüber Menschen überschreitet jedes Maß.“ Es sei „fünf nach zwölf und höchste Zeit, entschieden gegen die Vergiftung der Gesellschaft vorzugehen“, sagte Grünen-Fraktionschefin Eka von Kalben.

Kirsten Fehrs, Bischöfin in Lübeck und Hamburg, warnte indes davor, mit dem Finger auf Sachsen zu zeigen. Gewalt gegen Flüchtlinge gebe es auch in anderen Teilen Deutschlands. „Damit dürfen wir uns aber nicht abfinden. Als Christen sind wir dazu aufgerufen, dem Hass zu widerstehen und Schwache zu schützen“, sagte Fehrs.

Wie die LN aus Polizeikreisen erfuhren, findet angesichts der Flüchtlingskrise auch im Norden eine zunehmende Radikalisierung statt. Zahlen für 2015 wurden bisher nicht veröffentlicht. Es gebe aber eine deutliche Steigerung von Taten auf beiden Seiten des politischen Spektrums, hieß es. Übergriffe von Rechtsradikalen forderten auch Linksextremisten heraus, Gewaltakte zu begehen.

Von Oliver Vogt

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