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Norddeutschland Schlechte Chancen gegen Messer-Attacken
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17:56 12.10.2018
Die Polizei-Einsatztrainer Stefan Hinze (l.) und Maik Roloff demonstrieren Handlungsmöglichkeiten im Fall einer Messerattacke auf einen Polizeibeamten. Quelle: Markus Scholz/dpa
Kiel

Nach der Kritik an den Polizeischüssen, die in Bad Oldesloe am Sonntag einen 21-jährigen Obdachlosen töteten, geht die Landespolizei jetzt in die Offensive. Im Landespolizeiamt in Kiel demonstrierten am Freitag zwei Einsatztrainer der Polizeischule Eutin, wie schwierig Messerangriffe abzuwehren seien und wie wenig Zeit einem Beamten bliebe, die richtige Entscheidung für oder gegen den Einsatz der Schusswaffe zu treffen.

Einsatztrainer: „Ohne Hilfsmittel kann man einen Messerangriff gar nicht unbeschadet überstehen“

„Der Begriff ’Abwehr eines Messerangriffs’ ist eigentlich schon irreführend“, sagt Einsatztrainer Maik Roloff. „Man kann einen Messerangriff ohne Hilfsmittel gar nicht unbeschadet überstehen.“ Einem Angreifer das Messer aus der Hand zu treten oder gar gezielt aus der Hand zu schießen, das funktioniere leider nur im Kino. In der Realität gehe ein solch ungleicher Kampf immer mit schweren Verletzungen des Angegriffenen aus. Wichtig sei es daher immer, Distanz zum Angreifer zu halten, bestimmt rund sieben Meter, um wenigstens einen minimalen Zeitvorsprung zu haben. Denn der Angreifer wisse ja meist schon, was er vorhabe. Wird diese Distanz geringer, bestehe für den Beamten sofort Lebensgefahr.

Diese Distanz hatte Robin L., der 21-jährige Obdachlose in Bad Oldesloe, offenbar deutlich unterschritten. Vier Meter vom Beamten entfernt trafen ihn zwei Kugeln aus dessen Dienstwaffe in die Brust. Er verblutete binnen Minuten noch am Ort des Geschehens. Hätte er nicht mit dem Schlagstock oder Pfefferspray abgewehrt werden können?

„Schauen sie“, sagt Roloff. Sein Trainer-Kollege Stefan Hinze mimt den Angreifer, stürmt aus sieben Meter Entfernung mit einem Holz-Üb-Messer auf ihn zu. Er legt die Distanz so schnell zurück, dass Roloff nur ein einziges Mal zum Gürtel greifen und eine seiner Waffe hervorziehen kann. Dann ist Hinze schon bei ihm. „Sie haben nur eine Chance, ein Einsatzmittel zu wählen“, sagt Roloff. „Nehmen sie das Pfefferspray und treffen nicht sofort die Augen, oder duckt der Angreifer sein Gesicht weg, dann ist er da, und sie sind nach diesem Kampf in jedem Fall schwer verletzt.“ Dazu komme, dass auch die Reichweite des Sprays draußen im Einsatz bei Wind verkürzt sein könne.

Bei einem Messerangriff entscheiden Sekundenbruchteile

In Bad Oldesloe hatten die Beamten bereits Pfefferspray gegen den 21-Jährigen eingesetzt. Es wirkte bei ihm offenbar nicht. „Manchmal sind Angreifer so durch Adrenalin hochgepuscht, dass sie keine Schmerzen mehr spüren, selbst trotzt einer Schussverletzung erst mal weiterlaufen“, sagt Hinze. Auf eine Ansprache oder Aufforderungen, das Messer niederzulegen, hatte Robin L. nicht reagiert, bestätigten Zeugen des Vorfalls. Weil er psychisch krank war oder unter Drogen?

Hinze und Roloff spielen die Szene noch einmal vor. Jetzt zieht der angegriffene Beamte seine Pistole. Auch hier reichen die Sekundenbruchteile kaum aus, sie richtig auf den Angreifer zu richten. Selbst wenn der Beamte die Waffe schon in der Hand hat, gelingt es kaum. Warum dann aber ein Schuss in die Brust und nicht in die Beine. „Sie sind da als Polizist in einer Hoch-Stress-Phase“, sagt Hinze. Da schalte das Gehirn viele Funktionen aus, die nicht dem unmittelbaren Überleben dienten. Tunnelblick. „Die Feinmotorik versagt.“ Grobes Zielen sei noch möglich. Feines Ausrichten der Waffe nicht mehr.

Schusswaffengebrauch

Der Schusswaffengebrauch durch Polizeibeamte ist in Paragraf 258 des Landesverwaltungsgesetzes Schleswig-Holstein geregelt. Darin heißt es unter anderem, dass der Gebrauch gegen Personen nur zulässig ist, „um diese angriffs- oder fluchtunfähig zu machen und soweit der Zweck nicht durch Schusswaffengebrauch gegen Sachen erreicht werden kann“. Schusswaffen dürfen demnach gegen Personen nur gebraucht werden, „um eine gegenwärtige Gefahr für Leib oder Leben abzuwehren“. In Schleswig-Holstein setzten Landespolizisten 2018 bereits viermal die Waffe ein. Neben den tödlichen Schüssen in Bad Oldesloe wurden in Flensburg und Heringsdorf je eine Person verletzt, in Harrislee wurde nur ein Warnschuss abgegeben. Ende Mai tötete eine reisende Bremer Polizistin einen Angreifer im Flensburger Bahnhof.

„Und wieder gilt auch: Sie haben einen Schuss. Trifft der nicht, sind sie selber hin“, sagt Roloff. Und der Oberkörper, sagt Hinze, sei eben ein größeres, leichter zu treffendes Ziel als eine Kniescheibe. Auch wenn andere Beamten da sind – in Bad Oldesloe waren es noch drei –, sei es denen kaum möglich, einzugreifen oder den Schuss zu übernehmen. Man müsse bei Schrägschüssen ja auch immer blitzschnell überlegen, wer bei einem Fehlschuss noch in der Schusslinie steht und womöglich getroffen werde.

Das genaue Geschehen in Bad Oldesloe wird noch ermittelt

Wie genau es in Bad Oldesloe abgelaufen sein mag, dazu wolle man sich im Landespolizeiamt nicht äußern. „Das ist ein laufendes Strafverfahren“, sagt Polizeisprecher Torge Stelck. Tatsächlich ermittelt die Staatsanwaltschaft Lübeck noch, was genau am Sonntag in Bad Oldesloe geschehen ist. Erste Meldungen vom Vortag, man gehe sicher von einer Notwehrsituation aus, wiederholte Sprecher Christian Braunwarth am Freitag nicht. Der Vize-Landeschef der Polizeigewerkschaft DPolG, Thomas Nommensen, war sich im Anschluss an die Vorführung dennoch sicher, dass es so war. Und es sei richtig, dass Polizeibeamte in der Aus- und Fortbildung vermittelt bekämen, dass gegen Angriffe mit Messern in der Regel nur die Schusswaffe das taugliche Mittel sei – „um sein eigenes Leben zu schützen“, wie Nommensen betont.

Wolfram Hammer

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