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Norddeutschland „Nächstenliebe ist kein Nebenprodukt"
Nachrichten Norddeutschland „Nächstenliebe ist kein Nebenprodukt"
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21:24 30.03.2018
Heinrich Bedford-Strohm ist bis zum Herbst 2021 als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands gewählt.  Quelle: dpa
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Lübeck

Herr Bischof, Ostern symbolisiert Aufbruch oder einen Neuanfang. Haben Sie ein persönliches Ritual zum Fest?

Für mich ist das der Gottesdienst, ganz klar. Ostern ist das Fest der Hoffnung. Hier wird der Bogen gespannt vom Leiden Jesu am Karfreitag bis zur Auferstehung Christi am Ostersonntag. Die Musik, die Lieder, die wir singen, bringen mich persönlich in diese Stimmung: Alles, was einen so runterziehen kann in der Welt, tritt zurück hinter die Osterfreude über den Sieg des Lebens.

Verschicken Sie eigentlich noch Ostergrüße per Post oder über Facebook, wo Sie ja sehr aktiv sind?

Für meine Grüße als Bischof nutze ich auch Facebook. Private Grüße schicke ich per Brief oder elektronisch.

Hass im Netz: bei Ihnen kein Thema?

Doch, natürlich. Der kommt bei einigen Themen buchstäblich postwendend. Etwa wenn ich etwas Bestärkendes zum Dialog mit dem Islam äußere. Da treten Menschen auf den Plan, die das grundsätzlich ablehnen und es sehr deutlich, bisweilen im Stil unter der Gürtellinie, kundtun.

Weil diese Menschen finden, der Islam gehört nicht zu Deutschland?

Die Debatte um diesen Satz ist eine Symboldebatte, die als solche wenig zielführend ist. In der Sache geht es aber um etwas Wichtiges. In Deutschland leben 4,5 Millionen Muslime. Da ist interreligiöser Dialog nicht Kür, sondern Pflicht. Wir sollten darüber reden, wie wir miteinander umgehen wollen. Deutschland ist unser Land, das sagen auch Millionen von Muslimen. Voraussetzung dafür ist, dass sich alle, die in Deutschland leben wollen, an die Regeln halten, die in unserer wunderbaren Verfassung, dem Grundgesetz, festgeschrieben sind. Wir Christen sagen, jeder Mensch ist geschaffen zum Bilde Gottes. Daraus ergeben sich Toleranz, Achtung und Respekt. Sie prägen unser Grundgesetz und sie sind die Grundlagen für unser Zusammenleben.

Und Teil unserer Kultur?

Ja, und zwar in starker Prägung durch das Christentum. Allerdings muss dieser Teil immer wieder neu eingelöst werden. Christentum ist nichts, was man vor sich hertragen kann oder worauf man sich beruft, um sich von anderen abzuheben. Christentum ist der Anspruch, dem wir uns ständig stellen müssen. Das kann auch anstrengend und unbequem sein. Das heißt für mich Nächstenliebe, Solidarität und Achtung vor jedem Menschen. Nicht nur der eigenen Hautfarbe, der eigenen Kultur oder eigenen Religion. Ob Christentum wirklich Grundlage unserer Kultur ist, entscheidet sich daran, ob wir es wirklich ernst nehmen.

Erwächst der Hass auf andere Menschen nicht aus den Ängsten vor einer sich auf vielen Ebenen verändernden, globalisierten Welt?

Wenn uns Dinge Sorgen bereiten, kann die Antwort doch nicht Hass sein. Gerade wir in Deutschland sind gesegnet mit einem Wohlstand wie nur wenige andere Nationen, wir können zuversichtlich in die Zukunft schauen. Allerdings gibt es in Deutschland nicht wenige Menschen, die tatsächlich zu kurz kommen. Die eine Rente haben, die nicht zum Leben reicht, die sehr schlecht bezahlte Jobs haben, die sich die explodierenden Mieten nicht mehr leisten können. Die Politik muss darauf Antworten geben. Dann kann aus Angst etwas Konstruktives entstehen. Martin Luther King, der vor 50 Jahren ermordet worden ist, hat einige Jahre vor seinem Tod gesagt: „Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht. Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe.“ Das ist hochaktuell.

Verstehen Sie Menschen, die sich enttäuscht abgewandt oder rechts gewählt haben?

Ich unterscheide zwischen denen, die das Gefühl hatten, dass sich niemand mehr um ihre Belange kümmert, und denen, deren Haltung es ist, Menschen anderer Hautfarbe oder Religion per se herabzuwürdigen. Letztere wollen Ängste schüren statt helfen. Da geht es um Fragen der Grundorientierung. Hier müssen die Kirchen sehr deutlich werden.

Wie denn?

Indem wir deutlich machen, dass Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit unvereinbar sind mit dem christlichen Glauben.

Was heißt das für den Umgang mit Flüchtlingen?

Klar ist: Wir können Menschen in Not nicht einfach allein lassen. Klar ist ebenfalls, Deutschland kann nicht alle Flüchtlinge dieser Welt aufnehmen. So ist es aber auch nicht. Man muss sich immer klarmachen, wie viele Flüchtlinge in sehr viel ärmeren Ländern Aufnahme finden. Da können wir uns doch nicht hinstellen und sagen, wir schotten uns ab, das geht uns nichts an. Wir müssen helfen - dort, wo die Ursachen für die Flüchtlingsbewegungen liegen, und dort, wo Menschen in den Flüchtlingslagern der Region Zuflucht finden. Aber eben auch hier. Das ist meine christliche Grundüberzeugung. Nicht ob Menschen in Not geholfen wird, darf strittig sein, sondern nur wie ihnen am besten geholfen werden kann.

Lässt es Sie als kirchliche Führungskraft verzweifeln, dass sehr wahrscheinlich auch Christen AfD gewählt haben?

Es beunruhigt mich. Darum rede ich in unseren Gemeinden auch mit denen, die diese Ängste hegen, um zu den Hintergründen durchzudringen, die dahinter stehen. Ich halte nichts davon, sie abzuqualifizieren. Ich erwarte aber, dass nicht einfach Ängste verstärkt werden, sondern über Lösungen geredet wird. Das verlange ich im Übrigen auch von einer Partei wie der AfD - Konzepte, die sowohl unserem Grundgesetz und den dahinter stehenden christlichen Grundorientierungen entsprechen, als auch in der Lage sind, Probleme tatsächlich zu lösen.

Nächstenliebe ist nicht gerade deren Kernthema.

Die Nächstenliebe ist kein Nebenprodukt des Christentums, sondern sie gehört zum Kern des Christentums. Gottesliebe und Nächstenliebe sind untrennbar miteinander verbunden. Die im Zusammenhang mit dem Gebot der Nächstenliebe von Jesus aufgestellte „Goldene Regel“ heißt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ Das ist keine Sonderethik der Christen, sondern zugänglich für alle Menschen, die ihren Verstand gebrauchen. Es leuchtet doch ein: Wenn ich mich in einer Situation besonderer Verletzlichkeit befinde, hoffe ich auf einfühlsame Mitmenschen. Wenn dies jeder in unserer Gesellschaft berücksichtigen würde, wären wir schon viel weiter.

Die Vorgänge um die „Essener Tafel“, wo kaum noch deutsche Bedürftige zum Zuge kamen, zeigen: Arme und Migranten sind schon Konkurrenten. Was tun?

Zunächst ist es wichtig, dass niemand das Gefühl der Bedrängnis, das ältere Damen in Essen hatten, einfach wegwischt. Gleichzeitig kann nicht die Lösung sein, dass man Menschen in Not je nach Pass unterschiedlich behandelt. In einem Land, in dem das private Geldvermögen auf 5,8 Billionen Euro angestiegen ist, dürfen wir es nicht zulassen, dass Schwache gegen Schwache ausgespielt werden, sondern müssen einen sozialen Ausgleich finden, der den Zusammenhalt und das Miteinander stärkt. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass das die Zufriedenheit aller stärkt, selbst die des reichsten Drittels. Zu den Grundlagen einer offenen Gesellschaft gehört der soziale Ausgleich und der Einsatz für Chancengleichheit.

Wenn das klar ist, warum wächst dann die Armut in Deutschland und stellt sich ein junger Politiker wie Jens Spahn hin und meint, Hartz IV würde mitnichten Armut bedeuten?

Geld ist bei der Armutsbekämpfung eine wichtige Größe. Fehlende Teilhabe ist jedoch das dahinter liegende tiefere Problem. Es gibt Menschen, die sind einfach aus der Gesellschaft verschwunden, weil sie keinen Anknüpfungspunkt mehr finden. Ein zentrales Element für die Gegenstrategie ist Bildung. Daher ist es so wichtig, schon im frühen Kindesalter die Bildung so weit wie möglich zu fördern. Aber natürlich spielen auch äußere Faktoren wie das Wohnen eine zentrale Rolle. Es rächt sich jetzt, dass der soziale Wohnungsbau solange vernachlässigt worden ist. Denn wir haben einen dramatischen Mangel an bezahlbaren Wohnungen, der die Ärmsten besonders hart trifft.

Und Hartz IV reicht?

Die Diakonie, die nah dran ist an den Menschen, um die es geht, weist immer wieder darauf hin, dass die Regelsätze sehr eng, zu eng bemessen sind. Jeder sollte sich klarmachen, wie weit er mit 416 Euro im Monat käme.

Hat Deutschland ein Gerechtigkeitsdefizit?

Völlige Gerechtigkeit gibt es nur im Reich Gottes. Ansporn sollte uns das jedoch schon sein. Wenn ich mir anschaue, was Verkäuferinnen, Pflegekräfte oder Erzieher leisten und was sie dafür verdienen, werden schon Gerechtigkeitsdefizite sichtbar. Gerade bei den Pflegeberufen kann man sehen, dass es schlicht an Menschen fehlt, die diese Berufe ausüben wollen. Das liegt am Gehalt, aber auch an den durch Personalknappheit entstehenden Arbeitsbedingungen. Das ist auch ein Grund, warum ich sage, dass Stimmungsmache gegen Fremde unserem Land schadet.

Wie meinen Sie das?

Mein Vater verbrachte seine letzten Jahre im Pflegeheim. Eine seiner wichtigsten Bezugspersonen im Heim war ein Iraker, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen war und sich zum Pfleger ausbilden ließ. Er arbeitet leidenschaftlich gern in diesem Beruf und wurde uns zum Segen.

Viele Konflikte, ob nun im Jemen oder in Syrien scheinen endlos oder verschärfen sich sogar noch. Haben Sie trotzdem Hoffnung für die Welt?

Ja. Weil ich Christ bin. Der von den Nazis ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer hat etwas gesagt, was mir Devise ist: „Mag sein, dass morgen der Jüngste Tag anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ Gott lässt die Welt nicht den Bach runtergehen. Dafür steht Ostern: Wir Christen begehen eben nicht nur Karfreitag, sondern feiern auch Ostern. Nicht der Tod hat gesiegt, sondern das Leben hat gesiegt. Ostern ist Gottes große Liebeserklärung an die Welt.

Interview: Thoralf Cleven

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