Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Netzbetreiber kämpfen gegen Wegwerf-Strom
Nachrichten Norddeutschland Netzbetreiber kämpfen gegen Wegwerf-Strom
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:07 01.11.2018
Windräder produzieren grünen Strom – doch wegen Netzengpässen werden sie im Norden immer noch viel zu oft abgeschaltet. Mit einer neuen Internet-Plattform wollen die Schleswig-Holstein Netz AG und die Arge Netz das ändern. Quelle: Pleul/dpa
Kiel

Zu viel Wind, zu wenig Netzkapazität – immer wieder müssen Windräder im Norden abgeschaltet werden. Und das, obwohl der grüne Strom anderswo gebracht werden würde. Schluss damit, sagt Matthias Boxberger, Aufsichtsratschef der Schleswig-Holstein Netz AG: „Es gibt einen Schiefstand, der danach schreit, dass die Politik handelt.“ Und sein Unternehmen habe zusammen mit der Arge Netz jetzt auch das richtige Instrument dafür: Die Internetplattform ENKO, die Stromanbieter und Verbraucher in der Region zusammenbringt.

Wegwerf-Strom kommt Bürger und Firmen teuer zu stehen

Allein 400 000 Euro Forschungsfördergeld haben die Unternehmen in die Entwicklung hinein gesteckt, dazu noch eigene Mittel. Aus gutem Grund, wie Boxberger betont. Die Abschaltung von Windanlagen sei für viele Seiten ein Ärgernis. Bis zu 100 000 Rechnungen habe allein die Schleswig-Holstein Netz AG pro Jahr zu bearbeiten, weil die Windmüller Entschädigungen geltend machen können. Der Stromkunde zahlt’s über den Strompreis. Gegenwert des nicht ins Netz eingespeisten Windstroms: 300 Millionen Euro pro Jahr. Besonders ärgerlich ist das auch für die Ökobilanz. „Mit der Gesamtleistung von 3000 Gigawattstunden hätten rechnerisch ganz Kiel und sein Umland bis Ende 2020 mit CO2 -freiem Grünstrom versorgt werden können“, sagt Boxberger.

Matthias Boxberger, Aufsichtsratsvorsitzender der Schleswig-Holstein Netz AG, will den grünen Windstrom im Land besser nutzen lassen. Quelle: dpa

Zwar gehe der Netzausbau im Land weiter voran. Der brauche aber seine Zeit. Und ganz würden sich Netzengpässe selbst bei einem guten Ausbauzustand nicht verhindern lassen. Die Netzbetreiber starteten deshalb ihr Modellprojekt mit zunächst zwölf Unternehmen – mit einer Ausnahmegenehmigung des Bundes. Bis 13 Uhr eines Tages können die Verbraucher im Internet melden, wenn und wann sie am Folgetag einen besonders hohen Stromverbrauch haben, etwa, wenn ein Fuhrunternehmer E-Fahrzeuge aufzuladen hat oder in neuen Fabriken künftig die Produktion von Wasserstoff hochgefahren wird. Innerhalb einer Stunde ermitteln die Netz AG und die Arge Netz, der Zusammenschluss von 360 Grünstrom-Anbietern, dann, ob es in der Region absehbar ein Überangebot an Wind- oder Solarstrom geben wird, der dann zum Verbraucher geleitet wird. Und das zum halben Strompreis.

Zwei Unternehmen für erneuerbare Energie

Die Schleswig-Holstein Netz AG betreibt in mehr als 1000 Kommunen im Land und in Nord-Niedersachsen die Strom- und Gasleitungen. Angeschlossen sind über 35 000 Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie, etwa Windräder und Fotovoltaik-Anlagen, heißt es vom Unternehmen. 340 schleswig-holsteinische Kommunen sowie die elf Kreise sind an der Muttergesellschaft „HanseWerk“ direkt beteiligt. Die AG hat 1200 Mitarbeiter und betreibt 51 000 Kilometer Stromleitungen, 15 000 Kilometer Gasleitungen sowie 7500 Kilometer Glasfaserkabel.

Gesellschafter der Arge Netz sind 360 Anbieter erneuerbarer Energie, deren Anlagen von dem Unternehmen gebündelt werden.

Ab 1. Januar ist dieses deutschlandweit erste Projekt seiner Art für alle Verbraucher geöffnet. Der Haken: Die Strompreisvergünstigung wird zunächst nur den zwölf bisherigen Teilnehmern zugestanden. Das Bundesgesetz nämlich verbiete es bislang, einen solchen Rabatt allen Kunden zu gewähren, sagt Boxberger. Uns auch die Ausnahmegenehmigung für die zwölf Partner laufe Ende 2020 aus – wenn sie von Berlin nicht verlängert wird.

Die Landespolitik ist begeistert, doch der Bund muss handeln

Man hoffe gerade deshalb dennoch auf viele neue Nutzer der Internetplattform – auch und gerade um den Druck auf die Bundespolitik zu erhöhen, endlich die Energiegesetze an die neuen technischen Möglichkeiten anzupassen, sagt Boxberger. „Wir brauchen ein Anreizsystem.“ Flexible Verbraucher müssten belohnt, Rabatte auf Überschuss-Strom möglich werden, fordert der Netz-Manager. Er ist zudem sicher, dass bald auch Privathaushalte von der Technik profitieren könnten. Anbieter könnten je rund 100 Haushalte bündeln, in denen zum Beispiel über Nacht ein E-Auto für den nächsten Morgen aufgeladen werden muss oder in denen eine Elektro-Wärmepumpe arbeitet.

Aus der Landespolitik gibt’s breite Unterstützung. „Die Plattform ist ein weiterer Baustein zur Energiewende“, lobt der CDU-Abgeordnete Andreas Hein. „Es ist gut, dass wir immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien produzieren. Es ist noch besser, wenn dieser dann auch bei den Verbrauchern ankommt“, sagt auch der SPD-Abgeordnete Thomas Hölck. Genau das ermögliche die Plattform und leiste dadurch einen klimapolitisch und wirtschaftlich wichtigen Beitrag. Solches Lob allein dürfte Boxberger in Berlin allerdings wenig weiterhelfen. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Bernd Voß ruft Nord-CDU und -SPD daher auf, auch auf die von ihnen getragene GroKo-Bundesregierung Einfluss zu nehmen. Sie müsse „die Blockade der Energiewende beenden“, die Preise für CO2 -intensive Energie müssten steigen, sagt Voß.

Wolfram Hammer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit einer Online-Befragung will sich Schleswig-Holsteins Landesregierung einen Überblick über die Sportbedürfnisse der Norddeutschen verschaffen. Bis 2020 will die Regierung auf Basis der Befragung einen Zukunftsplan Sportland Schleswig-Holstein erstellen.

01.11.2018

Die Bundespolizei Kiel hat im Ostuferhafen einen seit Jahren gesuchten mutmaßlichen Zigarettenschmuggler verhaftet. Der 43-jährige Russe soll zwischen 2009 und 2011 als Mitglied einer Bande etwa zwölf Millionen Zigaretten nach Deutschland geschmuggelt haben.

01.11.2018

Schleswig-Holsteins Innenministerium bereitet derzeit eine Einbürgerungskampagne vor. Ab Januar will die Landesregierung Ausländer, die seit mindestens acht Jahren im Land sind und die Voraussetzungen für die deutsche Staatsangehörigkeit erfüllen, persönlich anschreiben.

01.11.2018