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Norddeutschland Neue Saatgutverordnung der EU: Gärtner fürchten um alte Sorten
Nachrichten Norddeutschland Neue Saatgutverordnung der EU: Gärtner fürchten um alte Sorten
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12:08 23.06.2013
Sabina Schwardt baut seltene Obst- und Gemüsesorten in ihrem Garten an. Quelle: Jörn Kießler
Lübeck

Naturschützer, Bauern und Kleingärtner schlagen Alarm: Sie befürchten, dass durch die geplante neue Saatgutverordnung der Europäischen Union (EU) alte und seltene Obst- und Gemüsesorten aussterben könnten. Denn der Entwurf, den EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg im Mai in Brüssel vorgelegt hat, sieht strenge Reglementierungen und einen großen bürokratischen Aufwand für die Registrierung von Saatgut vor. Sie sind mit hohen Kosten verbunden. Zwar kündigte die deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) schon Ausnahmeregelungen für Unternehmen an, die weniger als zehn Mitarbeiter haben und deren Jahresumsatz unter zwei Millionen Euro liegt, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist trotzdem besorgt.

„Die Höhe der Gebühr steht zwar noch nicht genau fest, dennoch zeichnet sich bereits deutlich ab, dass sich aufgrund der Vielzahl der historischen Obstsorten die Belastungen für Initiativen und Betriebe sehr schnell bis weit über 100000 Euro aufsummieren“, sagt Ina Walenda, Geschäftsführerin des BUND in Schleswig-Holstein. Das würde dazu führen, dass es sich kleine, regionale Saatguthersteller nicht mehr leisten könnten, viele unterschiedliche Sorten zu züchten. Nur Großkonzerne würden die Kosten bewältigen. Das bedroht nach Meinung von Thomas Kleinworth auch die Artenvielfalt. „In Kleingärten finden wir 22,4 verschiedene Arten pro 100 Quadratmeter“, sagt der Fachberater des Landesverbands Schleswig-Holstein der Gartenfreunde. „In einem Stadtpark sind es zum Vergleich gerade einmal 0,5.“ Das könne sich aber ändern, komme die neue Verordnung beim Endverbraucher an.

Zwar will die EU Hobbygärtnern weiter erlauben, nicht zugelassene Sorten in ihren Privatgärten anzupflanzen. Sich die Samen für seltene Sorten zu besorgen, wird aber schwierig. Denn Kleingärtner kaufen ihr Saatgut im Fachhandel. Der hat aber nur die Erlaubnis, zugelassenes Saatgut zu verkaufen. Das würde aber nur von Unternehmen kommen, die sich die Zertifizierung leisten können. „Die Verordnung in dieser Form wäre sehr schade und ein Schritt in die falsche Richtung“, sagt deshalb Thomas Kleinworth, Landesfachberater des Landesverband Schleswig-Holstein der Gartenfreunde.
Das sieht auch der Bauernverband Schleswig-Holstein (BVSH) kritisch. „Die Neuregelungen dürfen die Vielfalt der Sorten nicht einschränken“, sagt BVSH-Sprecher Klaus Dahmke. Die Sprecherin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Daniela Rixen, teilt diese Bedenken nicht. Sie verweist auf die Ausnahmeregelungen für kleine Unternehmen: „Diese werden dann zum Teil von der Zahlung der Gebühren für die Sortenzulassung und die Zertifizierung befreit.“

Kartoffel als Opfer eines Saatgutherstellers

1974 wurde die Kartoffel Linda von einer Saatzucht in Munster (Lüneburger Heide) entwickelt. Für die festkochende Kartoffel hatte der Züchter bis 2004 Sortenschutz beantragt. Kaum war dieser abgelaufen, entzog die Firma Europlant der Kartoffel die Zulassung für die gewerbliche Pflanzgutproduktion.
Belena sollte Lindas Nachfolgerin werden. Sie sei im Gegensatz zu der beliebten Speisekartoffel resistent gegen verschiedene Krankheiten. Zufällig hatte Europlant für Belena eine Zulassung bis 2030. Erst nach diversen Protesten von Bauern und Verbrauchern bekam Linda 2010 wieder eine Zulassung für Deutschland.

Von Jörn Kießler

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