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Norddeutschland Neuer Streit ums Lesenlernen
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12:57 17.09.2013
Schreiben wie man spricht: Bei der „Lesen durch Schreiben“-Methode werden solche Fehler in Klasse 1 und 2 nicht korrigiert. Quelle: Foto: Keystone
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Kiel

Der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen hat die Methode entwickelt. „Rechtschreibwerkstatt“ oder „Tinto“ heißen zwei Arbeitsbücher. Dazu gibt es immer eine „Anlauttabelle“. Darauf ist jedem Buchstaben ein Tier oder Gegenstand zugeordnet, der mit diesem Buchstaben beginnt. Die Kinder sollen sich daraus die Buchstaben für ihre Wörter selbst zusammensuchen. Dann dürfen sie drauflosschreiben. Korrigiert wird ihre Schreibung in den ersten beiden Schuljahren nicht, auch Eltern sollen es zu Hause nicht tun — das würde nur die natürliche Schreib- und Lesefreude der Kinder trüben.

Kommentar: Bürger und Politik sollten mitentscheiden

Genau da haken die Kritiker ein, auch Wissenschaftler und Grundschul-Praktiker. Es werde eine chaotische Rechtschreibung antrainiert, zahllose Fehlschreibungen würden sich den Kindern einprägen und seien ab Klasse 3 zum Teil kaum noch korrigierbar. „Eine Studie belegt, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund und lernschwache Kinder große Probleme mit der Methode haben, gerade die werden beim Rechtschreiblernen allein und im Regen stehengelassen“, sagt auch die CDU-Bildungspolitikerin Heike Franzen. Aus der Elternschaft höre sie immer mehr solcher negativer Rückmeldungen. Man fordere die Landesregierung daher auf, „dafür Sorge zu tragen, dass in den Schulen des Landes Schleswig-Holstein die Unterrichtsmethode nach der Idee des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen ,Lesen durch Schreiben‘ nicht angewendet wird“, heißt es im Antrag der CDU für die nächste Landtagssitzung. „Die Methode hat aus Sicht der FDP nichts an den Grundschulen des Landes zu suchen“, sagt auch die Liberale Anita Klahn.

Im Bildungsministerium gebe es keine Überlegungen, den Schulen bestimmte Methoden vorzugeben oder zu untersagen, betont allerdings dessen Sprecher Thomas Schunck. Es gibt dort, so geht aus einer Antwort auf eine Kleine Parlamentsanfrage hervor, gar keine Übersicht, an wie vielen und welchen Schulen mit welcher Methode Lesen gelehrt werde.

Nach Einschätzung von Blanka Knudsen, GEW-Vize-Landeschefin und selber Grundschullehrerin, wird die Methode meist im Mix mit anderen eingesetzt — und sollte den Lehrern erhalten bleiben. Man höre, das „Lesen durch Schreiben“ werde an etwas 80 Prozent aller Grundschulen angewendet, sagt der SPD-Bildungsexperte Kai Vogel. Bevor man das Thema im Landtag behandle, müssten jetzt erst einmal weitere Informationen gesammelt werden. Die Grünen bremsen bereits. „Es gibt kritische Stimmen, denen muss man nachgehen. Aber ich bin skeptisch, ob die Politik diese Frage besser beurteilen kann als unsere Schulen“, sagt deren Bildungsexpertin Anke Erdmann.

„Pädagogische Freiheit ist wichtig — aber sie darf nicht dazu führen, dass das Lesenlernen scheitert“, sagt hingegen der Vorsitzende des Philologenverbandes, Helmut Siegmon. Es sei jetzt wichtig, schnell verlässliche Daten zu der umstrittenen Methode zu sammeln und zu bewerten, was denn ein guter Methodenmix sein könnte.

Einen solchen Methodenmix im Unterricht fordert auch die Vorsitzende des Landeselternbeirates der Grundschulen, Katrin Engeln, ein. Die verschiedenen Leselern- Methoden sollten sogar auf die einzelnen Schüler zugeschnitten sein und parallel unterrichtet werden, auch wenn das kleinere Lerngruppen erforderlich mache. Werde das „Lesen durchs Schreiben“ in Reinform unterrichtet, was hin und wieder geschehe, sei es in der Tat sehr gewöhnungsbedürftig. Migranten und lernschwache Kinder dürften beim Lesenlernen aber auf keinen Fall abgehängt werden.

Immer wieder Reformen
Lesen durch Schreiben: Anstatt zunächst einzelne Buchstaben zu vermitteln und sie schrittweise zu Wörtern zusammenzusetzen, sollen die Schüler erst die Laute der Wörter erfassen und mit Hilfe einer Anlauttabelle aufschreiben. Die richtige Rechtschreibung steht dabei in den ersten Jahren nicht im Vordergrund. Über den richtigen Rechtschreibunterricht gab es schon öfter Streit. In den 70er Jahren scheiterte zum Beispiel der Versuch, Schüler mit der „Ganzwortmethode“ zunächst ganze Wörter erfassen und lernen zu lassen.

Wolfram Hammer

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