Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland New Holstein: Als Deutsche den American Dream erfanden
Nachrichten Norddeutschland New Holstein: Als Deutsche den American Dream erfanden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:54 15.10.2017
Kiel gibt's natürlich auch in den USA. Unsere Reporterin Marion Hahnfeldt war da und hat nach deutschen Wurzeln geforscht - und gefunden.  Quelle: Marion Hahnfeldt
New Holstein

Von Marion Hahnfeldt

New Holstein in Wisconsin hat alles, was das amerikanische Leben braucht. Sechs Kirchen, drei Parks, in der MT Glass Bar trinken die Einwohner ihr Bier, bei Piggly Wiggly kaufen sie ihre Milch, und zum Arbeiten fahren sie ins etwa 100 Kilometer entfernte Milwaukee. Und auch wenn die goldenen Jahre der Klein-Stadt möglicherweise vorbei sind, der Stolz der Menschen auf ihren Ort ist unerschüttert. 1998 feierte man hier den 150. Geburtstag, es gab eine Parade, und ein Clown im rot-grün-gelben Kostüm fuhr mit weißen Handschuhen in einem Oldtimer durch die Straßen. „The Land of Peace and Plenty“ nennen sie die Stadt, das Land also mit viel Frieden und Weite, und das hat schon was zu bedeuten.

Wie sieht eigentlich Holstein auf amerikanisch aus? Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke, fahren Sie im Video durch die Stadt und Sie wissen es!

Man kann das alles bei einem Besuch im „Pioneer Corner Museum“ an der Main Street nachlesen, noch besser aber ist es, mit Terry Thiessen zu sprechen.

Der 70-Jährige ist New Holsteiner quasi von der Pike auf, er ist hier aufgewachsen, er ist hier verheiratet, er ist Mitglied der New Holstein Historical Society, und wenn er erzählt, dass seine Vorfahren aus Kiel stammen, meint er nicht den etwa sieben Fahrminuten entfernten Ort; dann spricht er tatsächlich über Kiel in Deutschland, das ist natürlich alles kein Zufall.

Denn anders als viele glauben, dominieren nicht etwa die Nachfahren von Engländern die USA, es sind Menschen mit deutschen Vorfahren, Menschen wie Terry. 60 Millionen Amerikaner geben heute an, von den insgesamt sechs Millionen deutschen Auswanderern abzustammen; das sind immerhin 20 Prozent der US-Amerikaner. Und vieles, was vermeintlich amerikanischen Ursprungs ist, ist auf das Engagement deutscher Einwanderer zurück zurückzuführen; Heinz Ketchup. Levi Strauss. Boeing. Budweiser. Und auch Donald Trump, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, ist Nachfahre von Auswanderern aus Deutschland, und wer weiß, vielleicht ist das ja eine Erklärung.

Die Deutschen kamen in Wellen, die Menschen flohen von überall, aus dem Norden, aus dem Süden; sie flohen vor Krieg, sie flohen aus religiösen Gründen, und sie alle kamen, weil sie in ihrer Heimat die Hoffnung verloren hatten. Allein im Hungerjahr 1817 zog es Tausende an die amerikanischen Küsten, und von dort eroberten sie nach und nach den Mittleren Westen.

Terry Thiessen kennt die Geschichten, er ist ein belesener Mann. Früher arbeitete er am College als Lehrer, seine Fächer waren Mathematik und Wissenschaft, und fragt man ihn, was das Thema ihm bedeutet, sagt er: „Die Beschäftigung damit gibt mir ein familiäres Gefühl; es fühlt sich alles sehr vertraut an.“

Terry Thiessen und seine Frau.

Terry spricht mit feiner Stimme und in ebenso fein einen austarierten Sätzen, und ist er um eine Antwort verlegen, kommt ihm seine Frau Karen zur Hilfe, die über sich selbst sagt: „I am a keeper of all“, was so viel meint wie: Ich halte hier alles zusammen; sie sagt es in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt.

Terry ist Nachfahre deutscher Auswanderer in der fünften Generation, und er will hier auch nicht mehr weg. „Wir haben hier alle viel Platz, und es ist ein sicheres Leben. Wer hier Kinder aufzieht, trifft eine gute Entscheidung.“ Er spricht aus Erfahrungen, er ist Vater von drei erwachsenen Kindern.

Das Projekt: Wie deutsch sind die USA

Es war eine der ersten großen Auswanderungswellen, damals im Hungerjahr 1817, die Menschen flohen von überall aus Deutschland; getrieben von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, in Amerika hofften sie auf eine neue Heimat. Sie kamen mit Schiffen und mit Planwagen, auf Ochsen und zu Fuß zogen sie weiter; häufig über Wochen und Monate, von New York, von New Orleans, von Philadelphia oder Charleston, immer tiefer in den Mittleren Westen.

Die Spuren, die die Aus(Ein)wanderer hinterließen, sind noch heute über überall zu finden; Städtenamen wie etwa Hannover, Bremen oder Berlin zeugen davon; auf den Friedhöfen überall finden sich ihre Gräber, und mit etwas Glück trifft man heute noch auf Amerikaner mit deutschen Vorfahren, die die Dialekte ihrer Vorfahren sprechen.

LN-Redakteurin Marion Hahnfeldt hat sich nun auf den Weg gemacht, die Siedlergeschichte nach zu verfolgen. Ihr Ziel ist es, wie sie sagt, herzufinden, wie deutsch die USA wirklich sind. Für ihr journalistisches Projekt setzte sie sich ein ehrgeiziges Ziel; 12 Staaten in 12 Wochen; knapp 10 000 Kilometer, und um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeutet, dem Ungewissen entgegen zu reisen,

startete sie wie einst die Siedler mit dem Frachtschiff von Bremerhaven, und auch gleich am Beginn hatte sie mit den Widrigkeiten der Passage zu kämpfen; statt wie geplant in New York zu landen, brachte das Schiff sie nach Charleston in South Carolina.

Inzwischen aber ist Marion Hahnfeldt im Mittleren Westen angekommen; und nachdem sie bereits Pennsylvania, Ohio, Indiana und Illinois hinter sich gelassen hat, geht es von Wisconsin nun weiter nach Iowa, Nebraska, Kansas, Missouri, Kentucky über Virginia nach New York, wo ihre Reise Ende November endet.

Wer ihre Reise mitverfolgen möchte: www.threemonths.de. Außerdem kann man ihr auf Facebook folgen unter https://www.facebook.com/threemonths.de/

Dass nun ausgerechnet im fernen Wisconsin eine Art schleswig-holsteinisches Paralleluniversum existiert, ist einer Gruppe von 70 Schleswig-Holsteiner zu verdanken, die sich, enttäuscht und desillusioniert von der politischen Situation, im Jahr 1848 auf den Weg ins Unbekannte machten; es war das Jahr, in dem ein militärischer Konflikt um die Zugehörigkeit von Schleswig und Holstein entbrannte, in dem Karl Marx das kommunistische Manifest veröffentlichte, es war das Jahr einer scheiternden Revolution in Deutschland.

Die Norddeutschen reisten von Hamburg mit der „Brarens“ über den Atlantik, im Koffer jede Menge Zuversicht, und als sie am 12. Mai in New York landeten, hatten sie eine Reise von 14 zumeist angenehmen Tagen hinter sich.

Und so wenig, wie die Besetzung der Gruppe kein Zufall war (es waren hauptsächlich Intellektuelle); war es die Wahl des Landstrichs. Der Landsmann Ferdinand Ostenwald hatte sie nach Amerika gelotst, er hatte bereits Jahre zuvor seine Erfahrungen gemacht, und er war es auch, der der Siedlung den Namen New Holstein gab, weil die Gegend ihn an seine alte Heimat erinnerte, und weil er hoffte, über diesen Weg Nachzügler locken zu können.

In New Holstein erinnert heute ein Gedenkschild an jene Pioniere, zu lesen ist dort, wie „a small group of immigrants from the Schleswig-Holstein Area“ in der Abgeschiedenheit des Wilden Westens die politische Freiheit und ökonomische Möglichkeiten suchten, und in jedem Wort steckt Stolz auf das Errungene.

Auch Terry Thiessen lässt die Vergangenheit nicht ruhen; sie treibt ihn, sie fordert ihn, das ist Grund, warum er einen großen Teil seiner Zeit der Heritage-Arbeit widmet, warum seine Emailadresse mit dem Namen Frontier endet, Grenzland also, und das ist auch der Grund, warum er 1972 zusammen mit seiner Frau in der Heimat seiner Vorfahren reiste. Sie fuhren nach Kiel, sie fuhren nach Lübeck, sie besuchten Friedhöfe, sie besuchten besuchten Museen, 14 Tage später allerdings kehrten sie enttäuscht zurück; sie hatten nicht gefunden, was sie suchten, einen Hinweis auf die Vorfahren vielleicht. Und dass sie in einem Juni nach Deutschland in den Norden gekommen waren, es regnete, es stürmte, es war norddeutscher Sommer, das machte die Sache nicht besser.

Während man in Deutschland aktuell nun mit einiger Verwunderung und viel Unverständnis auf den fernen Nachbarn blickt, wird der einstige Verbündete hier von einer Woge der Sympathie getragen, das ist in New Holstein nicht anders als im nahen Kiel, auch die Stadt ein Erbe der Siedler. Die Main Street dort ist mit deutschen Fahnen geschmückt, und selbstverständlich gibt es ein Oktoberfest.

„Deutschland ist in Amerika sehr angesehen“, sagt dazu Lavern Rippley, Deutsch-Professor am St. Olaf College in Northfield (siehe Interview weiter unten), und nichts anderes sagt Joachim Reppmann.

Reppmann ist zwar in Flensburg aufgewachsen, seit Jahrzehnten aber lebt er in den USA; deutsch-amerikanische Geschichte ist sein Lebensthema, er hat etliche Bücher zu dem Thema geschrieben, und in einer Abhandlung mit der Überschrift „Der Wilde Westen beginnt in Flensburg“ lässt er die Protagonisten jener Auswanderergruppe zu Wort kommen, die 10 000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat ein New Holstein gründeten.

Zahlen und Fakten

Nachdem 1607 in Jamestown, Virginia, 104 Siedler die erste englische Kolonie gegründet hatten, zog es immer mehr Einwanderer aus Europa nach Amerika. An der Südspitze Manhattans in New York steht nicht ohne Grund ein Denkmal für den Verleger Horace Greeley (1811 - 1872), der einst den Satz prägte: „Go West, young man“, Millionen folgten der Aufforderung. Die Auswanderung der Deutschen setzte im nennenswerten Ausmaß 1817 ein, Missernten und gestiegene Getreidepreise hatten für Hunger gesorgt; die größte Welle aber gab es zwischen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts; allein im Jahr 1854 kamen 250 000 Deutsche; ähnlich viel waren es 1882. Die Deutschen prägten die Kultur des Landes; sie hatten wirtschaftlichen und politischen Erfolg.  

Sie seien vom Gedanken nahezu beseelt gewesen waren, mitten im „Urwald“ ein republikanisch-demokratisches Gemeinwesen aufzubauen, schreibt er; „nur zu gerne kehrte man dem autoritären System zu Hause den Rücken, um ein freies Leben führen zu können.“

Das amerikanische Holstein wurde dann auch für die ausgewanderten Holsteiner zum Glücksfall. Sie rodeten die Bäume, sie bauten Kirchen und Schulen, das erste Kind in New Holstein wurde am 4. Juni 1850 geboren; im Jahr 1880 zählte die Stadt bereits 400 Einwohner, viele hatten großen wirtschaftlichen Erfolg, und im Jahr 1870 ließ der erfolgreiche Unternehmer Herman Christian Timm ein Wohnhaus errichten, das heute den Namen Timm House trägt und ein Museum ist.

Wie aus der Zeit herausgefallen wartet es nun am Straßenrand; Autos ziehen vorbei; gegenüber baut die Firma M-B Companies Maschinen für den Straßenbau und drinnen sitzt Terry Thiessen und erzählt von der alten Zeit. „Die Deutschen haben das hier aufgebaut, und ich denke, wir bewahren ihr Erbe auf gute Weise“, sagte er. 

Alles Deutsche wurde verboten

Lavern Rippley war 50 Jahre Professor of German am St. Olaf Collage in Northfield, Minnesota. Gerade wurde er pensioniert, beschäftigt sich aber immer noch ausführlich mit dem Thema „German Americans“.

Sie haben viele Bücher zum Thema deutsch-amerikanische Auswanderung geschrieben, was hat Sie am meisten überrascht?
Dass so viele gekommen waren. Mehr als die Hälfte der Einwanderer von Minnesota, 60 bis 80 Prozent, haben etwa deutsche Vorfahren. Man behauptet immer, sie waren aus Skandinavien, aus Norwegen, aber das ist eine Legende, fast alle sind hier deutsch. Aus dem preußischen Deutschland kamen damals Millionen.

Und wie haben sie das Land verändert?
Das ist schwer zu sagen. Mit dem ersten Weltkrieg war die deutsche Sprache verboten worden, alles Deutsche wurde verboten, in Minnesota, Nebraska, Wisconsin, überall, Redakteure von deutschen Zeitungen wurden vor Gericht gestellt, es waren harte Zeiten, man dachte, wenn man den Menschen verbietet, deutsch zu sprechen, deutsch zu denken, dann gewinnen wir den Krieg. Niemand gab damals mehr zu, deutscher Abstammung zu sein. Damit verloren die Deutschen auch ihren Einfluss.

Und heute?
Interessieren sich viele für ihre Vergangenheit. Und interessanterweise ist man immer stolz darauf, wenn man deutsche Vorfahren hat. Der Stand der Deutschen heute ist sehr stark und positiv. Man ist lieber Deutscher als Franzose oder Engländer; man ist stolz darauf, Norweger oder Schwede zu sein, am besten aber ist es, deutsch zu sein. Das ist schon enorm.

Warum?
Das Land hat wirtschaftlichen Erfolg, dazu die Musik, zum Teil die Literatur. Und Angela Merkel hat das Bild sehr verändert. Man schätzt sie hier sehr.

Professor Lavern Rippley aus Minnesota Foto: Marion Hahnfeldt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!