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Norddeutschland Grüne fordern neuen Religionsunterricht
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21:00 30.10.2018
Die Grünen im Norden wollen den Religionsunterricht reformieren. Es soll ein Unterricht „für alle“ werden, gleich welcher Konfession und Religion. Quelle: dpa
Kiel

Schleswig-Holsteins Grüne wollen den Religionsunterricht in den Schulen im Norden umkrempeln. Einen entsprechenden Vorstoß hat Landtags-Fraktionschefin Eka von Kalben jetzt in der Jamaikakoalition gestartet. Das Ziel sei ein „Religionsunterricht für alle“, in dem Imame und Rabbiner verpflichtend mit unterrichten sollen.

Grüne: Klassen nicht auseinanderreißen, wenn es um Werte geht

„Wir wollen den Religionsunterricht interreligiöser machen“, sagt Eka von Kalben. Er werde dann ein Angebot an alle Schüler aller Religionen, Konfessionen und auch für Atheisten. „Denn es ist doch grundfalsch, Klassen gerade dann auseinanderzureißen, wenn im Unterricht über Werte gesprochen wird“, sagt die Grünen-Politikerin.

Grünen-Landtagsfraktionschefin Eka von Kalben will den Religionsunterricht im Land hin zu einem überkonfessionellen reformieren. Quelle: Olaf Malzahn

Bislang gibt es an Schleswig-Holsteins Schulen nur evangelischen und katholischen, dazu noch an einigen Schulen einen beide Konfessionen verbindenden Religionsunterricht. Schülerinnen und Schüler, die weder evangelisch noch katholisch sind – in Schleswig-Holstein etwa 44 Prozent –, können auf Antrag an diesem Religionsunterricht teilnehmen. Vor allem an den Grundschulen ist das häufig der Fall. Hier wird der evangelische Religionsunterricht von 88 Prozent aller Schüler besucht. Eltern – und ab 14 Jahren die Schülerinnen und Schüler selber – können aber in allen Jahrgangsstufen auch ersatzweise Philosophieunterricht wählen.

Lehrer als Moderatoren eines interreligiösen Unterrichts

Der evangelische und katholische Religionsunterricht ist bislang „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Kirchen“, zu erteilen, wie es im Schulgesetz heißt. Auch auf die Ausbildung der Lehrer haben die Kirchen entscheidenden Einfluss. Die Lehrer studieren Religion zwar als eines ihrer Unterrichtsfächer an den staatlichen Hochschulen, brauchen aber auch eine kirchliche Lehrerlaubnis. Von Kalben würde auch das gerne ändern. Denn die Religionslehrer sieht sie künftig in erster Linie als Moderatoren eines Unterrichts, der den Schülern alle Religionen im Vergleich vorstellt – also einer Art Religionskunde, bei der die eigene Konfession oder Religion der Lehrer für den Unterricht unwichtig werde.

Grüne wollen einen eigenen Islamunterricht überflüssig machen

Sollte es für eine solch weitreichende Umstellung noch keine politische Mehrheit geben, sollten die evangelischen und katholischen Religionslehrer zunächst verpflichtend Imame und Rabbiner in den Unterricht mit einbeziehen müssen, sagt von Kalben. Sie könnten einen bestimmten Anteil der Stunden gestalten. Die Religionslehrer würden auch das moderieren. Evangelische und katholische Pfarrer und Pastoren brauche es im Unterricht hingegen nicht, sagt die Grüne. „Die Rolle als Vertreter ihrer Kirche übernehmen die konfessionell ausgebildeten Religionslehrer.“ Auch ein eigener Islamunterricht an den Schulen werde damit überflüssig.

Religionsunterricht in Schleswig-Holstein

Im Schuljahr 2018/2019 gehören 140 530 der 278 826 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Schleswig-Holstein der evangelischen Kirche an. Das sind 50,4 Prozent. Römisch-katholischer Konfession sind 15 388 Schülerinnen und Schüler oder 5,5 Prozent. Muslimischen Glaubens sind 21 727 Schülerinnen und Schüler oder 7,8 Prozent. Anderen Religionen gehören 34 785 Schülerinnen und Schüler an, das sind 12,5 Prozent. Keine Religionszugehörigkeit haben 66 390 Schülerinnen und Schüler, das sind 23,8 Prozent.

Für 220 789 Schülerinnen und Schüler sieht der Lehrplan in diesem Schuljahr in ihrer jeweiligen Klassenstufe Religions- oder Ersatzunterricht vor. Am evangelischen Religionsunterricht nehmen davon 156 387 Schülerinnen und Schüler teil, das sind 70,8 Prozent. An den Grundschulen allein liegt diese Quote bei 88 Prozent. Am katholischen Religionsunterricht nehmen insgesamt 3605 Schülerinnen und Schüler teil, das sind 1,6 Prozent. An einem konfessionsübergreifend arbeitenden Religionsunterricht nehmen 15 124 Schülerinnen und Schüler teil, das sind 6,8 Prozent. An Gymnasien liegt diese Quote bei 14,6, an Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe bei 9,2 Prozent. Am Ersatzunterricht in Philosophie nehmen insgesamt 45 673 Schülerinnen und Schüler teil, das sind 20,7 Prozent. An Grundschulen liegt diese Quote bei 7,3, an Gymnasien bei 38,9 und an Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe bei 33,7 Prozent.

An Schleswig-Holsteins Schulen unterrichten derzeit 2142 ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer für evangelische und 178 Lehrerinnen und Lehrer für katholische Religion. Vor allem an Grund und Gemeinschaftsschulen unterrichten viele Lehrerinnen und Lehrer aber auf Wunsch auch fachfremd Religion, das heißt ohne Studium dieses Faches.

Nach welchen Kriterien Rabbiner und Imame, die teilweise sehr unterschiedliche Richtungen ihrer Regionen vertreten, für den Unterricht ausgewählt werden sollen, haben die Grünen allerdings noch nicht zu Ende debattiert, sagt von Kalben. Regelungen dazu sollten Bestandteil von Staatsverträgen werden, die das Land nach Willen der Grünen zügig auch mit den islamischen Gemeinschaften wie etwa der Schura oder dem „Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland“ abschließen sollte. Mit der evangelischen und katholischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde gibt es solche Staatsverträge bereits.

CDU-Ministerin Karin Prien sieht keinen Handlungsbedarf

In der Jamaikakoalition allerdings sind solche Pläne umstritten. CDU-Bildungsministerin Karin Prien etwa sieht keinen Handlungsbedarf. „Unser Angebot von konfessionsgebundenem Religionsunterricht wird gut angenommen“, sagt die Ministerin. Sie stelle zudem fest, dass der Religionsunterricht im Land den Kindern und Jugendlichen bereits jetzt schon einen Einblick in andere Religionen und Weltanschauungen biete. Auch die FDP-Bildungspolitikerin Anita Klahn ist zurückhaltend. Sie halte nichts davon, Konzepte für den Religionsunterricht einseitig durch die Politik vorzugeben, sagt die Liberale. Die FDP werde in der Koalition anregen, zunächst Vertreter von Schulen und Religionsgemeinschaften sowie andere Beteiligte dazu anzuhören. Denkbar seien am Ende etwa häufigere Besuche von Kirchen, Moscheen oder Synagogen oder Gespräche mit Geistlichen im Unterricht – dann allerdings mit Geistlichen aller großen Religionen. Damit könnte der interkulturelle Dialog noch größeren Raum an der Schule bekommen, sagt Anita Klahn.

Schleswig-Holsteins CDU-Bildungsministerin Karin Prien lehnt die Grünen-Pläne ab: „Unser Angebot von konfessionsgebundenem Religionsunterricht wird gut angenommen. Und er bietet den Kindern und Jugendlichen schon jetzt einen Einblick in andere Religionen und Weltanschauungen.“ Quelle: dpa

Schützenhilfe für die Grünen kommt hingegen von der oppositionellen SPD. Er unterstütze „jede Initiative, die den Religionsunterricht für Schülerinnen und Schüler aller Konfessionen oder ohne Konfession tatsächlich öffnet“, sagt deren Bildungspolitiker Martin Habersaat. Auch er würde einen religionskundlichen Unterricht für alle bevorzugen, „der die Geschichte, das Verbindende und das Trennende unterschiedlicher Religionen und Philosophien zum Gegenstand hat“.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Habersaat unterstützt die Grünen und spricht sich ebenfalls für einen rein religionskundlichen Religionsunterricht an den Schulen im Norden aus. Quelle: Lutz Roeßler

Durchsetzen ließe sich das gegen die Kirchen allerdings kaum, glaubt Habersaat. Sie hätten laut Grundgesetz ein Anrecht auf einen Religionsunterricht, in dem es um Glaubensvermittlung gehe – auch wenn er selber das für aus der Zeit gefallen und wegen der Schulpflicht für schwierig halte. Ohne Grundgesetzänderung könnten die Kirchen aber zu keiner Reform gezwungen werden.

Die Kirchen lehnen ab: Religionsunterricht „keine Folklorekunde“

Und auf ihrem Recht bestehen die Kirchen in der Tat mit Nachdruck. „Man kann den konfessionellen Unterricht auf der verfassungsrechtlichen Grundlage nicht einfach durch einen interreligiösen Unterricht ersetzen, auch wenn das immer wieder angeregt und diskutiert wird“, sagt Peter Schulze, Vize-Sprecher der evangelischen Nordkirche. Ohnehin würden im Rahmen des evangelischen Religionsunterrichts in Schleswig-Holstein schon lange auch die anderen Weltreligionen thematisiert werden. Sogar begrenzte Kooperationen mit anderen Religionsgemeinschaften seien üblich. Das reiche völlig aus.

Beate Bäumer, Leiterin des Katholischen Büros in Kiel, hält von den Grünen-Pläne gar nichts und fordert stattdessen auch einen Islamunterricht. Denn: Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht sei Ausdruck von Religionsfreiheit. Und er erst mache Schüler dialogfähig. Quelle: privat

Beate Bäumer, die Leiterin des Katholischen Büros in Kiel, wird noch deutlich. Man werde niemals auf den eigenständigen katholischen Religionsunterricht verzichten. Denn der sei Ausdruck der Religionsfreiheit und „kein buntes Allerlei und keine Folklorekunde, wo es um etwas Ethik und Kultur geht“. Und das sei nicht ohne Grund so. Gerade angesichts der gesellschaftlichen Pluralität bräuchten die Schülerinnen und Schüler „eine fundierte religiös-konfessionelle Bildung, um sich selbst in religiösen Fragen positionieren und dialogfähig werden zu können“. Sie appelliere daher an die Politik, sich lieber auch für die Erteilung von islamischen Religionsunterricht einzusetzen, den sich viele muslimische Eltern wünschen würden. „Dann könnte der interreligiöse Austausch, der schon jetzt selbstverständlich auch im katholischen Religionsunterricht stattfindet, noch weiter ausgebaut werden“, sagt Beate Bäumer.

Wolfram Hammer

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