Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Norman L. — Intelligent, pedantisch, brutal
Nachrichten Norddeutschland Norman L. — Intelligent, pedantisch, brutal
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:39 24.10.2013
Der Angeklagte Norman L. (45, l.) mit verdecktem Gesicht steht neben seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Jörn Gaebell. Quelle: Olaf Malzahn
Anzeige
Schwerin

Norman L. schweigt weiter. Auch den zweiten Prozesstag im Mordfall der 29-jährigen Anna-Lena U. aus Lübeck verfolgt der Angeklagte aufmerksam, aber nahezu ohne erkennbare Mimik und Emotionen. Erstmals seit seiner Verhaftung gewährt der Prozess jedoch Einblicke in die Persönlichkeitsstruktur des 45-Jährigen.

Als Zeugin vor der II. Großen Strafkammer des Schweriner Landgerichts geladen ist gestern unter anderem Hanna T. (Name geändert). Im Auftrag des Lübecker Jugendamtes hat die Sozialhelferin die Familie des Angeklagten über ein Jahr begleitet. Die 50-Jährige schildert das schwierige soziale Gefüge der Großfamilie. L.‘s Verlobte sei mit ihren fünf Kindern — vier davon vom Angeklagten — überfordert gewesen. In der Wohnung hätte ein „großes Chaos“ zwischen schmutziger Wäsche und Geschirrbergen geherrscht. Da L. „diese Verhältnisse nicht mehr ertragen konnte“, wie T. aussagt, sei er im Sommer 2012 aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen.

Denn Norman L. sei das genaue Gegenteil seiner Verlobten, der er rhetorisch „haushoch überlegen“ sei: ordnungsliebend, präzise, ja fast pedantisch, korrekt, kontrolliert und auch sehr intelligent.

Mit seinem 14-jährigen Ziehsohn habe er über naturwissenschaftliche und geschichtliche Themen diskutiert und sein großes Wissen „auch gern herausgestellt“, berichtet T.. Einmal habe sie den Hartz-IV-Empfänger sogar gefragt, warum er mit seinem Wissen nicht mehr aus sich gemacht habe. „Aber darauf hat er mir keine Antwort gegeben.“

Obwohl er vordergründig ein gutes Verhältnis zu seinen Kindern pflegte, der Umgangston untereinander freundlich, respektvoll, bisweilen liebevoll gewesen sei, war Norman L. als Vater auch gewalttätig. Erst nach seiner Verhaftung habe die Familienhelferin erfahren, dass der 45-Jährige sein jüngstes Kind einmal „im Zorn gegen die Wand geworfen habe“. In einem anderen Fall soll er den kleinen Jungen „gewürgt und getreten“ haben, als der an einem Straßenübergang unaufmerksam gewesen sei.

Diese unkontrollierten Ausbrüche von Brutalität seien neben L.‘s Eifersucht und seinem fehlenden Engagement für Kinder und Haushalt auch Grund gewesen, warum sich seine Verlobte im Juni 2013 — drei Wochen vor dem Mord — nach einem Jahr des Lebens in getrennten Wohnungen endgültig von Norman L. lossagte und ihre Verlobung löste. Nach der Tat habe sich die 35-Jährige deshalb Vorwürfe gemacht, habe angenommen, ihre Trennung sei der Auslöser für das Verbrechen gewesen, berichtet die Familienhelferin. Nachbarn hätten erzählt, dass Norman L. nach der Trennung mitunter stundenlang in der Nähe der Wohnung seiner Ex-Verlobten herumgeschlichen sei und das Haus beobachtet habe.

Ein weiteres Merkmal des Angeklagten ist offenbar auch eine gewisse Paranoia. Hanna T. zufolge habe L. seiner Verlobten eingeschärft, niemals eine seiner Telefonnummern herauszugeben, da er „sonst alle ändern müsse“, wie er einmal erklärt habe. Was L. genau fürchtete, ist jedoch unbekannt.

Überraschend: Seine Verlobte machte die Trennung rückgängig — nachdem sie von Norman L.‘s Verhaftung wegen Mordverdachts erfahren hatte. Ebenso habe sie ihren Kindern, die nach dem Mord wegen Drohungen und Anfeindungen gegen die Mutter vom Jugendamt in Obhut genommen wurden, eingebläut, „sie müssten jetzt besonders zu ihrem Vater“ halten.

Norman L. reagiert während dieser Schilderung intimster Dinge nicht ein einziges Mal. Keine Empörung, kein Zorn, keine Trauer ist in seinem Gesicht zu lesen. Für die Prozessbeteiligten bleibt er vorerst ein Buch mit sieben Siegeln.

Doch nicht einmal sein Verteidiger Jörn Gaebell bestreitet, dass L. etwas mit dem Mord an der 29-jährigen Anna-Lena U. zu tun hat. Die kalte Grausamkeit dieser Tat ruft der Zeuge Armin C. vor Gericht wieder in Erinnerung. Der Student war der erste, der den toten Körper der jungen Mutter in der Palinger Heide entdeckte. Allerdings konnte der 23-Jährige erst nicht die Polizei rufen, da er kein Handy bei sich hatte. „Ich habe dann einen Radfahrer gefragt, ob er ein Handy hat. Dahinten liegt eine Leiche, hab‘ ich gerufen“, gibt der Student die Geschehnisse wieder. Der Radfahrer habe wissen wolle, wie die Leiche aussehe. „Er hat mir dann gesagt, dass es seine Tochter sei, die er schon gesucht habe“, erinnert sich C., der den Mann zu der Toten führte. Vor der Leiche von Anna-Lena sei ihr Vater zusammengebrochen. „Er hat nur gesagt: ,Mein Gott, sie wurde ja ermordet.‘“

„Er hat seinen kleinen Sohn im Zorn gegen die Wand geworfen.“
Hanna T., Zeugin

Oliver Vogt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige