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Norddeutschland Notenkampf: Immer mehr Eltern verklagen Lehrer ihrer Kinder
Nachrichten Norddeutschland Notenkampf: Immer mehr Eltern verklagen Lehrer ihrer Kinder
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19:22 18.05.2016
Die Abi-Noten würden besonders gern in Zweifel gezogen, sagt Siegmon und führt das auf ausgeweitete Rechte der Schüler zurück.  Quelle: dpa

„Wir bekommen die Klagefreudigkeit von Eltern in voller Breite zu spüren“, sagt Helmut Siegmon, Vorsitzender des Philologenverband Schleswig-Holstein. Besonders in den Wochen vor den Zeugnissen häufen sich die Beschwerden. „Manche Lehrer kapitulieren unter dem permanenten Druck von Angriffen“, räumt Siegmon ein.

Eltern kämpften mit allen Mitteln um einzelne Punkte in Klassenarbeiten. Die Abi-Noten würden besonders gern in Zweifel gezogen, sagt Siegmon und führt das auf ausgeweitete Rechte der Schüler zurück. Möglicherweise spiele zudem der gesellschaftliche Druck eine Rolle, dass Eltern unbedingt das Beste für ihr Kind erstreiten wollten.

Auch das Auftreten der Pädagogen werde hinterfragt. Lehrer gelten lange nicht mehr als Autorität. „Ein mutmaßlich falsches Wort, ein zweideutiges Verhalten im Unterricht, und der Pädagoge hat die Eltern am Hals.“ Die Entwicklung führe dazu, dass einige seiner Kollegen verunsichert einknicken und „im Zweifel eine bessere Note geben, um schwere Angriffe auf ihre Person endlich zu beenden“. Folge: Die Zahl der Einser-Noten steige inflationär.

Auch disziplinarische Maßnahmen von Schulen (sie reichen von einer Missbilligung bis zum Verweis) münden zunehmend in juristischen Auseinandersetzungen. Siegmon berichtet von einem aus Sicht der Pädagogen unstrittigen Täuschungsversuch in der Abi-Prüfung. Die Eltern des Schülers zogen bis vors Oberverwaltungsgericht (OVG). Das Verwaltungsgericht gab der Schule erstinstanzlich Recht, vor dem OVG obsiegten die Eltern. „Solch ein Urteil hat Signalwirkung für andere Eltern“, sagt Siegmon. Seine Beobachtung: Anwaltskanzleien hätten Schulstreitigkeiten längst als attraktives Tätigkeitsfeld entdeckt und sich entsprechend spezialisiert. Eltern mit einer Rechtsschutzversicherung im Rücken fühlen sich besonders motiviert zu streiten. Motto: „Diesem Lehrer zeigen wir’s mal.“

Thomas Wulff, Elternbeiratsvorsitzender für die Gymnasien im Land, spricht von Einzelfällen, in denen Eltern klagen. „Wenn es um Anderes geht als Notengebung, ist es das gute Recht von Eltern, den Klageweg zu beschreiten“, sagt er. Allerdings sollten vorher wirklich alle anderen Möglichkeiten – wie Gespräche – ausgeschöpft sein. Siegmon bestätigt, dass viele Streitfälle auf diese Weise beigelegt werden.

Dem Kieler Bildungsministerium liegen keine belastbaren Zahlen über die Streitlust von Eltern vor. Es gebe aber „die generelle gesellschaftliche Tendenz, dass Menschen ihre Belange immer engagierter vertreten“, sagt Ministeriumssprecher Thomas Schunck.

Das Phänomen ist jedenfalls nicht regional begrenzt. Nach Angaben des Leiters der Rechtsabteilung des größten Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Hans-Peter Etter, hat sich die Anzahl an Rechtsfällen in den vergangenen 15 Jahren vervierfacht. Jeden Tag rufe ein Lehrer an und bitte um Rechtsbeistand. Denn eine bestimmte Sorte Eltern erscheine in der Sprechstunde gleich mit Anwalt. Der bayerische Lehrerverband beschäftigt mittlerweile 17 Rechtsberater, darunter sechs Volljuristen. Vor einigen Jahren reichten noch drei.

von Curd Tönnemann

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