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Norddeutschland Ohrenschützer im Unterricht: Wenn Schüler Ruhe suchen
Nachrichten Norddeutschland Ohrenschützer im Unterricht: Wenn Schüler Ruhe suchen
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09:42 29.04.2016
Ruhe jetzt, ich muss mich konzentrieren! Der neunjährige Finn nutzt im Unterricht gern den blauen Gehörschutz — wie auch andere Schüler der dritten Klasse der Albert-Schweitzer-Schule in Lübeck. Quelle: Lutz Roeßler

Knallblau sind die Schützer, die in Klasse 3a in einer Kiste auf ihren Einsatz warten. Bei Bedarf können sich die Schüler einen nehmen. „Jeder bestimmt für sich: Brauche ich das jetzt?“, erklärt Klassenlehrerin Christina Tomescheit (41). Es sei ein freiwilliges Angebot für die Kinder. Die neunjährige Emily etwa nutzt die Lärmstopper meist im Mathe-Unterricht. „Dann kann ich besser rechnen“, erzählt sie. Die Hilfsmittel machten die Geräusche leiser.

„Wer empfindlich auf Lärm reagiert, kann den Gehörschutz gut gebrauchen. Denn Lärm bedeutet Stress.“„Susanne Peacock, Psychologin

„Kleine Raschelgeräusche beispielsweise werden ausgeblendet“, erklärt Tomescheit. Was vorn gesprochen wird, kann man schon noch hören — allerdings gedämpft. Die Lehrerin hat die Lärmschützer angeschafft, „weil wir die Räume nicht haben, um differenzieren zu können“.

Die Idee dazu kam ihr, nachdem sich die Schüler im Technikraum oft die dort vorhandenen Kopfhörer aufgesetzt hatten, wenn es sehr laut war. Nach Rücksprache mit Physio- und Ergotherapeuten sowie Psychologen kaufte sie vorerst zehn Exemplare — auf eigene Kosten. Zunächst sei sie ein wenig belächelt worden, erinnert sie sich. Doch das Angebot ist gut angekommen. „Die Ohrenschützer werden viel genutzt.“ Besonders gern auch von den Jungen in der Klasse.

„Der Gehörschutz ist eine Möglichkeit, die in der individuellen Pädagogik mehr und mehr angenommen wird“, berichtet Susanne Peacock, zuständig für Schulpsychologie in der Landesgruppe vom Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP). Ziel sei es heute, dass Kinder sich im Lernen selbst organisieren. „Das schafft einen anderen Geräuschpegel in der Klasse als früher“, sagt die Psychologin.

Auch seien die sogenannten Nachhallzeiten in alten Schulgebäuden besonders hoch. Wer empfindlich auf Lärm reagiere, könne den Gehörschutz gut gebrauchen. „Denn Lärm bedeutet Stress für den Körper“, sagt Peacock.

Die Hamburger Schulpsychologin Susanne Neubert spricht von „individualisiertem Lernen“. Schüler arbeiteten häufig selbstständig an unterschiedlichen Aufgaben, während andere etwas mit dem Lehrer besprechen, erklärte sie jüngst. Und sie nannte einen weiteren Vorteil des Gehörschutzes: Damit sendeten die Schüler das klare Signal, dass sie bei ihren Aufgaben nicht gestört werden möchten.

Nach Ansicht von Lehrerin Christina Tomescheit sorgen die modernen Unterrichtsmethoden für eine höheren Lärmpegel in den Klassen. „Die Kinder lernen in ihrem Tempo und sind dadurch unterschiedlich weit“, erklärt sie. Während der eine noch über den Rechenaufgaben brütet, darf der nächste schon in einem anderen Buch arbeiten. Das bringe Unruhe in die Klasse.

An wie vielen Schulen in Schleswig-Holstein bereits Ohrenschützer eingesetzt werden, ist im Bildungsministerium nicht bekannt. Sprecher Thomas Schunck betont aber, dass der Einsatz von Gehörschutz von den Lehrkräften gesteuert werden müsse.

Von Julia Paulat

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