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Norddeutschland Pendler-Ärger: Hamburger Hauptbahnhof ist zu voll
Nachrichten Norddeutschland Pendler-Ärger: Hamburger Hauptbahnhof ist zu voll
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13:15 03.12.2018
Volle Bahnsteige, verspätete Züge, genervte Reisende: Der Hamburger Hauptbahnhof ist viel zu klein. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Hamburg

Auf Gleis 12 kommt gerade der IC aus Köln an. Der Zug fährt ein, die Türen öffnen sich, hunderte Menschen steigen aus dem Zug. Maria-Luise Siedler hievt ihren großen Koffer auf den Bahnsteig, zupft ihre Jacke zurecht und drängelt sich durch die vielen Menschen zur Aufgangstreppe.

„Schon wieder Verspätung! Ich muss meinen Zug nach Lübeck erwischen. Jedes Mal dasselbe hier in Hamburg“, sagt Siedler genervt. Die 77-Jährige aus der Nähe von Köln fährt einmal im Jahr mit der Bahn in den Norden. „Wellness auf dem Land in der Nähe von Lübeck, das gönn‘ ich mir“, sagt sie. „Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr, ich bin im Stress!“

Volle Bahnsteige, verspätete Züge, genervte Reisende: Der Hamburger Hauptbahnhof ist viel zu klein. Das wissen Verantwortliche seit Jahren, nun gibt es Pläne für eine Erweiterung.

Hauptbahnhof ist viel zu klein

So wie viele Bahnfahrer in Hamburg. Der Hauptbahnhof der Hansestadt ist viel zu klein für die vielen Reisenden, die hier jeden Tag ein-, aus- oder umsteigen. Mit mehr als einer halben Million Fahrgästen am Tag ist der Hamburger Hauptbahnhof einer der meistfrequentierten Bahnhöfe Europas, nur am Pariser Gare du Nord werden täglich noch mehr Fahrgäste abgefertigt. Jeden Tag verkehren in Hamburg 800 Züge des Nah- und Fernverkehrs, dazu 1200 S-Bahnen. Viel zu viel für die insgesamt nur 14 Gleise am Hamburger Hauptbahnhof. Zu Stoßzeiten sind einige Gleise doppelt belegt, zwei Züge halten parallel an einem Gleis und lassen gleichzeitig Fahrgäste aussteigen – dann geht das Gedrängel los.

„Voll, eng und zum Teil gefährlich“, beschreibt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband „Pro Bahn“ die Situation am Hamburger Hauptbahnhof. „Besonders schlimm ist es, wenn die Züge südlich außerhalb der Halle halten und sich die Fahrgäste über eine enge Treppe heraufquälen müssen.“ Er meint insbesondere die Regionalverbindung aus Richtung Bad Oldesloe auf Gleis fünf und sechs. Aber auch Gleis sieben und acht seien stark betroffen, die Gleise elf bis vierzehn sowieso.

„Stressig und häufig voll“

Eine, die das nur allzu genau kennt, ist Teresa Keler. Sie arbeitet in dem kleinen Kiosk auf dem Bahnsteig zwischen Gleis elf und zwölf – und muss bei den Massen an Menschen, die zu Stoßzeiten dicht gedrängt vor ihr stehen, die Ruhe bewahren. „Es ist ziemlich stressig und häufig voll“, sagt die 62-Jährige. „Wenn sich die Menschen hier auf dem Bahnsteig nur so vor sich herschieben, dann muss man cool bleiben.“ Den Stress der Fahrgäste bekommt Teresa Keler direkt zu spüren. „Sie wollen immer alles schnell, schnell, schnell. Egal, ich arbeite hier seit 42 Jahren hier, ich habe hier schon alles erlebt.“

Naja, fast. Die ersten Züge am Hamburger Hauptbahnhof sind 1906 abgefahren, zur feierlichen Eröffnung war Kaiser Wilhelm II. vor Ort. Der Bahnhof wurde zu einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands. Tausende von Auswanderer sind hier angekommen, um zu den Schiffen der Amerika-Linien zu gelangen, in beiden Weltkriegen wurde er für den Transport von Truppen und Gütern genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Bahnhof instandgesetzt werden, in den 70er Jahren wurde er saniert und modernisiert. An der Größe hat sich seit mehr als 110 Jahren nichts verändert. An der Stahlgerüstkonstruktion und den beiden riesigen Uhren, die man in Wandelhalle zwischen den vielen Werbeplakaten ein wenig suchen muss, kann man die Spuren des beginnenden 20. Jahrhunderts erkennen.

„Eine Katastrophe!“

Timo Gutzeit ist die historische Architektur des Hamburger Hauptbahnhofs recht egal. Er steht an Gleis 14 und wartet auf den ICE nach Stuttgart. 30 Minuten Verspätung steht auf der Infotafel. „Das ist immer so: Verspätung und permanent überfüllt! Und das zu den Preisen, Frechheit!“, sagt der 36-Jährige, der geschäftlich häufig in Hamburg unterwegs ist. „Wenn ich kann, dann fliege ich oder fahre mit dem Auto. Auch wenn ich das nicht gern mache, weil es nicht ökologisch ist. Aber ich muss mich auf die Abfahrtszeiten verlassen können, schließlich muss ich Termine einhalten.“ In diesem Moment zeigt die Infotafel eine voraussichtliche Verspätung des ICE um 40 Minuten an. „Da, das gibt es doch nicht. Es ist eine Katastrophe!“

Katastrophal für viele Fahrgäste aus dem Norden wird vielleicht auch die Zeit zwischen Weihnachten und kurz nach Neujahr. Denn vom 25. Dezember bis zum 2. Januar erneuert die Deutsche Bahn rund 1200 Kilometer Gleise, die meisten auf der Strecke zwischen Altona und Eidelstedt. Auch der Hamburger Hauptbahnhof wird nur eingeschränkt befahrbar sein. Die Züge der Nordbahn zwischen Neumünster und Bad Oldesloe fallen weitestgehend aus, die Regionalbahn zwischen Hamburg und Kiel verkehrt zu geänderten Abfahrtszeiten und nur in der Zeit von 5 bis 21 Uhr.

Bahnsteig aus Sicherheitsgründen abgesperrt

Im Sommer musste einige Male ein Bahnsteig am Hamburger Hauptbahnhof aus Sicherheitsgründen abgesperrt werden, weil es zu voll war. Vor den Treppen, die zum Bahnsteig führen, wurden testweise sogenannte No-Stop-Areas eingerichtet. Fußbodenmarkierungen haben die Fahrgäste darauf hingewiesen, nicht stehen zu bleiben, damit sie nicht von den Massen heruntergestoßen werden. Die Hinweise auf dem Boden sind heute nicht mehr zu erkennen, sie wurden von den vielen trampelnden Füßen abgelatscht. „Das Projekt ist in der ersten Erprobungsphase“, heißt es dazu von der Deutschen Bahn.

Schnelle Hilfe für Timo Gutzeit und die anderen Bahnreisenden ist nicht in Sicht, obwohl es schon im Jahr 2009 ein Gutachten des Bundesverkehrsministeriums gegeben hat, das die Kapazitätsprobleme des Bahnhofs prophezeite. Lange ist nichts passiert, nun gibt es ein paar Ideen. Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister Hamburgs und Deutsche Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla haben sich jüngst bei einem Rundgang im Hamburger Hauptbahnhof ein eigenes Bild von der Lage gemacht. Der Bahnhof müsse dauerhaft entlastet und für Reisende wieder attraktiv gemacht werden, waren sich die Beiden einig.

Hauptbahnhof soll größer werden

Langfristig soll der Bau der S 4 für Entlastung sorgen. Außerdem soll der Bahnhof größer werden: Auf der Südseite soll er über die Steintorbrücke erweitert werden, auf der Ostseite zur Kirchenallee ist eine Erweiterung mit überdachter Passage geplant. Außerdem soll auf der Nordseite des Bahnhofs Richtung Alster das Gleisfeld überdeckelt werden. Im nächsten Jahr soll es ein wettbewerbliches Verfahren zur Erweiterung geben. „Perspektivisch könnte eine Gesamtumgestaltung bis 2030 abgeschlossen sein“, heißt es von der Hamburger Verkehrsbehörde.

Also in zwölf Jahren, wenn alles im Zeitplan bleibt. „Bis dahin müssen wir jedoch dringend notwendige Maßnahmen ergreifen, um die überfüllten Bahnsteige zu entlasten“, sagt der Ex-Politiker Pofalla. Die Bahnsteige sollen erneuert werden, Aufbauten wie Kioske sollen weichen, um Platz zu schaffen. Außerdem sollen an der Südseite provisorische Zugänge zu den Bahnsteigen geschaffen werden. „Unser Ziel ist es, den direkten Zugang vom Bahnsteig auf die Steintorbrücke in den nächsten drei Jahren umzusetzen.“

„Umsteigen macht keinen Spaß“

Maria-Luise Siedler ist mittlerweile an Gleis sechs angekommen. Von dort fährt ihr Zug nach Lübeck. Sie kommt gerade die Treppen zum Bahnsteig herunter, der Zug steht schon mit geöffneten Türen auf dem Gleis. „Gerade mit dem schweren Koffer macht hier das Umsteigen keinen Spaß“, sagt Siedler. „Hamburg ist mein stressigster Knotenpunkt. Hier verpasse ich eigentlich immer meinen Anschlusszug.“ Heute nicht. Maria-Luise Seidler hat noch ganze vier Minuten, bis ihre Regionalbahn abfährt. Erleichtert steigt sie ein. „Oh, schön. Das passiert wirklich selten. Jetzt bin ich entspannt, jetzt kann der Urlaub beginnen.“

Hannes Lintschnig

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